Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
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Ausgaben: Ausgabe 1370.

Bücher, Medien, Veranstaltungen

Multi-, ja pluriperspektivisch

Hans Henning Hahn und Robert Traba (Hg.): Deutsch-polnische Erinnerungsorte. Bd. 1 und 2: Geteilt / Gemeinsam. Schöningh, Paderborn, 2014 und 2015, Bd. 1: 818 S., Bd. 2: 732 S

Statt die individuelle Erinnerung an Orte zu koppeln, ist es in der Wissenschaft üblich geworden, kollektive Erinnerungen zu verorten, jedenfalls tatsächliche Lokalitäten wie auch nicht topographisch gefasste Stichworte als Erinnerungsorte anzusprechen. Dieses Verfahren hat einen hohen Stellenwert und auch für die deutsch-polnischen Beziehungen einen großen Umfang angenommen. Durch mehrere Ergebnisbände tritt nun ein Großprojekt an die Öffentlichkeit, das in seiner Entstehungsphase über den engsten wissenschaftlichen Kreis nicht hinausgelangte.

Seit 2006 arbeitet eine herausgebende Projektgruppe unter der Leitung der Professoren Hahn (Universität Oldenburg) und Traba (Zentrum für Historische Forschungen der Polnischen Akademie der Wissenschaften, Berlin) an einem mehrbändigen und zeitgleich in polnischer und deutscher Sprache verlegten Werk „Deutsch-polnische Erinnerungsorte“. Es gab zahlreiche Koordinierungstreffen für eine methodische Harmonisierung. Insgesamt 115 Autoren und 25 Übersetzer waren an den knapp hundert Beiträgen beteiligt. Das Ergebnis soll die Vielfalt beider Gesellschaften, den großen Bestand materieller Gemeinsamkeiten bei unterschiedlichen Narrativen sowie den Wandel der Denkweisen wie des Wissens offenbaren. „Dass die Erinnerungen sich stärker unterscheiden als die erinnerten Themen und Ereignisse, stimmt optimistisch“, heißt es in der Einleitung.

Wer die Gegenwart betrachtet und hierbei die Messlatten für politische Wandlungen mit jeweils neuen Vorzeichen der politischen Instrumentalisierung auch von europäischen Themen im Auge behält, der wird mehr die Gefahr neuer polarisierender Wahrnehmungen denn das grundsätzliche Weichspülen von Betrachtungs-unterschieden verspüren. Die Vielzahl der Beiträge hier einzeln zu besprechen, verbietet und erübrigt sich.

Für die Palette der Möglichkeiten stehen Orte und damit verknüpfte Ereignisse (Annaberg, Danzig, Breslau/Wrocław, Kreisau, Lodz, Lamsdorf, Monte Cassino, Rom, Das Wunder von Bern 1954 & Wembley 1973), Länder und Regionen (Mitteleuropa, Preußische Ostmark/Großpolen, Schlesien, Amerika, Frankreich, Russland, Türkei), Ereignisse (Schlacht bei Liegnitz, Schlacht bei Tannenberg, Polenfeldzug), Epochen (Deutscher Orden, Erster Weltkrieg, Flucht und Vertreibung), Persönlichkeiten (heilige Hedwig, August der Starke, Adam Mickiewicz und Johann Wolfgang von Goethe, Bismarck, Friedrich der Große, Karl Marx), Symbole (Adler) und Organisationen (Hanse, SS, Ubecja und Stasi) sowie eine Fülle von heterogenen Stichworten (Verlorene Heimat/Wiedergewonnene Gebiete, Solidarnosc, Trabi & Maluch & Käfer, Kaschuben, Habsburger, Preußen, Sachsen, Sandmännchen & Lolek und Bolek) etc. Natürlich gibt es auch bedeutsame Lücken (Plebiszit, Oder, Katyn, Sender Gleiwitz [für Polen nur ein Rubrum unter dem Septemberfeldzug 1939], Riesengebirge).

Es ist lehrreich, sich solchen Begriffen und ihrem Inhalt aus der Sicht zweier Nationen zuzuwenden. Zwar haben Wissenschaftler die Beiträge verfasst, und sie haben dies durchweg kenntnisreich getan. (Hier und da werden im jeweiligen Zeitkontext falsche Ortsnamensbezeichnungen verwandt: Beispielsweise kann der oberschlesische Prälat und Politiker Carl Ulitzka nichts mit Racibórz zu tun haben.) Doch gewichtiger ist, dass man es in aller vorgeblichen Abgewogenheit mit Meinungen und Ansichten der Autoren zu tun hat, die diese denn auch ohne weiterführende Quellenbelege mit einem gewissen Absolutheitsanspruch verkünden (dürfen).

Dessen muss man sich eben stets bewusst sein: Hier wird viel Hintergründiges berichtet und neu in Beziehung gesetzt. Hier werden Deutungen und Erklärungsmuster dargestellt. Was in der Hauptschreibphase von 2006 bis 2010 galt und von 2010 bis 2012 in den Redaktionsprozess einfloss, das kann sich schon wieder leicht gewandelt haben. Wer des einen oder anderen Autors sonstige Schwerpunkte sowie sein Gedankengebäude und Argumentationsschema kennt, der findet solche Wendungen (bis hin zu Verrenkungen) auch hier wieder. Es gibt kein durchgängiges Verfahren, deutsche Autoren zu polnischen Stichworten und umgekehrt schreiben zu lassen. Das ist auch gut so (zumal 9 Prozent der Beiträger nicht aus diesen beiden Nationen stammen). Es gibt zuweilen national gemischte Teams, die sich zu einem gemeinsamen Text durchgerungen haben. Auch dies wäre ein Kompromiss. Wissenschaft heißt hier Annäherung an Begriffe, und inhaltliche Argumentationen mit wissenschaftlichen Mitteln bedürfen der Abwägung und der stringenten Beweisführung. Mancherorts staunt man dann doch. „Im 19. Jahrhundert war man sich im deutschen Sprachraum nicht ganz einig, ob Breslau kulturell eine deutsche Stadt sei.“ Wirklich?

Viel Raum kommt der beiderseitigen Erinnerung zu. Die deutsche Wahrnehmung hat es schwer. Das Denken der Alten und ein damit gleichgesetztes altes Denken werden einem generellen Verdacht ausgesetzt, der sich dann in einem Satz manifestiert wie: „Dennoch blieben auch in den 1990er Jahren noch alte Schablonen bestehen.“ Was ist von Aussagen zu halten, wonach „Schlesien bei der Entstehung des preußischen Nationalismus eine Schlüsselrolle spielte“, oder davon, dass der Aufruf des preußischen Königs „An mein Volk“ (1813) als „Wendepunkt im Prozess der Eingliederung Schlesiens nicht nur in die preußische Geschichte, sondern auch in die Nationalgeschichte Deutschlands“ bezeichnet wird? Solche weitgreifenden Behauptungen gehören eingehend erläutert.

Der Beitrag über die „SS“ steht für die Wahrnehmung dieser nationalsozialistischen Organisation durch Rechtsprechung und Publizistik, ganz überwiegend in Deutschland. In dieser Formations- und Geschichtsdarstellung fehlt das konkrete historische Wirken der SS in Polen und gegenüber der polnischen Bevölkerung, d. h. sowohl ihre Verbrechen als auch die realen Tatstätten. Auch von der polnischen Wahrnehmung bestimmter Aspekte, z. B. der Eingliederung von Litauern in SS-Verbände, ist kaum die Rede. Beobachtungen wie „Populäre Darstellungen der SS, ihrer Einheiten und prominenten Mitglieder reüssieren auf dem polnischen Buchmarkt“ und „Geschichtsbegeisterte schlüpfen in SS-Uniformen“ hat der polenerfahrene Rezensent auch schon gemacht. Doch diese für viele in Deutschland sehr ungewöhnlichen polnischen Gegenwartsentwicklungen gälte es zu erläutern und zu erklären. Leider Fehlanzeige.

Der Beitrag über den „Bromberger Blutsonntag“ behandelt ein Ereignis aus dem September 1939, dessen genaue Rekonstruktion bis heute misslingt, das seinerzeit von der nationalsozialistischen Propaganda vereinnahmt wurde und heute nur Spezialisten noch etwas sagt. Die polnische Wahrnehmung ist systemübergreifend stabil, sowohl in der dargelegten Fülle publizistischer Veröffentlichungen wie in überkommenen nationalen Deutungsschemata. Obwohl in Polen Beweise für den Tatverlauf fehlen, halten immer noch Thesen her. Dies stellt der polnischen Geschichtswissenschaft nach 70 Jahren kein gutes Zeugnis aus. Aber was für ein Sprachstil ist es, wenn der deutsche Autor die „braune Kampfpresse der 1960er Jahre“ anspricht? Dazu passt die saloppe Formulierung: „Für die Knoppsche Geschichtsindustrie im ZDF war das Thema vermutlich nicht spektakulär genug“. Sind solche Floskeln seriös?

„Monte Cassino“ steht für die polnische Wahrnehmung des militärischen Einsatzes gegen eine gut ausgebaute deutsche Verteidigungsstellung in Mittelitalien, die zu erheblichen Verlusten führte. Jeder Artikel beginnt mit einer Sachdarstellung. Hier verbinden die beiden italienischen Autoren die Evakuierung der Kunstgüter aus dem benediktinischen Mutterkloster mit der Bewertung, die „Aktion … wurde von der nationalsozialistischen Propaganda ausgenutzt, um sich mit der ‚Verteidigung der Zivilisation‘ zu brüsten“. Es kommt auf den Ton an. Lässt sich nichts ohne nachträgliche Bewertung darstellen? Zur Zusammensetzung der Wehrmacht heißt es: „Personen polnischer Abstammung (Schlesier und Kaschuben)“. Soll man jeden Satz auf Wahrheit und Wahrhaftigkeit prüfen? Zwischendurch wird die Überzeichnung eines britischen Historikers wiedergegeben, der die Schlacht zum „schwersten … Kampf der westlichen Alliierten mit der Wehrmacht an allen Fronten“ stilisiert und dazu sogar glaubt: „Für viele Deutsche war sie sogar schlimmer als Stalingrad.“ Mit welcher Waage soll das gemessen sein? Stalingrad ist in dem Werk übrigens kein gleichermaßen deutsch-polnisch konnotierter Erinnerungsort. Das Ende des Beitrages mündet in die Feststellung der Autoren, „in den polnischen und deutschen Erzählungen über Monte Cassino [sei] weiterhin kein Platz für die italienische Variante der Erinnerung“. Das verweist über die Intention dieses Buches hinaus auf die Notwendigkeit einer europäischen Sicht auf Erinnerungsorte.

Von den Massenvergewaltigungen italienischer Frauen durch disziplinlose nordafrikanische Kolonialtruppen der Franzosen zu lesen erschreckt, und man hätte gerne mehr gewusst. Offenbar hat das kleine Hauptredaktionsteam vieles durchgehen lassen. Darum ist das Kompendium kein Standardwerk, das unbesehen zur Orientierung taugt. Vielleicht sollte – bei aller Komplexität und Methodendiskussion – die Bilanz gezogen werden: Es gibt gelungene und es gibt misslungene Beiträge, es gibt gute Autoren und solche, die neben den guten noch schlechter aussehen. Sehen wir angesichts der großen inhaltlichen Breite (und ergänzend zum noch vorhandenen individuellen Gedächtnis) alle Beiträge als Grundlage für gehaltvolle und weitgreifende Diskussionen. Dem größeren Ziel der Herausgeber, „die Entstehungs- und Sinnge-bungsmechanismen … gesellschaftlicher Vergangenheitsvorstellungen, die eine identitätsstiftende Bedeutung für die Selbstdefinition eines jeden Kollektives haben“, aufzudecken, wird dadurch auch entsprochen. Für das kollektive Gedächtnis wird all das pointiert, provokativ oder positivistisch Dargereichte nur dann etwas bringen, wenn sich viele mit viel Aufmerksamkeit und Geduld den Bänden widmen. Das sei hiermit sehr empfohlen.

Stephan Kaiser (KK)

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