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Ausgaben: Ausgabe 1380.

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„Die Abgeschnittenen“

Hans Bergel: Glanz und Elend der Siebenbürger Sachsen. Rückblicke und Ausblicke eines Beteiligten, Edition Noack & Block, Berlin 2017, 222 Seiten, 24,80 Euro

Eine Ethnie in vielerlei Gestalt, porträtiert in zehn Essays: Mit den „Spannungs- und Mentalitätsfeldern Südosteuropas“ ist sie seit jeher vertraut, sie hat ein „historisches Gespür in der Beurteilung der Lage“ – auch ihrer eigenen – und fasst daraufhin Beschlüsse, die sie bislang überleben ließen. Zwar war sie wehr- und waffenfähig, dennoch ging von ihr niemals ein Akt der Aggression aus. Ihre Anlagen, Burgen und befestigten Städte dienten der Verteidigung. Um in einem rauhen Zipfel Europas zu bestehen, „musste“ sie „national denken“ – in unbeständigen, wechselhaften Zeiten schien nichts so zuverlässig zu sein wie die Volkszugehörigkeit. Es ist davon auszugehen, dass sich ihr Sinn fürs Gemeinschaftliche im Lauf der Jahrhunderte verfeinerte und verstärkte – bis er sich als wahre Lebensquelle erwies.

Gewidmet ist dieses Buch den Siebenbürger Sachsen. Es ist keine Chronik und liefert auch keinen Stoff zur Gestaltung eines objektiven Geschichtsunterrichts. Was es bietet, ist ein lebendiges Tableau, das künftigen Generationen plastisch vermittelt, was eine kleine Gruppierung im südöstlichen Europa in verschiedenen Jahrhunderten durchgemacht hat. Es würdigt deren Beitrag zur Literatur- und Kulturgeschichte Europas, deren architektonische und handwerkliche sowie administrative Leistungen und legt die existenzielle Not nahe, die sie dazu veranlasst hat, mit ihren „altmodischen Tugenden Fleiß, Arbeitswille, Bescheidenheit, Genügsamkeit, Gemeinschaftsgeist“ in ihre „alte“ Heimat zurückzukehren. „Die Abgeschnittenen“, so nennt sie der Autor – „ich werbe um Verständnis für sie, deren Not mich dauert“. Denn er kennt ihre unsichtbaren Wunden, die sich nicht schließen wollen, aber dank ausgeprägter Selbstheilungskräfte selten bluten, nur ab und zu schmerzen.

„Das Motiv ihres historischen Verhaltens war immer die Freiheit“ – sie brachte ihnen höchstes Glück und tiefstes Leid. Dennoch gehen unwiderrufliche Fehleinschätzungen historischer Entwicklungen auch auf ihre Rechnung – zum Beispiel das Festhalten an der Vorstellung: „Was seit dem Hochmittelalter aus dem Reich der Deutschen kam, sei es der Gedanke, sei es das Werkzeug, war schon allein daher als Wert ausgewiesen.“ Larmoyanz verbietet sich der Porträtist. Sein Anliegen ist: dem Überlebensinstinkt der Gemeinschaft, der er entstammt, illusionslos nachzugehen, um ihr „Lebensstimulans“ aufzudecken. Die „königlichen Gastsiedler von jenseits der Wälder“ belebt er wieder und wieder, um deren Geschichte als Existenzial neu zu erzählen.

Die Siebenbürger Sachsen „leisteten im Laufe ihres geschichtlichen Daseins vom Hochmittelalter bis ins 20. Jahrhundert das schier Unfassliche“. Doch dies als „Mirakel“ zu bezeichnen wäre falsch: Ihr Realitätssinn war es, der sie gewichtige Entscheidungen treffen hieß. So geschehen auch 1989/90, als ihr „Massenexodus“ einsetzte. In ihrem „Es reicht!“ drückte sich weder Mutlosigkeit noch Verzagtheit aus, sondern die Bereitschaft, einen Neubeginn „in erhofftem angemessenem Umfeld“ zu wagen. Davon ist der Autor überzeugt. Aufgrund der kulturellen Verflochtenheit Europas und des frühen Wahrnehmens seiner Einheit kann diese Deutung nachvollzogen werden. Eine Frage jedoch bleibt im Raum und gibt zu denken: „War unser Europa ehemals nicht einheitlicher als heute? Gehörten seine geschwisterlichen Kulturregionen vom Atlantik bis zu den Karpaten und darüber hinaus nicht auf eine selbstverständlichere Weise zueinander als in unseren Tagen, da wir uns mit Hilfe überforderter Ideologien und spät gewonnener Weisheiten mühen, die kurzsichtig verspielte Einheit durch eine neue zu ersetzen?“ – Das Jahr 2017 wird uns einige Antworten auf diese Frage bescheren.

Ingeborg Szöllösi (KK)

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