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Ausgaben: Ausgabe 1384.

Bücher, Medien, Veranstaltungen

Man muß gehen und gehen

Grigorij Pomeranz: Notizen eines hässlichen Entleins. Aus dem Russischen von Wilhelm von Timroth. Nostrum Verlag, Mülheim an der Ruhr 2015, 598 Seiten, 59,50 Euro

Unter den freien und unabhängigen Denkern in der ehemaligen Sowjetunion hatte sich Grigorij Pomeranz einen Namen gemacht, als er 1965 in einem Vortrag am Moskauer Institut für Philosophie eindringlich davor warnte, die Entstalinisierung aufzuweichen und die historische Rolle Stalins zu schönen. Die Aufarbeitung des Bolschewismus zieht sich wie ein roter Faden durch sein umfangreiches Schaffen, wobei Grigorij Pomeranz in seiner Heimat über viele Jahre nichts veröffentlichen durfte. Auch nach dem Ende der Sowjetunion hielt er eindringlich an diesem Vorhaben fest: „Solange Stalins Name nicht der allgemeinen Verdammnis anheim gegeben wird, wird es bei uns keine Buße geben. Und wenn es keine Buße gibt, dann wird es auch zu keiner Wiedergeburt Russlands kommen.“

In den vorliegenden Erinnerungen „Notizen eines hässlichen Entleins“ kann sich der deutsche Leser einen eindrucksvollen Einblick in die Tiefe einer eigenständigen Gedankenwelt verschaffen. Anhand seines ungewöhnlichen Titels erläutert Pomeranz seine philosophische Selbstbeschreibung, die sich im Laufe jahrzehntelanger Erfahrungen herauskristallisiert hatte: „Man muss gehen und gehen. Übrigens mit der einen Hoffnung, dass dieser Weg ohne Ziel sein eigenes, verstecktes, inneres Ziel hat.“

In einer Verquickung persönlicher, ja privater Erlebnisse mit kulturphilosophischen Betrachtungen zu seiner russischen Heimat entfaltet Pomeranz in seinen Erinnerungen eine höchst anregende Berichterstattung. Gefühle wie „Angst“ oder „Hoffnungslosigkeit“ waren ihm als ehemaliger Weltkriegsteilnehmer, Gulag-Häftling und sowjetischer Dissident ebenso vertraut wie Gefühle eines namenlosen Glücks, die er vor allem im gemeinsamen Leben mit seinen Ehefrauen, die beide unter gesundheitlichen Belastungen zu leiden hatten, erleben durfte. Nach dem Tod seiner ersten Frau Ira hatte Pomeranz die Dichterin Sinaida Mirkina geheiratet, die mit ihm ein intensives geistiges Leben teilte.

Während des Zweiten Weltkriegs hatte sich Pomeranz zum Fronteinsatz gemeldet, war mehrfach verwundet und mit militärischen Auszeichnungen geehrt worden. 1945 war er in Deutschland Augenzeuge barbarischer Vergewaltigungen deutscher Frauen durch Rotarmisten geworden. Auch im späteren Leben reflektierte er diese Erlebnisse und kam zu einer Schlussfolgerung, die der heutigen Siegeshysterie in seinem Lande diametral entgegensteht: „Dieser Sieg war ein Hexentrank. Und das Volk, das ihn schluckte, blieb lange Zeit vergiftet, und nach einigen Generationen trat er als Ausschlag auf – in Form von Stalinporträts an den Windschutzscheiben.“

Neben geschichtlichen, landeskundlichen und philosophischen Studien galt sein ausgeprägtes Interesse der östlichen Philosophie. Wegen seines Engagements für die Menschenrechtsbewegung war es ihm 1968 am Institut für Orientstudien versagt worden, seine Dissertation über den Zen-Buddhismus zu verteidigen. Nicht zuletzt seine jüdische Abstammung, die in der Sowjetunion durchaus Nachteile nach sich zog, hatte Pomeranz zu religionsphilosophischen Betrachtungen veranlasst. Dabei holte er, angeregt durch seine buddhistischen Kenntnisse, weiter aus: „Ich will verschiedene Überlieferungen verstehen als Erzählungen mit ein und demselben Geist“. Die Entstehung des Monotheismus regte Pomeranz zu weiterführenden Überlegungen an, inwiefern dieser letztlich zur „Apokalyptik, zum Chiliasmus, zur Utopie und Revolution drängt“.

Auch nach dem Ende der Sowjetunion blieb sich Grigorij Pomeranz als kritischer Zeitgenosse und philosophischer Betrachter der Umstände treu. Ohne die Zwänge der Sowjetdiktatur mit den Verhärtungen der Entwicklungen unter der Herrschaft Wladimir Putins gleichsetzen zu wollen, resümiert er die gleichbleibende Herausforderung für eine Fortführung der Reflexion: „Die unendliche Ruhe ist unendliche Kraft. Das ist ein Stützpunkt, von dem aus man die Welt aus den Angeln heben kann.“ Auch hier beruft sich Pomeranz ein weiteres Mal in der ihm eigentümlichen Art auf Dostojewski, Lermontow und Rilke.

Die „Nowaja Gazeta“, eine der letzten verbliebenen unabhängigen Zeitungen im heutigen Russland, hat Pomeranz nicht von ungefähr als „die letzte moralische Autorität“ bezeichnet.

Volker Strebel (KK)

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