Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
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Ausgaben: Ausgabe 1383.

Bücher, Medien, Veranstaltungen

Umdenken ist die beste Schule des Denkens

Agnes Kalina: Meine sieben Leben. Agnes Kalina im Gespräch mit Jana Juranová. Aus dem Slowakischen von Simon Gruber und Andrea Reynolds. Gabriele Schäfer Verlag, Herne 2016, 433 Seiten, 56 Fotos, 26,90 Euro

Als Agnes Farkašová wurde Agnes Kalina am 15. Juli 1924 in Košice (deutsch Kaschau, ungarisch Kassa) geboren. In ihrer familiären Herkunft spiegelt sich das Schicksal einer mitteleuropäischen Region, in welcher im Laufe der jüngeren Geschichte die Staatsgrenzen immer wieder verschoben wurden. Deutsche, Juden, Slowaken und Ungarn lebten in einer mehr oder weniger friedlichen „Konfliktgemeinschaft“ (Jan Kren) zusammen, bis das Erscheinen totalitärer Weltanschauungen diese jahrhundertealte Tradition vernichtete. Agnes Kalina hat diese eruptionsartigen Umbrüche am eigenen Leib erlebt.

In Prešov/Eperies verlebte sie eine fröhliche und unbeschwerte Kindheit und Jugendzeit, in der sich bereits ihre lebenslange Neugier auf Kunst und Kultur bemerkbar machte. Diese Harmonie erlitt einen unvermittelten Riss, als ihr aufgrund ihrer jüdischen Abstammung der Abschluss des Gymnasiums verwehrt wurde. Die Verhältnisse im Land begannen unerträglich zu werden. Als eines Tages die Anordnung erlassen wurde, dass alle 15- bis 30-jährigen unverheirateten jüdischen Mädchen und Frauen sich an einer Sammelstelle einzufinden hatten, trat Agnes Kalinas Mutter mit entschlossenem Handeln hervor. Durch ein ärztliches Attest konnte sie Agnes vorerst einbehalten und rettete ihr damit das Leben. Kurz darauf flüchtete Agnes mit Bekannten in der Nacht über die Grenze nach Ungarn.

Während ihre Eltern in Konzentrationslager abtransportiert wurden, konnte sie sich in Budapest zweieinhalb Jahre im katholischen Kloster vom Guten Hirten verbergen. Seit dieser Zeit im Kloster, in der sie auch getauft wurde und begeistert das Neue Testament studierte, betrachtete sie Thérèse von Lisieux als ihre Lieblingsheilige, auch wenn sich ihre Religiosität im Laufe der Jahre gewandelt hat: „Manchmal sage ich mir, dass ich keine nichtpraktizierende, unreligiöse Jüdin bin, sondern eher eine nichtpraktizierende und nicht mehr gläubige Katholikin.“

Nach Kriegsende holte Agnes ihren gymnasialen Abschluss in Prešov nach. Ein aufgenommenes Studium schloss sie hingegen nicht ab. Sie heiratete den Journalisten Ladislav Ján Kalina, den sie bereits seit ihrer späten Jugendzeit kannte. Neues Unrecht in Form von Vertreibung und stalinistischer Willkür widerfuhr beiden, aber die Hoffnungen auf eine neue Zeit überwog die Skepsis. Agnes Kalina begann, erste Filmkritiken und Reportagen sowie Übersetzungen aus dem Deutschen, Französischen und Ungarischen zunächst für den Rundfunk zu verfassen. Im Laufe der Jahre profilierte sie sich als Redakteurin vor allem im Bereich der Filmkritik bei den Wochenzeitungen „Nové Slovo“ (Neues Wort) und später „Kulturny Život“ (Kulturleben).

Auf die Euphorie des Reformjahres 1968 folgte die kalte Ernüchterung durch den Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen in Prag am 21. August 1968. Schritt für Schritt wurden unter dem Schlagwort der „Normalisierung“ freiheitliche Regungen im Lande zurückgedrängt. 1970 wurden Agnes Kalina und ihr Ehemann aus der Kommunistischen Partei ausgeschlossen. Zusammen wurden sie 1972 unter dem Vorwurf der „Aufwiegelung“ festgenommen. Während Agnes Kalina nach neunwöchiger Haft aus Mangel an Beweisen wieder entlassen wurde, wurde ihr Mann zu zwei Jahren Haft verurteilt. Das gerichtliche Verfahren war eine Farce, zumal verschleiert werden sollte, dass die Beweise für angebliche Straftaten durch heimliches Abhören gewonnen worden waren, das seit den 1960-er Jahren auch nach sozialistischem Strafrecht nicht mehr zulässig war.

Dennoch gelang es Agnes Kalina in jenen Jahren, wie bereits zu Zeiten drohender Deportation durch die Nazis, dem Leben fröhliche Seiten abzugewinnen. Halt und Hilfe erfuhr sie von vielen Bekannten und Freunden, etwa den Familien der Dissidenten Milan Šimecka und Miroslav Kusý oder des Schriftstellers Ján Rosner. Weit schwerer hingegen wog die Tatsache, dass ihrer Tochter Julia trotz hervorragender Zensuren vom Regime ein Studienplatz verweigert wurde.

1978 stellte die Familie Kalina einen Antrag auf Entlassung aus der tschechoslowakischen Staatsbürgerschaft. Zusammen durften sie nach München ausreisen. Agnes Kalina konnte ihre Fähigkeiten fortan als Redakteurin für das slowakische und tschechische Programm beim Radio Freies Europa einbringen.
Den Zusammenbruch des „real existierenden Sozialismus“ hat sie mit lebhafter Anteilnahme beobachtet und unverzüglich die erstbeste Gelegenheit genutzt, nach langen Jahren der Emigration wieder ihre slowakische Heimat zu besuchen. Ihren Wohnsitz in München aber hat Agnes Kalina bis zu ihrem Tod am 14. September 2014 gehalten.

Volker Strebel (KK)

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