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Ausgaben: Ausgabe 1382.

Bücher, Medien, Veranstaltungen

Politisch blinder Seher

Victor Klemperer: Warum soll man nicht auf bessere Zeiten hoffen. Ein Leben in Briefen. Aufbau-Verlag, Berlin 2017, 640 Seiten, 28 Euro

Dass der Berliner Romanistikprofessor Victor Klemperer (1881–1960) dreieinhalb Jahrzehnte nach seinem Tod mit seinen Tagebüchern 1933/45 einmal weltweit bekannt werden würde, war nicht zu erwarten, als er in Dresden starb. Als jüngster Sohn eines Rabbiners in Landsberg an der Warthe geboren, hatte er 1897 die Schule abgebrochen, dann aber 1902 das Abitur nachgeholt und vier Jahre in München, Genf, Paris und Berlin die Fächer Philosophie, Germanistik und Romanistik studiert, ohne freilich irgendein Examen abzulegen.

Stattdessen heiratete er am 16. Mai 1906 die aus Königsberg/Preußen stammende Konzertpianistin Eva Schlemmer (1882–1951) und führte an ihrer Seite ein unbeschwertes Leben als Zeitungsschreiber. Sechs Jahre später zog er, der 1903 zum Protestantismus konvertiert war, mit seiner Frau nach München, nahm sein Studium wieder auf und erwarb mit einer germanistischen Arbeit den Doktortitel. Die Habilitation erfolgte schon 1914 bei dem angesehenen Romanisten Karl Vossler.

Im Jahre 1915, mitten im Ersten Weltkrieg, an dem er als Kriegsfreiwilliger an der Westfront teilnahm, ging er als Privatdozent nach München und wurde 1920 als Ordinarius an die Technische Universität Dresden berufen. Die Habilitation erfolgte schon 1914 bei dem Romanisten Karl Vossler. So nahm eine akademische Karriere ihren vielversprechenden Lauf.

Die 15 Dresdner Jahre, bevor er 1935 als Jude und NS-Gegner in den zwangsweisen Ruhestand versetzt wurde, waren die wissenschaftlich fruchtbarsten im Leben des in der Neumark geborenen Gelehrten. Noch im Jahr der „Machtergreifung“ 1933 erschien seine Monografie des französischen Barockdramatikers Pierre Corneille. Das 1938 gegen Juden verhängte Verbot, öffentliche Bibliotheken zu nutzen, machte ihm freilich wissenschaftliches Arbeiten völlig unmöglich.

Die Entrechtung der deutschen Juden führte dazu, dass das Ehepaar 1940 das sechs Jahre zuvor bezogene Wohnhaus in Dölzschen verlassen und in ein Dresdner „Judenhaus“ umziehen musste. Noch aber war Victor Klemperer, der von 1943 an in mehreren Dresdner Betrieben Zwangsarbeit leisten musste, durch die Ehe mit einer „arischen“ Frau vor der Verschleppung in ein Konzentrationslager geschützt.

Während des Angriffs britischer und amerikanischer Flugzeuge auf Dresden in der Nacht vom 12. auf den 13. Februar 1945 konnten Eva und Victor Klemperer, der sich den „Judenstern“ abgerissen hatte, aus der brennenden Stadt entkommen und sich bei einer früheren Hausangestellten im Dorf Piskowitz in der Oberlausitz verstecken. Von dort aus erreichten sie in mehrtägiger Flucht über München das Dorf Unterbernbach bei Augsburg, von wo sie am 10. Juni 1945 in ihr Haus nach Dölzschen zurückkehrten.

In Dresden trat Victor Klemperer sofort aus der evangelischen Kirche aus, die ihn nicht vor Verfolgung hatte schützen können. Im Herbst 1945 wurde er in seinem 1935 verlorenen Amt als Universitätsprofessor bestätigt, trat am 23. November der KPD bei und wurde automatisch Ostern 1946 in die neugegründete SED übernommen. 1945 wurde er Direktor der Volkshochschule Dresden und übernahm 1946/47 im „Kulturbund zur demokratischen Erneuerung Deutschlands“ leitende Funktionen. 1947 veröffentlichte er sein Buch „LTI“ (Lingua Tertii Imperii) über den Sprachmissbrauch im „Dritten Reich“. Im selben Jahr wurde er an die Universität Greifswald berufen und von dort 1948 nach Halle, wo er bis 1960 lehrte, zugleich übernahm er 1951 bis 1955 eine Professur an der Ostberliner Humboldt-Universität.

Eva Klemperer, die 45 Jahre mit ihm verheiratet gewesen war und die Demütigungen und Erniedrigungen während der NS-Zeit mit ihm durchgestanden hatte, starb überraschend am 8. Juli 1951. Schon im Jahr darauf heiratete er die Romanistin Hadwig Kirchner. Sie war in Halle seine Assistentin und in Ostberlin seine Oberassistentin und schrieb bei ihm ihre Dissertation über Heinrich Manns zweibändigen Exilroman „Die Jugend und die Vollendung des Königs Henri Quatre“.
Niemand aber, außer seinen beiden Ehefrauen Eva und Hadwig, wusste zu DDR-Zeiten davon, dass er nicht nur angesehener Literaturwissenschaftler, sondern insgeheim auch Tagebuchschreiber war, der unter Lebensgefahr seine Verfolgungsgeschichte 1933/45 aufgezeichnet hatte. Das 1995 unter dem Titel „Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten“ (1800 Seiten) veröffentlichte Tagebuch begründete seinen Nachruhm.

Der vorliegende Briefband ist eine unentbehrliche Ergänzung zu allen Ausgaben seiner Tagebücher von 1918 bis 1959. Einer der ersten Briefe vom 28. April 1910 war an die deutsch-mährische Schriftstellerin Marie von Ebner-Eschenbach gerichtet, die er ehrerbietig darum bat, sie besuchen zu dürfen. Brieflichen Austausch pflegte er aber auch mit Fachkollegen, die entweder emigriert oder des Amtes enthoben worden waren wie Karl Vossler in München; ein anderer Briefpartner war Werner Krauss, der als Widerstandskämpfer 1944 knapp der Todesstrafe entronnen war und 1947 nach Leipzig berufen wurde.

Victor Klemperer, der den Aufstieg des Nationalsozialismus mit wachen Sinnen beobachtete, war dennoch politisch blind. Sein ältester Bruder Georg Klemperer (1865–1946), Medizinprofessor in Berlin, war weit hellsichtiger und emigrierte im Alter von immerhin 70 Jahren in die Vereinigten Staaten. In mehreren Briefen beschwor er seinen Bruder, das Land zu verlassen und sich eine „außerdeutsche Unterkunft“ (5. Januar 1934) zu suchen, stieß aber auf Unverständnis. Im letzten Brief vom 22. Januar 1934 klärte er seinen Bruder auf, dass die „arischen Deutschen“ den Juden ihr Deutschtum abgesprochen hätten und sie nun als „Fremdstämmige“ gälten. Victor Klemperer setzte sein Leben aufs Spiel, hatte Glück und wir mit ihm als dem klugen Chronisten einer Zeit, in der Verstand so selten geworden war.

Jörg Bernhard Bilke (KK)

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