Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1386.

„Brrr – aha“

Wie der Name schon sagt, sagt man gerne, ohne zu bedenken, wie oft man recht hat: tragikomische Namenskultur in Tschechien

In der Großstadt sind nicht allein Menschen einsam, sondern alles andere auch, blicklos, namenlos, bis auf eine Numnmer. So hat Alois Watznauer die Straßenbahn in Prag1925 gemalt
Bild: Kunstforum Ostdeutsche Galerie Regensburg. © Rudolf Alois Watznauer/Rechtsnachfolger. Foto: Wolfram Schmidt, Regensburg (siehe Seite 21)

„Auf Tschechisch heißt Prag: Brrr – aha. Und nicht mit Unrecht“, lästerte Gustav Meyrink vor rund 100 Jahren. Der weltberühmte Verfasser phantastischer Romane und Geschichten, der anfänglich Bankier werden wollte, liebte die böhmische Metropole, obwohl er 1902 ohne eigene Schuld dort eine satte Bankenpleite erlebte. Die verzieh er der Stadt nie, spickte vielmehr seine Werke mit boshaften Sottisen gegen Prag und Prager: Seine Haustore seien „aufgerissene schwarze Mäuler, aus denen die Zungen ausgefault waren“, „die Bewohner Prags hatten von jeher triftigen Grund, das Tageslicht zu scheuen“ etc.

Ernst genommen hat das gewiss niemand, höchstens wurde er dadurch auf die besondere Natur von Prager Toponymen aufmerksam gemacht. Das beginnt beim Stadtnamen selber, seit dem Jahre 723 aktenkundig und laut dem große Historiker Frantisek Palacky von „práh“ abgeleitet, also von Schwelle oder Stromschnelle, wie sie die Moldau unter Prags Hausberg Bila hora zieht.

Weiter geht es im nahen Stadtteil Holesovice, den deutsche Reisende verfluchen. Prag-Reisen enden zumeist in „Praha Hl. n.“, also „Prag Hauptbahnhof“, welche Abkürzung deutsche Reisebüros nicht kennen, weshalb sie Tickets auf „Prag Holesovice“ ausstellen. Holesovice liegt in „Praha 1“, wie auch „Mala strana“, deutsch „Kleinseite“, der anheimelnd schöne Bezirk zwischen Karlsbrücke und Hradschin. Hier lebte die kleine Gemeinde der Prager Deutschen (1930 ca. 45 000), die ihr „Kleinseitner Deutsch“ sprachen, wo man „auf“ etwas vergaß, sich „ein Bierchen gab“ (gönnte) etc. In diese „Sprache“ übersetzte Grete Reiner (1892–1941) Haseks „Braven Soldaten Schwejk“, womit sie dem Roman einen bis heute anhaltenden Welterfolg verschaffte, den das tschechische Original nie erreicht hätte.

Was „Mala strana – Kleine Seite“ auch bedeuten kann, erfährt man in Alt-Prager Wohnungen, die zwei Toiletten haben, wobei eine zweisprachig informiert: „Zde jen Mala strana prosim – Hier nur die Kleine Seite bitte“. Bei uns heißt das kindersprachlich „Pipi“. Beeindruckend ist das „prosim – bitte“, wie es erst dreißig Jahre später mit Prags „sanfter Revolution“ öffentlich üblich wurde, z. B. in der Metro, deren Bordfunk bei jedem Halt auffordert, „bitte“ rasch ein- und auszusteigen, da die Türen zugehen.

Andere Veränderungen haben sich früher abgezeichnet, etwa auf dem großen Wenzelsplatz im Stadtzentrum. Tschechisch heißt er „Václavske namesti“, firmierte aber in kommunistischer Unzeit inoffiziell als „Wechselsplatz“ – wegen der vielen Geldwechsler, die auf westliche Währungen scharf waren. Das riesige Stalindenkmal auf der Letna (dem Sommerberg) über Prag hieß im Volksmund nur „Pepi“, und als 1956 auch in der Tschechoslowakei eine zaghafte Entstalinisierung einsetzte, gab es am Denkmal Graffiti: „Pepi, gib Obacht, sie sind dir auf den Fersen!“

Aber das waren nur Scherze nebenher, denn generell dienten Ortsnamen als „Mittel symbolischer Raumkontrolle“, wie der Brünner Geograf Tomás Novotny 2016 in seiner Diplomarbeit nachwies. Ab Mai 1945 wurden über drei Millionen Deutsche aus der Tschechoslowakei vertrieben, eine Volksgruppe, fast doppelt so stark wie das zweite „Staatsvolk“, die Slowaken. Jetzt verleumdete man Deutsche als fremde Eindringlinge und verschwieg ihre Leistungen, die Novotny offen nannte: „Die Deutschen waren zumeist die höhere, herrschende Schicht und die Träger des kulturellen Fortschritts, etwa als Städtegründer, und seit dem Mittelalter eine autochthone Bevölkerung in weiten Gebieten in Grenznähe.“ Sichtbar war das an den überwiegend deutschen Ortsnamen, die ab Mitte Juni 1945 verboten wurden. Ende 1947 registrierte man 430 Namenswechsel, 845 waren es am Ende der Vertreibungen.

„Ich möchte als Prager nicht an der Moldau über ein Friedrich-Engels-Ufer spazieren, benannt nach einem unbedeutenden Provinzphilosophen aus dem 19. Jahrhundert“, sagte Václav Havel.

Inzwischen haben vertriebene Sudetendeutsche ihre Verluste verschmerzt oder vergessen, während die Tschechen des ethnisch gesäuberten Sudetengebiets immer weniger froh werden: Es ist mittlerweile ein dünn besiedeltes, ökonomisch verfallendes Armenhaus, das allein 2017 bis 2019 42 Milliarden Kronen Stützung verschlingt. Seine Ortsnamen wirken lächerlich: Wer kennt schon „Marianske Lazne“? Aber Goethes „Marienbader Elegie“ von 1823 ist weltbekannt. Taler, Dollar, Tolar und andere Scheidemünzen kommen sprachlich aus dem nordböhmischen Städtchen Sankt Joachimsthal, dessen 1516 entdeckter Silberreichtum sie „prägte“. Seit 1945 gibt es nur noch das tschechische Jáchymov und statt Silber wurde Uran gefördert – für Moskaus Atomindustrie. Ähnlich steht es um Hunderte „nationalisierte“ Ortsnamen, die kaum ein Nicht-Tscheche kennt. Weswegen Tourismuswerber reumütig vom tschechischen Olomouc zum deutschen Olmütz zurückkehren.

Wie schön, dass wenigstens Prager Straßen nach 1989 einen onomastischen (namenskundlichen) Hausputz erleben durften, den Präsident Václav Havel mit dem giftigen Bonmot einläutete: „Ich möchte als Prager nicht an der Moldau über ein Friedrich-Engels-Ufer spazieren, benannt nach einem unbedeutenden Provinzphilosophen aus dem 19. Jahrhundert.“ Also hieß das Ufer bald wieder nach dem tschechischen Ökonomen Alois Rasin (1867–1923). Im Dezember 1989 entstand die „Unabhängige Gruppe für die Benennung von Straßen und öffentlichen Plätzen“, die unter Leitung der Namenskundlerin Martina Ptacnikova von der Akademie der Wissenschaften bis 1996 Schwerstarbeit leistete: Noch 1989 wurden 40 Straßennamen geändert, danach weitere, manche bis zu achtmal. Die „Lenin-Straße“ zum Flughafen Ruzyne wurde umgehend in „Europa-Straße“ umbenannt, sechs weitere „Lenin“-Staßen folgten alsbald. Nach Klement Gottwald, dem syphilitischen Alkoholiker, der jahrelang als Partei- und Staatschef amtierte, waren vier Straßen, zwei Plätze, ein Kai und eine Brücke benannt. Ähnlich häufig erschienen auf Straßenschildern „Jungpioniere“, „Partisanen“, „Friedenskämpfer“, „Komsomolzen“, „Volksarmee“, „Staatssicherheitsdienst“, „25. Februar 1948“ (Datum des kommunistischen „Putschs von Prag) „Kosmonauten“ oder ganz einfallslos „Revolution“. Das häufigste Schild warnte an ungezählten Hausfronten „Pozor, pada omitka“ (Vorsicht, Putz fällt ab), denn das „goldene“, „hunderttürmige“ Prag verfiel zusehends.

Es gibt zwingende Logik sogar in der Architektur: Auf den „sozialistischen Aufbau“ musste einefach ein „Tanzendes Haus“ folgen – gegen die „blöde Stimmung“ in Prag und wo überall
jener „Aufbau“
gewütet hat
Bild: Wikimedia
Commons

Prager Medien machen sich in neuerer Zeit einen Spaß daraus, die Namensfolgen an Straßen und Plätzen aufzulisten, was oft genug eine unfreiwillige Komik oder gar Systemkritik offenbart. So hieß der „Masaryk-Platz“ am Moldau-Ufer ab 1942 „Reinhard-Heydrich-Platz“, nach Hitlers Statthalter im „Protektorat Böhmen und Mähren“, der einem Attentat erlag. Der „Siegesplatz“ auf der Kleinseite war zwischen 1940 und 1990 nacheinander „Wehrmachtsplatz“, „Edvard-Benesch-Platz“ und „Platz der Oktoberrevolution“. Der „Mozartplatz“ nannte sich 1948 bis 1989 „Platz der Rotarmisten“, bis ihn die Prager eigenmächtig zum „Jan-Palach-Platz“ machten, zum Gedenken an den Studenten, der sich am 19. Januar 1969 aus Protest gegen den Sowjet-Überfall auf Dubceks Reformland verbrannte.

Das moderne postkommunistische Prag bekam im Juli 1996 an der Moldau mit dem „Tancici dum“ (Tanzenden Haus) sein Symbol, das von Václav Havel gefördert war und stürmische Debatten pro und contra auslöste. Havel richtete das dekonstruktivistische Bürohaus gegen die „blba nalada“ (blöde Stimmung), die er überall in Prag fand. Recht hatte er! Das Haus bekam 1997 den US-Designpreis und kam daheim unter die fünf „besten Gebäude der letzten 90 Jahre in Tschechien“.

Wolf Oschlies (KK)

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