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Ausgaben: Ausgabe 1381.

Bücher, Medien, Veranstaltungen

Luther auf Gutkatholisch

Karl Lehmann: Mit langem Atem – der Kardinal im Gespräch mit Markus Schächter. Herder Verlag, Freiburg 2016, 272 S.
Gabriele Lautenschläger: Joseph Lortz 1887–1975. Weg, Umwelt und Werk eines katholischen Kirchenhistorikers. Echter Verlag, Würzburg 1987, 563 S.

In seinem neuen Buch „Mit langem Atem“ erwähnt der Mainzer Kardinal Karl Lehmann den aus Luxemburg stammenden Kirchenhistoriker Professor Joseph Lortz, dessen zwei Bände „Die Reformation in Deutschland“ (Freiburg 1939/40) für das neue katholische Lutherbild „bahnbrechend“ gewesen sind. Lortz war von 1929 bis 1935 Professor an der Theologischen Fakultät der Staatlichen Akademie im ostpreußischen Braunsberg (heute polnisch Braniewo), ging dann nach Münster und war bis 1975 Direktor des Instituts für europäische Geschichte an der Universität Mainz.

Lortz war frühzeitig auf die Parolen der Nazis hereingefallen und veröffentlichte 1933 die Schrift „Katholischer Zugang zum Nationalsozialismus“, in der er wesentliche Grundziele der NSDAP bejahte. 1938 trat er jedoch aus.

Zusammen mit den Professoren Karl Eschweiler und Hans Barion verunsicherte er ganz kurz den ermländischen Bischof Maximilian Kaller: Ja, wenn gar solch kluge Professoren meinten, man könne Nationalsozialismus und Kirche in Einklang bringen … Kaller erkannte schnell seinen Irrtum und wurde zu einem der heftigsten Gegner der Nazis unter den deutschen Bischöfen. Leider ist das im Westen wenig bekannt. Kaller predigte 1937 auf einer Wallfahrt, an der jeder dritte ermländische Mann teilnahm: „Einer ist euer Führer, Christus!“ Nach dem „Endsieg“ wollten die Nazis mit Kaller abrechnen. Mit polnischer Unterstützung läuft heute ein Seligsprechungsprozess.

Von den drei Braunsberger Professoren erhielt nur Lortz nach 1945 wieder eine staatliche Anstellung. Eschweiler starb, und Barion, den die Nazis an die Universität München gebracht hatten, war dort die Ursache für die Schließung der Katholischen Fakultät, weil Kardinal Faulhaber seinen Theologiestudenten verbot, seine Vorlesungen zu besuchen. Lautenschläger druckt das Gutachten ab, mit dem Bischof Kaller 1946 Lortz entlastete: „Lortz hat sich trotz seines Beitritts zur NSDAP 1933 kirchenrechtlich durchaus korrekt verhalten.“

Schon 1929 hatte Lortz damit begonnen, sich in Vorträgen für eine Revision des katholischen Lutherbildes einzusetzen. Er wollte sich damit in das ökumenische Gespräch einbringen, trat für die Una Sancta ein und begann in Braunsberg mit der Vorbereitung seiner Reformationsgeschichte, deren Veröffentlichung bei Herder sich verzögerte.

Wie seine Biographin Lautenschläger festhält, wird Lortz im Nachhinein seine Braunsberger Zeit als die anregendsten Jahre seiner akademischen Laufbahn überhaupt charakterisieren. „Dort oben im Rahmen der so reichen, vielfältig gegliederten Landschaft am Haff, in der Nähe der Ostsee … ohne nennenswerte Verwaltungsarbeit, mit einem Auditorium von insgesamt etwa 150 Hörern …“ Diese offensichtlich ebenso beschaulichen wie vergnügungsreichen Jahre in Ostpreußen boten Lortz nicht nur hinreichend Gelegenheit, Freundschaften zu knüpfen und zu pflegen. Sie gaben ihm auch die Chance, sich der Ausarbeitung bzw. Vorbereitung seiner kirchengeschichtlichen Hauptwerke zu widmen, wie seine Biographin hervorhebt. Lortz konnte sich also seinen Lutherforschungen hingeben, gegen die sich natürlich auch Protestanten und konservativ-katholische Kreise verwahrten. „Aus Bewunderung für die Genialität des Reformators“ habe Lortz zu wenig bedacht, „dass der Herr der Kirche nicht Genie, sondern Glauben und Pflichterfüllung verlangt.“

Lortz erklärte Luther aus seiner Zeit und verteidigte ihn gegen die Gehässigkeiten mancher Kleriker, die – wie ihm ein Kollege schreibt – schon „in Ohnmacht fallen, wenn man von der religiösen Natur Luthers spricht. Wieviel unbillige Polemik läuft doch noch bei uns um“. Lortz interpretierte die Reformation nicht einseitig als Angriff gegen die Kirche, sondern ebenso als Verkündigung und Anruf. Auch der reformatorische Luther habe zweifellos viel Gutkatholisches gelehrt.

Norbert Matern (KK)

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