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Ausgaben: Ausgabe 1386.

Bücher, Medien, Veranstaltungen

Phantomschmerz ist kein Phantom

Lothar Schlegel: Menschen in zerbrechenden Welten. Fundamentalpastorale und historische Analysen zur Arbeit mit Vertriebenen aus dem Ermland nach 1945. In: Beiträge zu Theologie, Kirche und Gesellschaft im zwanzigsten Jahrhundert. Band 29, LITverlag, Münster 2017, 214 S., 34,90 Euro

„Was die katholische Seelsorge durch die kirchlich bestellten Visitatoren für die Heimatvertriebenen aus dem Ermland (und darüber hinaus) nach der Vertreibung 1945 gelitten, erstritten und geleistet“ habe, sei durch eine Entscheidung der Deutschen Bischofskonferenz 2016 beendet worden, schreibt verbittert der einstige Vertriebenenbischof Gerhard Pieschl (Limburg) im Vorwort zum Buch des ehemaligen Visitators Ermland, Danzig und Schneidemühl, Lothar Schlegel.

Die Menschen in zerbrechenden Welten sind die 14 Millionen deutschen Heimatvertriebenen und die Flüchtlinge von heute. Ihre Situation und die ihrer Nachkommen, der „Kriegsenkel“, analysiert der Autor aus sozialer, theologischer, philosophischer, psychologischer und medizinischer Sicht. Denn gezeigter Leistungswille kann die seelischen Verletzungen verbergen. Schlegel fragt sich, ob die Deutsche Bischofskonferenz das bei ihrer Entscheidung von 2011 wohl ganz verstanden hat.

Sein Buch ist in vier Teile mit jeweils vielen kurzen Kapiteln und Fußnoten sowie jeweiligem Resümee gegliedert: Flucht – Vertreibung – Migration – Verhalten der Kirche; Historisches Geschehen in interdisziplinärer Perspektive; Diakonische Pastoral – alternative Konzepte – Gebot der Liebe – kategoriale Seelsorge; Vertriebenen- und Flüchtlingsseelsorge. In allem spürt man den Beruf des Autors: Priester und Pädagoge. Er wiederholt und variiert in seinem Text mehrfach, was der Münsteraner Universitätsprofessor Udo Fr. Schmälzle einleitend festhält: „Wenn immer deutlicher wird, dass Religion und Konfession nach 1945 ein entscheidender Faktor für die Integration und Beheimatung von Vertriebenen war, dann dürfte der religiöse Faktor für die heutige Arbeit mit den Migrantinnen und Migranten noch viel wichtiger werden.“

Schlegel zitiert Johann Baptist Metz, der bereits 1974 vorausschauend darauf hinwies, dass das Kirchenvolk aus der Rolle des „Betreuungssubjekts in das aktive Kirchensubjekt“ geführt werden müsse und sich nur schwer mit Beschlüssen der verfassten Kirche identifizieren könne. Erwähnt wird auch der langjährige Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Aloys Glück: „Man könnte den Eindruck gewinnen, dass in der Kirche reines Organisations- und Managementdenken dominant ist.“

Das verbindliche Thesenpapier des Vertriebenenbischofs Reinhard Hauke von 2011 zum Ende der Visitaturen bestätigt, so Schlegel, die Diskrepanz zwischen wissenschaftlichen Ergebnissen zu den Traumata von Flucht und Vertreibung und den Anordnungen der deutschen Kirche zum Ende der Vertriebenenseelsorge. Darin weiß er sich einig mit dem evangelischen Beauftragten für Fragen der Spätaussiedler und Heimatvertriebenen, Kirchenpräsident Helge Klassohn, der zur Ostdenkschrift von 1965 kritisch feststellte: „Viele schockierten und traumatisierten Heimatvertriebenen … fühlten sich von der evangelischen Kirche mehr politisch gedrängt als seelsorglich verstanden.“ „Möglicherweise“, so Schlegel, „sind dabei die nach Deutschland gegenwärtig zuströmenden ‚Flüchtlingsströme‘ eine geeignete und längst fällige Gelegenheit, einen öffentlichen Diskurs zu führen, der auch Auswirkung zeigen kann auf zurückliegende Versäumnisse.“

Schlegel gibt aus seinen Erfahrungen mit den leidgeprüften Ermländern, Danzigern und Schneidemühlern konkrete Impulse für die Seelsorge an Migranten, Heimatvertriebenen und heutigen auch muslimischen Flüchtlingen: empathisch-diakonale-caritative Pastoral, Schaffung einer religiösen Verwurzelung, Beachtung der Lebensumfelder, Ermöglichung des Zusammenhalts der Familien, Pflege der Gesprächskultur, sinnloses Leid verstehen, Traumata aus der Erinnerung entfernen, heilend beheimaten durch begleitende Seelsorge.

Prälat Dr. Lothar Schlegel treibt die Sorge um, dass durch Aufgabe der direkten Vertriebenenseelsorge noch mehr Menschen Abschied von der Kirche nehmen und bei den muslimischen Flüchtlingen durch das Fehlen religiöser Beheimatung Radikalität wachsen könnte.

Norbert Matern (KK)

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