Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1382.

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Heterogenität als Qualität

Das Beispiel Stettin

Stettin ist die heterogenste Großstadt Polens, so Jan Musekamp vor der Gesellschaft für pommersche Geschichte, Altertumskunde und Kunst e. V. im Münchener Haus des Deutschen Ostens. Der Referent lehrt osteuropäische Geschichte an der Viadrina in Frankfurt an der Oder. Sein Habilitationsprojekt befasst sich mit der Kulturgeschichte transnationaler Mobilität im östlichen Europa. Seine Dissertation „Zwischen Stettin und Szczecin – Metamorphosen einer Stadt von 1945 bis 2005“ erschien 2010.

Stettin – der polnische Name Szczecin sei selbst für Polen schwer auszusprechen – hat heute sein Selbstbewusstsein gefunden und definiert sich zunehmend über seine Region, die deutschen und polnischen Teile des historischen Pommerns. Durch die Neuzuwanderer aus allen Gebieten des polnischen Staates, durch Juden, Ukrainer, Lemken, Griechen und Makedonier, die vor dem kommunistischen Bürgerkrieg geflohen waren, wurde Stettin die heterogenste Großstadt Polens mit heute etwa 410 000 Einwohnern.

Die nach Bombenangriffen stark zerstörte Stadt bietet heute mit dem hervorragend restaurierten Schloss der – heute Slawenherzöge genannten – Pommern einen Anziehungspunkt, ansonsten ist noch viel zu tun, sind freie Flächen zu bebauen, damit der alte Glanz der Hafen- und Universitätsstadt wiederhergestellt wird. Was nach 1949 entstand, entsprach nicht den Vorstellungen seiner Planer, es kam zu einer eher autogerechten Stadt. Bis 1972 herrschte ein Gefühl der Vorläufigkeit, erst danach begann die kulturelle Aneignung der Region durch die neuen Bewohner.

Nach der Zerstörung der deutschen Denkmäler, der Zeit der leeren Sockel ,,kam es nur sehr schleppend zu einer polnischen Denkmallandschaft“. Wo vorher das Reiterstandbild Kaiser Wilhelms I. gestanden hatte, wuchs nun das „Denkmal der Dankbarkeit“ gegenüber der Roten Armee. Adam Mickiewicz wurde gefeiert, an die Stelle von Carl Loewe rückte die Muttergottes. Unpolitische Denkmäler blieben meist bestehen. Aus Lemberg kam „bei Nacht und Nebel“ die Büste des Dichters Kornel Ujejski. Man fürchtete allzu starke Erinnerungen an die verlorenen polnischen Gebiete und Schwierigkeiten für die Integration der in der „Aktion Wisla“ aus dem Lemberger Gebiet Vertriebenen.

Die heutigen Stettiner bekennen sich zur deutschen, schwedischen und preußischen Vergangenheit der Stadt. Im Stadtarchiv liegen die deutschen Urkunden, die auch im Internet verfügbar sind.

Seit 1995 kam es zu einer deutsch-polnischen Quellenedition. Im selben Jahr wurde die Euroregion Pomerania gegründet. Zum Unwillen der Stettiner sichern sich heute reiche Warschauer die „Filetstücke“ am Ostseestrand.

Norbert Matern (KK)

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