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Ausgaben: Ausgabe 1380.

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Totalitäre Versuchungen

Leonid Luks: Zwei „Sonderwege“? Russisch-deutsche Parallelen und Kontraste (1917–2014). Ibidem Verlag, Stuttgart 2016. 289 Seiten, 34,90 Euro

Die „Vergangenheit nicht zu kennen kann die Zukunft kosten.“ Diese Mahnung hat der Dichter Reiner Kunze vor dem Hintergrund zweier totalitärer Diktaturen auf deutschem Boden formuliert. Es scheint, als habe Leonid Luks diese Einsicht zur Richtschnur seiner Untersuchungen gemacht. Der vorliegende Sammelband vereint eine Reihe von verstreut publizierten Artikeln, Aufsätzen, Einwürfen und Essays, in welchen sich Leonid Luks am Beispiel Deutschlands und Russlands landesgeschichtlichen Besonderheiten widmet, die als Ansätze einer Erklärung für Vorgänge in der Gegenwart gelten können.

Unter der Fragestellung „Demokratie oder Ideokratie?“ geht Luks zum einen dem Scheitern sowohl der „ersten“ russischen wie auch deutschen Demokratie nach. Die historischen Vorgänge erfahren im Beitrag „‚Eurasier‘ und ‚Konservative Revolution‘. Zur Antiwestlichen Versuchung in Russland und in Deutschland“ eine ideengeschichtliche Ausleuchtung.

Sowohl bei den Anhängern der „Eurasier“, einer vor allem im westlichen Exil auftretenden russischen Denkströmung, als auch bei Vertretern der „Konservativen Revolution“ in Deutschland hatte sich im Laufe der 1920-er und 1930-er Jahre eine lebhafte Ablehnung gegenüber dem westlichen Liberalismus und Parlamentarismus ausgebildet. Als „Parallelen ohne Berührungen“ umschreibt Luks die in beiden Ländern gleichzeitig sich entwickelnden Bestrebungen, die kaum Kenntnis voneinander hatten. Während die nationalrevolutionären Kreise in Deutschland der NS-Diktatur zum Opfer fielen, gerieten die aus dem Exil in die Sowjetunion zurückgekehrten „Eurasier“ in die stalinistischen Mühlen.

Im umfangreichsten Abschnitt, „Totalitäre Versuchungen – Bolschewismus, Faschismus, Nationalsozialismus“, zeigt Luks Ähnlichkeiten und Unterschiede dieser gewalttätigen Erscheinungen des 20. Jahrhunderts auf. Dabei erweist sich das Aufspüren der gegenseitigen Fehleinschätzung dieser ideologischen Strömungen als besonders aufschlussreich.

Die bis heute in linken Kreisen leichtfertig vorgenommene Stigmatisierung missliebiger politischer Strömungen als Parteigänger des „Faschismus“ nützt letztlich dem nationalsozialistischen Gegner. Sowohl die Entstehung als auch die weltanschauliche Exklusivität des Nationalsozialismus werden nivelliert, wenn historische Hintergründe ausgeblendet bleiben. Angelegt ist diese marxistisch-leninistische Fehleinschätzung im Unvermögen, „die bolschewistische Revolution – neben dem Weltkrieg – als das erste Glied einer nichtabreißenden Kette von Gewalttaten zu deuten, die auch das Aufkommen des Faschismus verschuldet“ hat.

In die Zukunft gerichtete Perspektiven deutscher wie russischer Befindlichkeiten sind unter dem Gesichtspunkt „Die Sehnsucht nach dem Imperium im postsowjetischen Russland und deutsch-russische Parallelen“ versammelt.

Mit besonderer Vorliebe kommt Luks auf die Einschätzungen des russischen Exilhistorikers Georgij Fedotov zu sprechen, der sich als russischer Patriot leidenschaftlich dagegen verwahrt hatte, dass seine Kritik an der imperialistischen Machtpolitik seiner Heimat als generelle Kritik an Russland denunziert wurde. Ein scheinbar zeitloser Trick der Mächtigen im Kreml, der bis heute sowohl bei der eigenen Bevölkerung als auch im ahnungslosen Ausland erfolgreiche Anwendung findet. Leonid Luks läßt an dieser Stelle Georgij Fedotov ausführlich zu Wort kommen und spricht in diesem Zusammenhang von einem aktuellen Vermächtnis für Russlands Zukunft im freundschaftlichen Verbund freier Staaten: „Der Verlust des Imperiums stellt eine sittliche Reinigung dar, die Befreiung Russlands von einer schrecklichen Bürde, die sein Antlitz entstellte. Von den militärischen und polizeilichen Sorgen befreit, wird sich Russland seinen inneren Problemen widmen können, vor allem dem Aufbau … einer freien, sozialen und demokratischen Gesellschaftsordnung.“

Statt eines Ausblickes bietet der vorliegende Band unter dem Stichwort „Repliken“ Stellungnahmen des Autors im aktuellen Kontext politischer wie auch publizistischer Herausforderungen. Sein Aufsatz „Totalitäre Weltbilder lassen sich durch rationale Argumente nicht erschüttern“ lässt auf eindrucksvolle Weise an Erkenntnissen teilhaben, die sich im Laufe einer jahrzehntelangen Beschäftigung mit irrationalen ideologischen Strömungen angesammelt haben.

Deutschland und Russland eint die einschneidende Erfahrung totalitärer Heimsuchung. Bei aller Verschiedenheit ideologischer wie historischer Hintergründe lassen sich Analogien aufzeigen, die sich bis in die unmittelbare Gegenwart auswirken. Beide Länder haben totalitäre Diktaturen ertragen und stehen vor der Aufgabe, deren verheerende Folgen bezüglich wahrgenommener persönlicher Verantwortung im gesellschaftlichen Diskurs aufzuarbeiten.

Leonid Luks, geboren 1947 in Sverdlovsk/Jekaterinburg, hat sein Abitur in Stettin/Szczecin abgelegt und in Jerusalem und München studiert. Nach jahrelanger Tätigkeit als ordentlicher Professor leitete er von 2011 bis 2015 als Direktor das Zentralinstitut für Mittel- und Osteuropastudien (ZIMOS) an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. Mit einer Vielzahl von Publikationen hat er sich in der internationalen Fachwelt als anerkannte Autorität etabliert.

Volker Strebel (KK)

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