Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
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Ausgaben: Ausgabe 1373.

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Versehrtes Kleinod

Lisaweta von Zitzewitz (Redaktion): Karzniczka/Karstnitz. Schlösser und Gärten in der Wojewod schaft Pommern. Heft 1. Hrsg. von der Stiftung Europäische Akademie Külz–Kulice, 96 Seiten. Bezugsadresse: Freundeskreis Schlösser und Gärten der Mark, Voßstraße 22, 10117 Berlin, Telefon 030 / 88 41 22 66, oder unter www.freundeskreis-schloesser-mark.de oder über akademiakulice@pro.onet.pl. 12 Euro (zzgl. Versandkosten)

In Pommern hatte es sich eingebürgert, dass fast jedes Gutshaus, das als Stammsitz einer adligen Familie diente, als Schloss bezeichnet wurde. Jedes Dorf war stolz auf „sein Schloss“, auch wenn es noch so klein war. Wirkliche Prachtbauten sind allerdings an einer Hand abzuzählen, je weiter man nach Osten kommt. Das Wasserschloss Karstnitz, gelegen etwa 17 Kilometer nordöstlich der Kreisstadt Stolp, gehörte zu den herrschaftlichen Häusern, die über die Grenzen Hinterpommerns hinaus Beachtung fanden. Im Januar 1937 schmückte eine Ansicht des Schlosses in Deutsch-Karstnitz die Titelseite des „Deutschen Adelsblattes“. Das Schloss befand sich von 1686 bis 1945 im Besitz der alten pommerschen Adelsfamilie von Puttkamer. Die recht prosaische Beschreibung von vor fast 80 Jahren lässt die herrliche Lage und die Größe des Anwesens erahnen.

Das Gutshaus war ursprünglich auf einer künstlichen Insel errichtet worden, die von einem Wassergraben umgeben ist. Wie üblich wurden das Wohnhaus und die angrenzenden Gebäude mehrfach umgebaut. Auch Anbauten wurden notwendig, weil sich die Bedürfnisse der Bewohner änderten oder ihr gesellschaftlicher Aufstieg ein ansehnlicheres Haus erforderte. Das eigentliche repräsentative Schloss ist erst Anfang des 19. Jahrhunderts unter Georg Henning von Puttkamer (1727–1814) und vor allem unter seinem Sohn Wilhelm von Puttkamer (1782–1858) und seiner Ehefrau Wilhelmine Louise von Thulemeyer (1793–1877) entstanden. Es erregte immer wieder Bewunderung, faszinierte Besucher und war ein beliebtes Motiv für Fotografen und Künstler, u. a. gibt es mehrere Zeichnungen von Rudolf Hardow (1878–1946), der mit seinem umfangreichen Zeichenwerk aus dem Bereich Stolp und aus anderen Regionen eine einzigartige Dokumentation Hinterpommerns hinterlassen hat. Die nachfolgenden Generationen der Puttkamers haben das Schloss bis 1945 erhalten können.

Inzwischen ist ein verheerender Krieg über das Land gegangen. Wo einst Deutsche lebten, haben nun Polen ihre neue Heimat, und sie nennen Karstnitz jetzt Karzniczka. Im März 1945 besetzten sowjetische Truppen Karstnitz. Das Schloss wurde geplündert, aber nicht zerstört. Das Haus, später Eigentum des polnischen Staates, beherbergte zunächst eine Landwirtschaftsschule, später eine landwirtschaftliche Beratungsstelle. Nach der Wende 1990 übernahmen verschiedene Investoren das Anwesen; es wurde aber nur wenig getan, um das Gebäude zu sanieren und einer neuen Nutzung zuzuführen. In der Nacht vom 3. zum 4. November 2009 zerstörte ein Feuer – ausgelöst wohl durch Brandstiftung – das Schloss.

Was wird die Zukunft für das einst stolze Anwesen der Puttkamers bringen? Glücklicherweise ist 1964 laut Beschluss des Denkmalamtes der Wojewodschaft in Köslin das Schloss mit Park und Wassergraben in das Denkmalregister eingetragen worden. Nach dem Brand wollte der damalige Eigentümer die Streichung des Schlosses aus dem Denkmalregister erreichen. Der Minister für Kultur und nationales Erbe lehnte dies im Hinblick auf den großen historischen Wert und die architektonische Bedeutung der Schloss- und Parkanlagen mit dem Wassergraben jedoch ab. Wie das Schloss einst war, lässt sich aus einer Fotodokumentation mit Außen- und Innenansichten rekonstruieren, die das Denkmalschutzamt der Wojewodschaft Pommern in Danzig, Delegatur Stolp, besitzt.

Seit kurzem gibt es zudem eine in deutscher und polnischer Sprache verfasste Monografie über die Eigentümer, die Baugeschichte und über die Parkanlagen von Schloss Karstnitz mit zahlreichen historischen und gegenwärtigen Fotografien sowie mit Urmesstischblättern und Grundrissen des Schlossbaus. Mehrere Fotos präsentieren frühere Besitzer, andere lassen einen Blick in Wohnräume zu, und Aufnahmen von Familienfeiern zeigen die Ausstattung des herrschaftlichen Ballsaals. Herausgegeben wurde die Dokumentation mit Unterstützung des Vereins zur Förderung der deutsch-polnischen Zusammenarbeit e. V. und des Freundeskreises Schlösser und Gärten der Mark. Die Verfasserinnen Katarzyna Bartosiewicz und Lisaweta von Zitzewitz konnten für ihre Recherchen u. a. Eberhard von Puttkamer, den ältesten Sohn des letzten Schlossbesitzers von Karstnitz, zu seinen Erinnerungen an sein Vaterhaus befragen.

Mit Schloss Karstnitz wird eine Reihe von Monografien fortgesetzt, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, auf Schlösser und Parkanlagen im Osten hinzuweisen. In der Reihe der Schlössermonografien zu Hinterpommern sind bisher ausschließlich Dokumentationen über Anwesen in der Wojewodschaft Westpommern erschienen. Mit der Monografie über Karstnitz wird die neue Serie „Schlösser und Gärten in der Wojewodschaft Pommern“ gestartet. Die Wojewodschaft Pommern umfasst den östlichen Teil Hinterpommerns, die historische Landschaft Pommerellen sowie Teile von Ost- und Westpreußen einschließlich Danzig.

Es bleibt zu wünschen, dass die Monografie über Schloss Karstnitz, die auch ein umfangreiches Quellenverzeichnis enthält, dazu anregt, über einen Wiederaufbau des Schlosses nachzudenken.

Elsbeth Vahlefeld (KK)

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