Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1382.

Bücher, Medien, Veranstaltungen

„Er wartete auf sein Schicksal“

Ernst Wiechert auf Russisch

„Das Nachwort soll nach dem Wort im Text suchen, welches erlöst und rettet, auch wenn das zu interpretierende Wort des Autors sich am Rande der Todesfuge erhören lässt.“ Diese Aufgabe stellt sich Wladimir Gilmanov von der Kant-Universität Kaliningrad/Königsberg, als er das Nachwort zu dem neuen Band mit Texten von Ernst Wiechert in russischer Übersetzung schreibt. Unter dem Titel „Ernst Wiechert – ein Dichter des Widerstandes im Dritten Reich. Texte und Reden gegen das NS-Regime“ erschien auf den Tag genau zu Wiecherts 130. Geburtstag am 18. Mai 2017 in Kaliningrad ein weiterer Wiechert-Band in russischer Sprache.

Ein hartes Stück Arbeit lag hinter der Übersetzerin Lidia Natjagan, die Ernst Wiecherts Bericht „Der Totenwald“ über seine Gefangenschaft im KZ Buchenwald 1938 sowie seine politischen Reden von 1933, 1935 und 1945 ihren russischen Landsleuten zugänglich gemacht hatte. Nun wurde das Buch am 18. Mai 2017 in der Bibliothek Tschechow in Kaliningrad vorgestellt.

Die Direktion hatte den Raum liebevoll vorbereitet. Die Anordnung der Stühle schuf, wie eine russische Besucherin sagte, eine wohltuende Atmosphäre, an einer Stellwand hingen Wiechert-Porträts und Zeichnungen der Malerin Tamara Tichonova, die auch anwesend war. Sie hat alle bisherigen russischen Publikationen illustriert: Wiecherts Lebenserinnerungen „Wälder und Menschen“ und „Jahre und Zeiten“ sowie den Band „Ostpreußen im Werk Ernst Wiecherts“, der 2014 erschienen ist. Bei den Präsentationen der Bücher durch die Übersetzerin Lidia Natjagan fanden auch Ausstellungen der Künstlerin Tamara Tichonova statt.

Mehrere Stapel der grünen Bücher warteten darauf, von den Gästen mitgenommen zu werden, denn alle russischen Wiechert-Publikationen werden nicht verkauft, sondern an Schulen und Bibliotheken verteilt. Das erlösende Wort soll so leichter Verbreitung finden. Und alle Bücher sind grün, ein Bezug zu Wiecherts Kindheits- und Seelenlandschaft, zu den Wäldern Masurens, wo fast alle seine großen Dichtungen spielen.

Er wurde 1887 im Forsthaus Kleinort im Kreis Sensburg geboren, wichtige Stationen seines Lebens fanden allerdings in Königsberg statt: die Schulzeit an der Königlichen Oberrealschule von 1898 bis zum Abitur 1905, das Studium an der Albertina bis zum Staatsexamen 1911, die Heirat 1912 und die Lehrtätigkeit an dem neu gegründeten Hufengymnasium am Tiergarten bis 1929. 1938 lebte Ernst Wiechert in Wolfratshausen bei München, wo er mit seiner zweiten Frau den Hof Gagert erbaute.

Seine schriftstellerische Karriere war auf dem Höhepunkt, aber er hatte bereits seine Stimme gegen Unrecht und Gewalt erhoben und wusste, dass die Machthaber ihn seit der Rede von 1935 vor den Münchner Studenten beobachteten und bei Gelegenheit ergreifen würden. Die Gelegenheit ergab sich, als er gegen die Einweisung von Pastor Martin Niemöller ins KZ protestierte. „Er wartete auf sein Schicksal“, heißt es über den Protagonisten Johannes im „Totenwald“. Das Schicksal erfüllte sich. Am 8. Mai 1938 wurde Wiechert verhaftet und nach München ins Polizeigefängnis gebracht. Von dort wurde er Anfang Juli ins Konzentrationslager Buchenwald überstellt und Ende August entlassen. Angesichts internationaler Proteste fürchtete das Regime einen so prominenten Märtyrer.

Schwerkrank und geschwächt, stand er bis 1945 unter Gestapo-Aufsicht. 1939 schrieb er den Bericht „Der Totenwald“ und vergrub das Manuskript im Garten von Hof Gagert. Im Herbst 1945 erschien das Werk in der Schweiz, 1946 in Deutschland.

Als Jelena Georgijewna Kotova in Vertretung der Direktion die Gäste in der Bibliothek Tschechow am 18. Mai 2017 begrüßte, konnten sich die Herausgeber dieses neuen russischen Wiechert-Bandes doch sagen, dass ihre Mühen und Zweifel zu einem guten Ergebnis geführt haben. Den russischen Lesern wird durch den dokumentarischen Gehalt des Berichtes „Der Totenwald“ eine „bestialische Entmenschlichung durch den unfassbaren kollektiven Verrat aller regulativen Prinzipien der Vernunft und des Gewissens“ vor Augen geführt, wie Gilmanov es ausdrückt. Zugleich aber stellt er die Frage, ob Wiechert nicht ein „Bote“ sei, der uns heute noch Lebenden und ihn Lesenden helfen kann, die „lebensnotwendigen Lehren“ aus diesen Erfahrungen zu ziehen.

Die russischen und deutschen Wiechert-Freunde hätten das neue Buch gern an Wiecherts langjähriger Wirkungsstätte, dem früheren Hufengymnasium, vorgestellt. Dort befindet sich heute ein Institut der Kant-Universität und seit mehreren Jahren ein gut eingerichtetes Wiechert-Museum. Leider ließ sich dieser Wunsch nicht verwirklichen, aber am 25. Mai fand durch die Vermittlung von Professor Dr. Gilmanov eine weitere Präsentation in der Kaliningrader Wissenschaftlichen Gebietsbibliothek statt. Und da kam dann auch das Hufengymnasium zum Zuge. Konrad Behrend, ein Veteran des Gymnasiums, war aus Berlin angereist und ging in seiner Ansprache auf Wiecherts pädagogisches Wirken ein. Er war sehr beliebt bei seinen Schülern und wurde – Gilmanov wurde dadurch bestätigt – bereits damals zum Vermittler „lebensnotwendiger Lehren“. Dazu zitierte Konrad Behrend die bekannten Sätze aus der „Abschiedsrede an die Abiturienten“ von 1929: „… es ist nicht nötig, dass es mehr Geld auf der Welt gibt, mehr D-Züge, mehr Parteien, Sekten, Vereine, Weltanschauungen. Aber es ist nötig, dass es etwas weniger Tränen auf der Welt gibt, etwas weniger Unrecht, etwas weniger Gewalt, etwas weniger Qualen.“

Bei beiden Veranstaltungen stellte Lidia Natjagan das Leben und das Werk Ernst Wiecherts detailliert und mit umfangreichem Bildmaterial vor. Sie brachte den russischen Lesern den „Boten“ nahe, der nach Gilmanovs Worten Hoffnung bringt: „In Wiecherts Weltbild ist es die Hoffnung darauf, dass der Mensch die dämonischen Schattierungen des Totenwaldes verlassen wird …“

Bärbel Beutner (KK)

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