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Ausgaben: Ausgabe 1386.

Bücher, Medien, Veranstaltungen

„Hier ist nichts unermeßlich“

Heinz Piontek: Poesiealbum 326. Auswahl von Gerhard C. Krischker, mit einer Grafik von Heinz Piontek. Märkischer Verlag, Wilhelmshorst 2016, 31 Seiten, 5 Euro

Neben dem Schriftsteller Wolfgang Koeppen hat der „Spiegel“ im Jahr 1979 Heinz Piontek (1925–2003) als den mit den meisten Literaturpreisen ausgezeichneten Schriftsteller der Bundesrepublik ermittelt.

Kindheit und Jugend hatte der im schlesischen Kreuzburg geborene Heinz Piontek in Oberschlesien verbracht. Bilder seiner Herkunft aus einer Bauernfamilie finden sich wie ein Grundton in seinem beachtlichen literarischen Werk. Zudem hatten Krieg und Vertreibung Piontek in einer besonderen Weise sensibilisiert, über Zustände wie existenzielle Vergeblichkeit und Verlorenheit, aber auch die Schönheit in ihren verschiedenen Erscheinungsformen nachzudenken.

Nach seinem Debüt mit dem Lyrikband „Die Furt“ (1952) legte er in rascher Folge weitere eigenständige Veröffentlichungen vor. Heinz Piontek überzeugte als souveräner Meister der Sprachformung, der den Reim ebenso beherrschte wie die in den späteren Jahren zunehmende Öffnung des Versmaßes.

Das Gedicht „Die Landmesser“ beschreibt den nüchternen Vorgang einer trigonometrischen Vermessung und konfrontiert dabei mathematische Exaktheit mit menschlichen Empfindungen der tätigen Männer. Exemplarisch zeigt sich Pionteks Verfahren in den beiden letzten Strophen: „Und alle tragen Filze, schwarze Loden, / an ihren Stiefeln haftet Tau und Staub. / Sie senken tief das Steinmal in den Boden / und schmecken an den Zähnen warmes Laub. // Und rechnen gut. Die Pläne sind genau. / Die Meßgeräte richten sich verläßlich. / Und weitet sich die Ferne zart ins Blau: / Den Zirkel her! Hier ist nichts unermeßlich.“

Die beiden bayerischen Städte Lauingen und Dillingen, in welchen er nach seiner amerikanischen Kriegsgefangenschaft lebte, beeindruckten ihn in ihrer Nähe zur Donau. Obwohl sich Piontek 1961 in München niedergelassen hatte, fühlte er sich den Donaustädten, wo er nach dem Krieg sein Abitur nachholen konnte, zeitlebens verbunden. Heute ehrt in Lauingen ein kleines Heinz-Piontek-Museum das Gedenken an den Schriftsteller.

Motive der Landschaft am großen Fluss hat er in seine Gedichte wie auch in die von ihm gemalten Bilder aufgenommen. Piontek hat im Laufe der Jahrzehnte nicht nur Romane, Erzählungen, Essays, Aufzeichnungen und Reisebilder geschrieben, er war auch ein begabter Maler und Zeichner. Zudem hat er Hörspiele vorgelegt und sich als Übersetzer bewährt. Heinz Piontek war ein Unangepasster im besten Sinne. Seine Lebenserfahrung wie auch sein künstlerisches Temperament hatten ihn sich jeglicher Vereinnahmung widersetzen lassen. Den hierfür zu entrichtenden Preis, wechselnden Konjunkturen der Bekanntheit ausgesetzt zu sein, nahm Piontek in Kauf.

Im vorliegenden „Poesiealbum“ sind sieben der legendären „Parolen“ Heinz Pionteks abgedruckt, in welchen er oft in pointierter, zuweilen augenzwinkernden Weise vertrackte Zusammenhänge zum Ausdruck brachte: „Als die Hunde begriffen, niemand würde ihr altes Schakalgeheul für Gesang halten, streuten sie das Gerücht aus, Kunst sei für die Katz.“ Pionteks Blick galt dem scheinbar Selbstverständlichen, so farblos und alltäglich es auch sein sollte. Die Natur im weiteren Sinne, die Begegnung mit Menschen und ihrer Welt der Freude, aber auch der Zwänge wecken unvorhergesehene Assoziationen.

Die in ansprechender Gestaltung erscheinende Reihe „Poesiealbum“ war 1967 vom DDR-Schriftsteller Bernd Jentzsch ins Leben gerufen worden und erscheint derzeit alle zwei Monate. Der niedrige Preis, die hervorragende Aufmachung sowie eine hohe Auflage hatten bereits seinerzeit für eine große Beliebtheit bei den Lesern gesorgt. Es ist dem Märkischen Verlag in Wilhelmshorst zu danken, dass er in seinen rührend betreuten Folgen des „Poesiealbums“ auf das verblüffend zeitlose Werk von Heinz Piontek aufmerksam gemacht hat.

Volker Strebel (KK)

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