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Ausgaben: Ausgabe 1384.

Bücher, Medien, Veranstaltungen

Reisen auf Versfüßen und Buchzeilen

Marcin Wiatr: Literarischer Reiseführer Oberschlesien. Fünf Touren durch das barocke, (post)industrielle, grüne, mystische Grenzland. Deutsches Kulturforum östliches Europa, Potsdam 2016. 424 Seiten, 19,80 Euro

Marcin Wiatr hat einen Reiseführer zu Orten literarischer Relevanz in Oberschlesien vorgelegt. Der 1975 in Gleiwitz geborene Germanist zeigt darin Routen durch das schlesisch-mährisch-polnische Grenzland auf Spuren oberschlesischer Autoren.

Der literarische Reiseführer ist ausgestattet mit schönen Fotos, hilfreichen Karten und einem großen Anhangsteil und bewegt sich auf fünf Touren durch Oberschlesien. Die Routen zeigen das barocke, das (post)industrielle, das grüne sowie das mystische und religiöse Oberschlesien als Land der Grenzen. „Der Leser findet hier aber keine Unterkunftsnachweise oder Verkehrstips, sondern Auszüge aus gut 300 Romanen und 50 Gedichten deutscher und mährischer Autoren, die sich mit Oberschlesien befassten“, erläuterte der Autor bei einer Buchvorstellung im Münchner Haus des Deutschen Ostens (HDO).

Marcin Wiatr hatte als Kind in Gleiwitz-Sosnitza öffentlich kein Deutsch sprechen dürfen, dennoch studierte er Germanistik, deutsche Geschichte, Erziehungs- und Übersetzungswissenschaften in Oppeln, Kiel und Krakau. Er promovierte über den oberschlesischen Politiker Wojciech Korfanty. Als Mitarbeiter des Georg-Eckert-Instituts in Braunschweig forscht er etwa zu bildungspolitischen Prozessen und Minderheitenfragen in Grenzregionen. Im HDO gab Wiatr einen Überblick über den Inhalt des umfangreichen Reiseführers.

Die erste Tour führt durch das barocke und humanistische Oberschlesien. Die Reise beginnt südöstlich von Breslau, in Neisse, einer der ältesten Städte Oberschlesiens, einem ehemaligen Besitz der Breslauer Bischöfe und wichtigen religiösen und kulturellen Zentrum, wo auch der spätromantische Dichter Joseph Freiherr von Eichendorff und seine Ehefrau Luise begraben liegen. Als literarische Stimmen kommen hier beispielsweise Franz Jung und Max Herrmann-Neisse zu Wort. Von dort geht es nach Oppeln im Herzen Oberschlesiens, wohin Texte von Hans Niekrawietz, Jerzy Grotowski oder Tomasz Rózycki begleiten.

Auf der zweiten Tour erkundet der Reisende das weiter östlich gelegene (post)industrielle Oberschlesien. „In diesem Kapitel beginnt die Reise in Gleiwitz, meiner Heimatstadt, aus der auch Lukas Podolski kommt“, schmunzelte Wiatr bei einem kleinen außerliterarischen Exkurs. In Gleiwitz dominiert Horst Bienek mit seiner „Gleiwitzer Tetralogie“, aber auch andere lokale Autoren kommen zu Wort. Die Strecke geht weiter nach Hindenburg/Zabrze zu dem berühmten Kinderbuchautor und Zeichner Janosch alias Horst Eckert und Schriftstellern wie Werner Heiduczek und Ernst Josef Krzywon.

Die dritte Tour führt durch Oberschlesien als historisches Grenzgebiet, so an die Grenze, die Teschen zwischen Polen und der Tschechischen Republik im Süden der Region teilte. Das Herzogtum Teschen war nach den Schlesischen Kriegen beim Habsburgerreich verblieben. Zur „Grenzen“-Tour gehört auch Myslowitz an der historischen „Drei-Kaiserreichs-Ecke“, von Martin Pollack gewürdigt. Myslowitz an der Przemsa liegt an der ehemaligen Grenze zwischen Preußen, Österreich-Ungarn und Rußland, Kattowitz wiederum an der deutsch-polnischen Grenze, die ein Jahr nach dem Plebiszit von 1921 die Region durchschnitt.

Die vierte Tour zeigt das Oberschlesien der grünen Landschaften mit einem der letzten mitteleuropäischen „Urwälder“ um Pleß, mit dem Eichendorffschen Gut Lubowitz und den Beskiden um die Stadt Bielitz im Süden.

Die letzte Tour durch das mystische und religiöse Land führt zum Annaberg mit seinen Wallfahrten, behandelt jedoch auch andere „Mythen“, etwa den der Vorliebe der Oberschlesier für Hochprozentiges oder Tabak.

Susanne Habel (KK)

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