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Ausgaben: Ausgabe 1387.

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Woher kommt der Berliner?

Harald Schäfer: „Der Berliner ist meist aus Posen …“. Posener Reminiszenzen im heutigen Berlin (In der Reihe: Blätter zur ostpolitischen Bildungsarbeit, Folge 13). Verlag Winterwork, Borsdorf, 315 Seiten

„Der Berliner ist meist aus Posen oder Breslau.“ Diese Feststellung Kurt Tucholskys ist auch heute noch im öffentlichen Raum Berlins verifizierbar. Viele Posener haben deutliche Spuren im Stadtbild Berlins hinterlassen und nicht zu unterschätzende Beiträge zur Entwicklung dieser Stadt zur Metropole geleistet. Diesen Spuren ist Harald Schäfer, langjähriger Bildungsreferent der DJO – Deutsche Jugend in Europa, Landesverband Hessen, in seinem beachtlichen Buch nachgegangen.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erlebte die damals preußische Hauptstadt Berlin eine stürmische wirtschaftliche Entwicklung. Mit der Gründung des Deutschen Reiches erhielt Berlin die Hauptstadtfunktion. Die Einwohnerzahl wuchs in den Jahren von 1871 bis 1910 von rund 930 000 auf 3,7 Millionen Bürger.

Die Posener kamen nach Berlin, das wie ein Magnet wirkte, auf der Suche nach einem besseren Leben oder weil sie aus politischen Gründen eine Zuflucht suchten. Berlin war besonders für kreative Persönlichkeiten attraktiv. Die Berliner Universität zog viele Abiturienten aus den preußischen Ostprovinzen an, insbesondere Posener, weil die Hauptstadt der damaligen Provinz Posen bis zum Ende des Ersten Weltkriegs noch keine Universität hatte.

Die Geschichte der Posener spiegelt sich auch im heutigen Stadtbild – vielfach unbekannt und unbeachtet. Die Reichshauptstadt wurde zum idealen Standort für viele innovative Unternehmer, die den Grundstein ihres wirtschaftlichen Erfolges in Berlin legten. Arbeitskräfte wurden benötigt, die vor allem aus den preußischen Ostprovinzen kamen. Viele Architekten und Städteplaner aus dem weitgehend agrarisch geprägten Posener Land gaben Berlin sein immer wieder wechselndes Gesicht. So entwarf der Architekt Adolf Sommerfeld die Waldsiedlung „Onkel Toms Hütte“, Heinrich Mendelssohn zeichnete planerisch für den Bau des Europahauses verantwortlich, und August Adolf Max Spitta hatte die Bauleitung der Siegesallee. Berthold Kempinski legte als Weinhändler mit einer Gaststätte die Voraussetzung für die berühmte Hotelkette, Rudolf Mosse baute in Berlin sein Zeitungsimperium auf, Hermann Tietz seine Kaufhauskette, an die der Name Hertie erinnert, und Salman Schocken seinen gleichnamigen Warenhauskonzern.

Große Namen und berühmte Zeugnisse aus Kunst-, Geistes-, Kultur-, Gesellschafts- und Industriegeschichte sind mit dem „Posener Einfluss“ auf die Entwicklung Berlins und Deutschlands verknüpft. Vielen ist nicht bekannt, dass die Maler Erich Buchholz, Walter Leistikow und Lesser Ury, die berühmten Schauspieler O. E. Hasse und Lilli Palmer sowie der Komponist Xaver Scharwenka aus Posen stammen.

Zahlreiche Persönlichkeiten aus der Provinz Posen haben die Berliner Kommunalpolitik maßgeblich mitgeprägt oder an herausragender Position Verantwortung getragen, z. B. Arthur Scholz als Bürgermeister der Stadt. Am Widerstand gegen den Nationalsozialismus beteiligten sich Posener wie Carl-Friedrich Goerdeler und Herbert Baum. Auffallend viele sichtbare Zeichen weisen auf bedeutsame jüdische Mitbürger aus der einst preußischen Provinz Posen hin, weil auch dort ihr Anteil an der Bevölkerung verhältnismäßig groß war. Sie haben zum Aufstieg der Stadt und zu ihrer Modernität, ihrer Offenheit gegenüber neuen Ideen, ihrer Toleranz und ihrem Weltstadt-Charme beigetragen.

Kulturpolitisch ist richtig, dass Harald Schäfer den Gebietsstand der ehemals preußischen Provinz Posen zum Ende des Ersten Weltkriegs berücksichtigt und auch Persönlichkeiten einbezogen hat, die im Kaiserreich als Deutsche polnischer Nationalität im Reichstag waren bzw. in der DDR eine Rolle spielten.

Die Persönlichkeiten werden in alphabetischer Folge ihres Nachnamens und unter zahlreichen Stichworten wie Ehrenbürger (z. B. Generalfeldmarschall und Reichspräsident Paul von Hindenburg und der Politiker Wolfgang Straßmann), Gedenkstätte der Sozialisten, Ostbahnhof, Partnerschaft, Gedenkstätte Plötzensee, Reichstag und Stadtälteste vorgestellt. Unter den Stichworten sind auch viele jüdische Einrichtungen, hinzu kommen Hinweise auf die „Stolpersteine“ zum Gedenken an Menschen, die dort wohnten, als sie von den Nazis verschleppt wurden.

Leider fehlen die Vereinigungen und Einrichtungen der Deutschen, die nach 1945 als Heimatvertriebene aus dem Gebiet der früheren Provinz Posen ein neues Zuhause in Berlin fanden. Diese gründeten dort bereits 1949 eine Landsmannschaft Posen als Vorläufer der Landsmannschaft Weichsel-Warthe, die eine aktive Landesgruppe und eine Frauengruppe hat. Außerdem bildeten sich in Berlin zahlreiche örtliche Gruppen der Heimatkreise ehemaliger Posener. Interessierte Landsleute aus Bromberg, Meseritz, Schneidemühl und Wirsitz treffen sich immer noch. Auch der „Kirchendienst Ost“, den von 1950 bis 1976 Posener Persönlichkeiten leiteten, und die Stiftung Deutschlandhaus erfüllten während der Teilung Deutschlands und Europas in Berlin wichtige Funktionen. Im Deutschlandhaus wird jetzt eine Dauerausstellung der bundeseigenen Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung vorbereitet.

Das Buch entstand aus Seminarmaterialien, die für ein Mitarbeiterseminar der DJO Hessen zusammengetragen wurden, das vom Autor 2016 am Hessischen Gedenktag für die Opfer von Flucht, Vertreibung und Deportation in Berlin durchgeführt wurde. Die Veröffentlichung versteht sich als ein konkreter Beitrag zur Ausgestaltung der Landespartnerschaft Hessen–Wielkopolska und der Patenschaft des Landes Hessen über die Landsmannschaft Weichsel-Warthe.

Karl Bauer (KK)

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