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Ausgaben: Ausgabe 1377.

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Auch Hoffnung kann man fotografieren

Blanka Lamrová: Zlom epochy Praha 1989. Zeitenwende Prag 1989. The End of an Era Prague 1989. KANT, Prag 2016, 115 Seiten, 450 tschechische Kronen

Der vorliegende Band enthält außer einem Vorwort, das in tschechischer, deutscher und englischer Sprache abgedruckt ist, ausschließlich Fotos. Die Bilder sind ohne Unterschrift oder Titel wiedergegeben. Die renommierte Fotografin Blanka Lamrová kann sich darauf verlassen, dass die Motive für sich selbst sprechen.

Aufgeteilt ist dieser ausdrucksstarke Bildband in die Kapitel „Flüchtlinge“, „Die samtene Revolution“ und „Eine neue Zeit“. Bilder aller drei historischen Brennpunkte der Jahre 1989 und 1990 waren seinerzeit um die Welt gegangen. Nur auf den ersten Blick haben diese dramatischen Phasen in der Geschichte der Tschechoslowakei und Prags nichts miteinander zu tun. Doch der innere Zusammenhang lag damals nicht nur in Prag in der Luft.

Der mit dem Stichwort „Flüchtlinge“ überschriebene Bilderteil beleuchtet jene dramatischen Vorgänge, die sich im Sommer 1989 in und um die bundesdeutsche Botschaft im Prager Palais Lobkowitz abgespielt haben. Tausende DDR-Bürger hatten dort Unterschlupf gesucht, um von hier aus in die Bundesrepublik ausreisen zu können. Hunderte von verlassenen Autos prägten das Bild der umliegenden Straßen.

Neben sympathischen Gesten der Solidarität und Hilfsbereitschaft von Prager Bürgern beeindrucken vor allem Bilder aus dem Botschaftsgarten, zumal die sozialen und vor allem hygienischen Zustände die Maße des Erträglich zu sprengen gedroht hatten. Die Menschen hausten auf den überfüllten Gängen und Fluren sowie in Zelten im verschlammten Garten. Zum Teil musste man stundenlang an den improvisierten Toiletten anstehen. Die Gefahr eines Ausbruchs von Seuchen wuchs. Der Botschafter Hermann Huber und seine Mitarbeiter sowie die hinzugekommenen Kräfte des Roten Kreuzes leisteten Übermenschliches.

Das unbeholfene Unterfangen der Ostberliner Führung, am 4. Oktober 1989 die Grenze zwischen der DDR und der CSSR zu schließen, wirkte wie ein Katalysator. Am 9. November ereignete sich der Mauerfall in Berlin, und Mitte November 1989 wurde mit der Samtenen Revolution das Ende der kommunistischen Diktatur in der CSSR eingeläutet. Die Momentaufnahmen aus den Straßen Prags erinnern in ihrer Spontaneität an Szenen der aufregenden Zeit des Prager Frühlings von 1968.

Zehntausende Menschen, die sich auf dem Altstädter Ring und auf dem Wenzelsplatz versammelten, demonstrierten friedlich für das Abtreten des ungeliebten Regimes der tschechoslowakischen Kommunisten. Wie bereits im Jahr 1968 ersetzten auch in den Monaten der Samtenen Revolution selbstgeschriebene Plakate und Transparente die öffentliche Auseinandersetzung der Meinungen. „Havel auf die Burg!“, „In der Einheit liegt die Kraft, in der Vielfalt die Hoffnung“ oder „Rückkehr nach Europa“ waren populäre Slogans, die an Wände oder Schaufenster geklebt wurden. Nach Jahrzehnten einer sowjetisierten Stagnation bewiesen die Tschechen und Slowaken sich und der Welt, dass sie Europäer sind, die ihre bürgerlichen Werte wieder zum Leben erweckt haben.

Im abschließenden Kapitel „Eine neue Zeit“ rühren besonders die ungelenken Gesten, welche die ersten Schritte jenseits eines Lebens unter totalitärer Herrschaft kennzeichneten. Gerade von der Unbeholfenheit und Improvisation gingen jedoch jene sympathischen Impulse aus, mit denen der Dichter-Präsident und frühere Dissident Václav Havel damals die Herzen seiner Mitbürger, aber auch viele Freunde im Ausland gewann. Statt unkontrollierter Macht herrschten jetzt die Hoffnungen auf ein Leben ohne oktroyierte Staatsideologie. Aus der ganzen Welt trafen Gäste ein, etwa das britische Thronfolgerpaar, Papst Johannes Paul II. oder der Dalai Lama.

Der Künstlerkollege Josef Moucha fasst in seinem engagierten Vorwort die damaligen politischen Umstände pointiert zusammen. Sämtliche Szenerien waren letztendlich Ausdruck des Zerfalls jener ökonomisch wie moralisch zerrütteten Gesellschaftsformationen, die sich selbst als „real existierender Sozialismus“ bezeichnet hatten. Die Macht des Sozialismus, die von keinen demokratischen Wahlen legitimiert war, beruhte auf der unverhüllten Gewalt des Großen Bruders, der Sowjetunion.

Nachdrücklich betont Josef Moucha, dass die Genossen bis zur Samtenen Revolution im November 1989 die Macht fest im Griff hatten und nicht gewillt waren, diese zu teilen. Die Authentizität der Fotos gewinnt daher an Bedeutung, zumal zum Zeitpunkt ihrer Aufnahme „über die positive Entwicklung der Geschichte noch keineswegs entschieden war. Erst mit zeitlichem Abstand entsteht der Eindruck, die Sache habe nicht anders als glücklich enden können.“ Ein Gedanke, der ein Vierteljahrhundert nach dem Zerfall des „realen Sozialismus“ an Bedeutung nicht hoch genug einzuschätzen ist, zumal sich in Mitteleuropa ein gewisser Gedächtnisschwund bemerkbar macht und in Russland eine unkritische Sowjetnostalgie um sich greift. Vor dem Hintergrund zweier totalitärer Diktaturen auf deutschem Boden hat der Schriftsteller Reiner Kunze eine Mahnung von brennender Aktualität formuliert: „Vergangenheit nicht zu kennen, kann die Zukunft kosten.“

Volker Strebel (KK)

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