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Ausgaben: Ausgabe 1334.

Bücher, Medien, Veranstaltungen

Zugang zum „großen böhmischen Ganzen“

Steffen Höhne / Klaus Johann / Mirek Nemec (Hg.): Johannes Urzidil (1896–1970). Ein „hinternationaler“ Schriftsteller zwischen Böhmen und New York. Intellektuelles Prag im 19. und 20. Jahrhundert, Band 4. Böhlau Verlag, Köln, Weimar, Wien 2013, 597 Seiten, 69,90 Euro

Im Herzen Prags findet sich Am Graben 16/Na Príkope 16 eine von der Oberösterreichischen Landesregierung angebrachte Gedenktafel: „Letzter Dichter des Prager Kreises und Freund Tschechischer Künstler. Absolvent des Prager Akademischen Gymnasiums am Graben“. Urzidil, der als junger Mann in Prag einer von den drei Sprechern war, die am 19. Juni 1924 eine Totenrede auf den verstorbenen Franz Kafka hielten, verstarb als US-Bürger während einer Lesereise am 2. November 1970 in Rom.

Der umfangreiche Forschungsband „Johannes Urzidil (1896–1970) – ein ‚hinternationaler’ Schriftsteller zwischen Böhmen und New York“ ist der Ertrag der dritten internationalen und interdisziplinären Johannes-Urzidil-Konferenz, die im Mai 2010 in Ústí nad Labem/Aussig an der Elbe stattgefunden hat. Beiträge von 33 Wissenschaftlern aus acht verschiedenen Ländern belegen die verstörende Tatsache, dass ein Schriftsteller, dessen Werke nurmehr fast ausschließlich antiquarisch erhältlich sind, eine ungebrochene Aktualität aus literatur-, kulturund geschichtswissenschaftlicher Perspektive aufweist. Die spezifischen Umstände im Leben und Werk von Johannes Urzidil widerspiegeln die deutsch-tschechischen Beziehungen in einer besonderen Weise.

Dieser umfangreiche Tagungsband ordnet die durchgehend qualitativ hochwertigen Beiträge in sieben Themenfelder: „Geistiges Profil“, „Lyriker und Übersetzer im Umfeld des ‚Prager Kreises’“, „Politischer Publizist“, „Kunstbetrachter, -historiker und -sammler“, „Literaturhistoriker und Essayist“, „Briefwechsel und Freundschaften im Exil“ sowie „Erzähler im Exil – Böhmen und New York“. Bereits die Bandbreite dieser Schlagworte illustriert das spannungsreiche und schöpferische Leben Johannes Urzidils. Als Sohn eines deutschnationalen Vaters und einer zum Katholizismus konvertierten tschechischen Jüdin wuchs der in Prag geborene Johannes Urzidil inmitten dieser mitteleuropäischen Metropole auf, in welcher alte Kulturen nicht zuletzt auch deswegen mit- und nebeneinander existieren konnten, weil sie voneinander profitierten.

Urzidil stufte sich als „hinternational“ nicht nur ein, weil er bereits in seiner Kindheit abseits der großen Prager Boulevards die Hinterhöfe bevorzugt hatte, in denen es menschelte und Nachbarschaften unterschiedlicher Herkunft und Konfession ihren Alltag recht und schlecht miteinander bewältigten. Dass er an allen beteiligten Parteiungen auch Widersprüche und Fehlentwicklungen erkannte und klar benannte, macht ihn als Zeitzeugen umso glaubwürdiger.

Das gewaltsame Auseinanderdriften der deutschen, jüdischen und tschechischen Völkerschaft bedeutete für Urzidil ein lebenslanges Trauma, das er in den Jahrzehnten des Exils in den USA künstlerisch wie politisch zu verarbeiten suchte. Dabei war seine Vertreibung aus Prag als sogenannter Halbjude mit seiner jüdischen Ehefrau Gertraude im Juni 1939 freilich lange vor den Massenaustreibungen in der Nachkriegszeit erfolgt. Es war die widerrechtliche Besetzung der sogenannten Rest-Tschechei am 16. März 1939 durch die Deutsche Wehrmacht, ausgestattet mit einem zivilisationsfernen Rassenwahn im Sturmgepäck, welche gewaltsam diese über Jahrhunderte gewachsene mitteleuropäische Welt beendete.

Besonders herauszuheben ist Urzidils lebenslange Beschäftigung mit Goethe, die vor allem in seinem Werk „Goethe in Böhmen“ kulminierte, das er nach dem Krieg stark erweitert und neu überarbeitet hat. Eine oft aufgegriffene Passage in einem Brief von Goethe an Kaspar Graf Sternberg, in welcher Goethe sich „eine Übersicht über das große böhmische Ganze“ wünscht, greift Václav Petrbok in seiner Untersuchung „Johannes Urzidils Goethe in Böhmen“ auf. Goethes böhmische Anwesenheit hat Urzidil über Jahrzehnte hinweg inspiriert.

Den Herausgebern ist es gelungen, auf den zu Unrecht vergessenen Schriftstellers aufmerksam zu machen. Es liegt somit ein Meilenstein in der Darstellung einer ungewöhnlich freien und beeindruckenden Persönlichkeit vor.

Volker Strebel (KK)

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