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Ausgaben: Ausgabe 1385.

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Meistgehasst und hochgeachtet

Rainer Bendel, Hans Jürgen Karp: Bischof Maximilian Kaller 1880–1947 – Seelsorger in den Herausforderungen des 20. Jahrhunderts, Aschendorff Verlag, Münster 2017, 350 S., 24,80 Euro

Rechtzeitig zum 70. Todestag von Maximilian Kaller, dem letzten deutschen katholischen Bischof der ostpreußischen Diözese Ermland, erschien seine Biographie. Autoren sind Professor Rainer Bendel (Tübingen), der schon die Geschichte von Hochschule und Priesterseminar in Königstein geschrieben hat, und Hans Jürgen Karp, der frühere stellvertretende Direktor des Herder-Instituts für historische Ostmitteleuropaforschung (Marburg) sowie langjährige Vorsitzende des Historischen Vereins für Ermland. Beide konnten auf eigene und andere Vorarbeiten zurückgreifen. In zehn Kapiteln schreiben sie über Prägungen, Rügen – Neuland für die Seelsorge, Herausforderungen in der Großstadtseelsorge in Berlin, Kallers Zeit als Prälat in der Apostolischen Administratur Tütz-Schneidemühl, als Bischof der ostpreußischen Diözese Ermland bis 1933, seine harten Auseinandersetzungen mit dem Nationalsozialismus und dem Krieg, sodann die Suche nach neuen Aufgaben, schließlich die Arbeit als päpstlicher Sonderbeauftragter für die deutschen Heimatvertriebenen und die Erfüllung des päpstlichen Auftrags.

Maximilian wurde als zweitältestes von acht Kindern einer Kaufmannsfamilie im zweisprachigen oberschlesischen Beuthen geboren, verlor im Alter von 16 Jahren seine Mutter und wurde als knapp 23-Jähriger 1903 in Breslau zum Priester geweiht. Wie seine Biographen betonen, schwamm der „stets unruhige Seelsorger“ von Anfang an nicht im kirchlichen „Mainstream“. Als Pfarradministrator auf Rügen vergrößerte er als „Bahnbrecher nachgehender moderner Seelsorgemethoden“ die Zahl der Kirchgänger, kümmerte sich mit seinen polnischen Sprachkenntnissen um die rund 3000 polnischen Saisonarbeiter – die wandernde Kirche – und baute schließlich ein größeres Gotteshaus. Er erkannte die Notwendigkeit des Laienapostolats wie der Caritas. Kein Wunder, dass Kaller nach zwölf erfolgreichen Jahren auf Rügen als Pfarrer von St. Michael nach Berlin berufen wurde.

„Das Leben in der Hauptstadt war geprägt von heftigen Pendelschlägen zwischen Inflation, mannigfaltigen kulturellen Experimenten, den vier oder fünf goldenen Jahren und höchster sozialer Not.“ Nach Meinung von Nuntius Pacelli wurde Kaller von 1917 bis 1926 für Berlin „eine der wertvollsten Kräfte“. Mitten im Urlaub erfuhr er, dass er zur Leitung der Apostolischen Administratur Tütz-Schneidemühl bestellt worden war. Somit gehörte er auch der Deutschen Bischofskonferenz an und wurde als Jüngster Sekretär des Vorsitzenden. Dazu gehörte das Aufsetzen der Protokolle. Presseapostolat, Caritas, Trinkerfürsorge und Jugendarbeit waren für den Administrator, der für Gläubige und Priester ein ungewohntes Tempo vorlegte, die wichtigsten Aufgaben. Seine ausgleichende Haltung auch gegenüber polnisch eingestellten Geistlichen brachten ihm damals „hohes Ansehen“ auch beim polnischen Primas Kardinal Hlond ein, das sich allerdings 1945 leider nicht auswirkte.

1930 mit knappster Mehrheit zum Bischof des ostpreußischen Ermlands gewählt, setzte er schnell eigene Akzente: Förderung der Jugendbewegung, mehr Wallfahrten, Gründung des Ermländischen Kirchenblattes, Bau eines neuen Priesterseminars, Katholische Aktion und Caritas, um den Auswirkungen der wegen der Weltwirtschaftskrise wachsenden Arbeitslosigkeit zu begegnen. Auf der Diözesansynode 1932 warnte er vor dem heraufziehenden Nationalsozialismus, fiel dann aber nach der Machtergreifung auf ihn herein. Bendel und Karp nennen den Grund dafür, den er einem Freunde anvertraute: Nuntius Orsenigo habe dazu aufgefordert, die neue Regierung zu unterstützen. Nie mehr werde er ihm trauen. Spätestens im Sommer 1934 gestand Kaller seinen Irrtum ein, als einziger deutscher Bischof bekannte er sich nach 1945 zu seinem Fehler. Auf Wallfahrten bezeichnete er sich selbst als geistlichen Führer wie Christus und wurde so bei den Nazis zum bestgehassten katholischen Bischof neben Graf von Galen in Münster. Die Auseinandersetzungen mit den Nazis erreichten immer neue Höhepunkte, nicht zuletzt wegen der Eliminierung der polnischen Sprache, die der Bischof lange zu verhindern suchte.

Bei der Einschätzung der Persönlichkeitsstruktur Kallers verzichten die beiden Historiker auf eine eigene Wertung und ziehen sich auf das Zitieren von Kritikern zurück. Dabei werden Unterschiede deutlich. Am Anfang des Buches gilt Kaller als „gewandter Redner“, der sogar Standing Ovations erhält. Weiter im Text ist dann von feurigen Aufrufen die Rede, und zuletzt heißt es, Kaller, der gern und oft predigte, sei kein rhetorisches Genie gewesen. Was nun stimmt, können nur die bezeugen, die ihn selbst gehört haben. Der Rezensent, der von Kaller noch gegen Kriegsende gefirmt wurde, kann sich an langweilige Reden nicht erinnern.

Dreihundert Flüchtlinge waren 1945 im Bischofshaus, als Kaller gegen seinen Willen von der SS abgeholt und nach Danzig gebracht wurde, da die Ermländer nicht auf die Flucht gehen wollten, solange ihr Bischof da blieb. Er hatte erklärt, Frauenburg nicht verlassen zu wollen.

Nun folgt ein enttäuschendes Kapitel zu einem für den Bischof und auch die Geschichte der deutsch-polnischen Kirchenbeziehungen folgenreichen Ereignis. Mit einem Handwägelchen, meist zu Fuß und mit einer eigenen Konzeption, wie es mit polnischer Hilfe im Bistum weitergehen sollte, hatte sich Kaller im August 1945 von Halle aus zurück ins Ermland begeben. Der polnische Primas Kardinal Hlond zwang ihn unter Vortäuschung falscher Tatsachen, auf die Jurisdiktion zu verzichten. Kaller berichtete darüber nach Rom. 17 Zeilen zitieren die Biographen aus diesem Schreiben. Bendel und Karp verzichten aus unerfindlichen Gründen darauf, die bekannten näheren Umstände der Begegnung Hlonds und Kallers in Pelplin zu benennen. Kaller wurde ausgewiesen und „reiste“ mitnichten, sondern verließ Pelplin und Ostpreußen weinend auf einem Lastwagen. Der Begriff „Ausweisung“ steht zwar in der Überschrift des Kapitels, aber nicht im Text. Genausowenig geschildert wird, dass der polnische Kardinal sich später in einem Brief bei Pius XII. für sein Vorgehen gegenüber den ostdeutschen Prälaten entschuldigt hat. Der Brief ist vorhanden. Der Papst hatte inzwischen mit Blick auf Kallers Rücktritt erklärt: „Das habe ich nicht gewollt.“

In den Schlusskapiteln der Biographie geht es um die Bestellung von Kaller zum Päpstlichen Beauftragten für die deutschen Heimatvertriebenen, also zum Vertriebenenbischof. Ein eigener Abschnitt beschäftigt sich mit dem Verhalten von Kallers Mitbrüdern in der Deutschen Bischofskonferenz. Unsensibel baten sie den schwer Geprüften bei der ersten Konferenz nach dem Krieg, die Protokollführung zu übernehmen, was er aus Altersgründen ablehnte. Seine Bitten, in Mitteldeutschland firmen zu dürfen, wurden nicht beantwortet. Sein Antrag, man möge 1946 das Vertriebenenthema behandeln, fand außer in einem Unterpunkt keine Berücksichtigung. Seine dringenden Mahnungen, dass Priester für die Heimatvertriebenen nach Mitteldeutschland geschickt würden, fanden so gut wie kein Gehör. Die Bischöfe wollten keine Sonderseelsorge für die Ostdeutschen. Als Rom für Kallers Arbeit zwei Millionen Reichsmark überwies, sorgte der Paderborner Erzbischof Jaeger dafür, dass er das Geld nicht bekam, es ging an das Diasporakommissariat der deutschen Bischöfe.

Kaller regte vergeblich die Gründung einer zentralen Auswanderungsstelle an, die Heimatvertriebenen in Übersee eine neue Existenz ermöglichen sollte. Er selbst – auch das wird im Buch nicht erwähnt – schickte den ermländischen Geistlichen Geo Grimme nach Lateinamerika, das Terrain zu sondieren.

Ein deutliches Defizit ist das Fehlen von Personen- und Ortsregister, einer lesbaren Karte – die beiden in den Text eingeblendeten Karten sind für Unkundige nichtssagend. Erfreulich sind die Fotos.Vermisst wird ein Schlusskapitel mit der heutigen Sicht der Polen auf den deutschen Bischof. Seine Büsten befinden sich in seiner Kathedrale in Frauenburg/Frombork und der heutigen Bischofskirche in Allenstein/Olsztyn. Die Polen boten die Überführung von Kallers Leichnam aus Königstein in die Bischofsgruft nach Frauenburg an und sind offiziell an dem 2003 eröffneten Seligsprechungsprozess beteiligt.

Norbert Matern (KK)

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