Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
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Ausgaben: Ausgabe 1326.

Bücher, Medien, Veranstaltungen

In Prag, „wo viele Essenzen zusammenfließen“

Johannes Urzidil: „HinterNational“. Ein Lesebuch von Klaus Johann und Vera Schneider. Deutsches Kulturforum östliches Europa, Potsdam 2010. 371 Seiten, 14,80 Euro

Die Herausgeber dieses Lesebuchs haben es sich zur Aufgabe gemacht, auf das Leben und Werk des zu Unrecht vergessenen Schriftstellers Johannes Urzidil (1896–1970) aufmerksam zu machen. Es ist ihnen ein ungewöhnlich sorgfältig zusammengestelltes Lebensporträt eines freien Geistes und einer beeindruckenden Persönlichkeit gelungen. Wie kaum ein anderer hat Urzidil in einem geographisch wie ideologisch zerrissenen Jahrhundert unbeirrt an seiner Überzeugung von einem friedlichen Zusammenleben der Völker festgehalten. Das Böhmen der ersten Hälfte seines Lebens blieb für ihn auch in den Jahrzehnten des Exils sein geistiger Lebensraum. Ihm war dabei sehr wohl bewußt, daß er einer der letzten Repräsentanten jener mitteleuropäischen Kulturformation war, die bei aller inneren Verschiedenheit durch die Schicksalsgemeinschaft geprägt war.

In den 1920er Jahren kamen Urzidil sein literarisches Talent wie auch seine sprachlichen Begabungen ganz in seinem Sinne zugute, vermittelnd zwischen den Völkerschaften zu wirken. Er war unter anderem mehr als zehn Jahre lang Pressebeirat der deutschen Botschaft in Prag und publizierte zugleich fleißig in tschechischen, aber auch deutschen Blättern und Zeitschriften. Er pflegte Freundschaften zu deutschen wie tschechischen Schriftstellern, Malern und Politikern. Johannes Urzidil war einer der drei Sprecher, die am 19. Juni 1924 Totenreden auf Franz Kafka hielten.

Das gewaltsame Auseinanderdriften der deutschen, jüdischen und tschechischen Völkerschaft bedeutete für Urzidil eine lebenslanges Trauma. Dabei erfolgte seine Vertreibung aus Prag als sogenannter Halbjude mit einer jüdischen Ehefrau im Juni 1939 lange vor den Massendeportationen. Es folgten Jahre existentieller Unsicherheit und Verlorenheit. Seit 1941 lebte Urzidil mit seiner Frau in New York. Eine Rückkehr in die Heimat war ihm Zeit seines Lebens nicht mehr vergönnt. Aus Furcht, daß „die Quelle, von der meine Arbeit lebt, für immer versiegt“, versagte er  sich sogar einen Besuch als Tourist in der CSSR.

Das Merkwürdige und zugleich Faszinierende im künstlerischen Schaffen Johannes Urzidils ist, daß selbst in der „Neuen Welt“ seine böhmische Heimat und vor allem die Vaterstadt Prag prägend nachgewirkt haben. In Urzidils erzählerischem Werk wie auch in seiner Essayistik erlebt die inspirierende Kraft der kulturellen Begegnung ihre Fortsetzung. Die Erzählung „Zu den neun Teufeln“ etwa, in welcher Urzidil auf die Moldauinsel Kampa zurückkehrt, verströmt ungebrochen den geheimnisvollen Charme der Moldaumetropole: „Aber dieses Prag hier, wo auch du geboren wurdest, ist eine alte Zauberstadt. Hier haben die Rabbiner ihre Zauberlehrlinge herumlaufen lassen, und die Kaiser haben sich Goldmacher gehalten. Hier kam vieles zusammen, Ost und West, Jud und Christ, Tschech und Deutscher, Nord und Süd, und wo viele Essenzen zusammenfließen, da entstehen auch viele zauberhafte, unbegreifliche und sonst nie gesehene Dinge, Worte, Charaktere und Begebenheiten, da ist der Nährboden der magischen Kräfte und Zauberworte.“

Neben repräsentativ ausgewählten Texten aus dem produktiven Lebenswerk von Johannes Urzidil ermöglichen in diesem Lesebuch Stimmen zu „Person, Werk und Wirkung“ einen authentischen Zugang. Drei Essays von den führenden Urzidil-Experten Hartmut Binder, Peter Demetz und Gerhard Trapp sorgen für eine angemessene Zuordnung dieser ungewöhnlichen Biographie und eröffnen zugleich, vielleicht für manche unerwartet, die verblüffende Aktualität Johannes Urzidils. Ein ansprechender biographischer Abriß sowie eine beigelegte CD, auf welcher Johannes Urzidil in seinem charakteristischen Prager Deutsch zu hören ist, setzen den Anspruch der Herausgeber um, Urzidils Aktualität zu belegen.

Volker Strebel (KK)

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