Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1388.

Bücher, Medien, Veranstaltungen

Für die „Wohnlichkeit“ des Kontinents

Hans Bergel: Blick auf die Welt. Von Menschen, Masken und Mächten. Edition Noack & Block, Berlin 2017, 201 Seiten, 24,80 Euro

„Hunger und vielerlei andere Not bis hin zur Gefährdung aus politischen Gründen treibt heute die rund hundert Millionen Flüchtiger durch die Welt. Sie sind nur die Vorboten globaler Menschenlawinen unabsehbaren Ausmaßes.“ – „Heute“ war ein Tag im Jahr 1993, als Hans Bergel sich an seinen Schreibtisch setzte, um seine Beobachtungen zur Migrationsfrage niederzuschreiben. Der Aufsatz war – das kennt man von ihm nicht anders – keine Kopfgeburt, sondern das Ergebnis mehrerer Reisen durch Nordamerika Ende des 20. Jahrhunderts. „Der ‚Weiße Mann‘ und die Migration als Problem seiner Zukunft“ – ein Text, der erschütternd aktuell ist. Erschütternd, weil einem bewusst wird, dass bereits vor einem Vierteljahrhundert scharfsinnige Intellektuelle Probleme der Zeit genau erkannt und benannt haben. Heute tun Politiker so, als sei die Flüchtlingswelle 2015 unvorhersehbar gewesen – als hätte sie uns unvermittelt, einer Naturgewalt gleich, ereilt. Dabei hätten wir uns längst vorbereiten können. Die „Unterworfenen“ von einst überschwemmen ihre einstigen Eroberer und Kolonialherren – und sie wollen ihre Identität nicht aufgeben. Ein Algerier, der in Paris ankommt, will im Namen christlicher Nächstenliebe aufgenommen werden – und „seine Spezifika bewahren“. Das ist für jemanden, der aus der „Vielvölkerregion Südosteuropa“ stammt, nicht schwer zu verstehen: „Wollten das ehemals nicht auch jene Deutschen, die im Zuge der großen Ostsiedlung nach Posen, nach Böhmen, nach Siebenbürgen, später ins Banat zogen?“ Nichts anderes wollten aber auch die Engländer, die nach Neuseeland, Australien, nach Kanada wanderten, oder die Bretonen und Normannen, die sich einst in Quebec niederließen und bis heute darum kämpfen, Franzosen zu bleiben.

Menschen werden aus „dieser oder jener Notlage“ zu „Wanderern“ – eine Situation, auf die sich die „weiße Gesellschaft“ längst hätte einstellen können. Mit humanitärem Gesäusel kann das Ausmaß der Integrationsaufgabe, die den Europäern bevorsteht, nicht erfasst werden – mit einer scharfsinnigen Analyse der „spezifischen Differenz des Kulturbegriffs und Kulturgefälles“ hingegen eher: „Wer hierzulande im Blick auf die Folgen für das Integrationswagnis die kulturelle Immanenz des Unterschieds zwischen einem Russlanddeutschen und einem afrikanischen Asylanten nicht begreift, hat weder Thematik noch Dynamik der zur Diskussion stehenden Entwicklung sachlich begriffen. Er kann daher das Problem auch nicht in die politische Lösung umsetzen.“

Wem „die geistige, die moralische, die kulturelle Wohnlichkeit unseres Kontinents“ am Herzen liegt, dem bleibt nüchternes Analysieren nicht erspart. Daran appelliert Bergel in einem ebenfalls in diesem Sammelband abgedruckten Vortrag, den er 2007 anlässlich der „Politischen Sommerkurse“ der Gedenkstätte Memorial Sighet (Nordrumänien) gehalten hat. Sein Leitthema, die „heroische Mitte der Humanitas“, erklärt er den jungen Zuhörern anhand seiner eigenen Biographie. Sich weder von links noch von rechts blenden zu lassen ist auch heute die Voraussetzung für ein Europa, das seinem reichen Kulturerbe gerecht werden will: „… achten Sie darauf, dass Sie nicht heimatlos in der Heimat Europa werden“, so der Aufruf.

Im Namen der Freiheit hat das „Reale“ zu gelten und nicht die ideologischen Hirngespinste. Was Letztere bewirken, hat Bergel beeindruckend in einer Kölner Rede 1982 dargelegt. „Was soll denn noch mit diesen Menschen geschehen dürfen?“, fragt er und bezieht sich dabei auf den Freikauf der Siebenbürger Sachsen und Banater Schwaben aus Rumänien. Ein ähnlich wertvolles zeitgeschichtliches Dokument ist auch der Vortrag „Fünfzig Jahre im Fokus der Securitate“, gehalten 2009 im Rahmen der Münchner Tagung „Deutsche Literatur in Rumänien im Spiegel und Zerrspiegel der Securitate-Akten“. Darin entlarvt Bergel den rumänischen Geheimdienst als Hort willkürlicher Machenschaften, die in ihrer Absurdität nicht zu überbieten sind.

Den Sinn fürs Reale hat Bergel an seiner „Dreifaltigkeit“ erprobt. „Goethe – der Erwecker, Kleist – der Bändiger, Nietzsche – der Forderer“, diese drei haben ihn stets begleitet. Ihnen verdankt er die Gewissheit, „auf der richtigen Fährte zu sein“, wie er in seinem Aufsatz „Drei Sonnen“ hervorhebt. Doch sind seine Texte nicht Klassikern allein, sondern vor allem Zeitgenossen wie seinem Bruder, dem Dirigenten und Musiker Erich Bergel, dem Schriftsteller Alfred Margul-Sperber, dem Kunst- und Kulturhistoriker Walter Myß und der Dichterin Ana Blandiana gewidmet.

„Der Blick auf die Welt ist umso ergiebiger, je mehr wir von der Welt wissen.“ Bergels lebensphilosophische Reflexionen zeigen, worauf es ankommt: „Wissen“ heißt Erfahren und Erspüren von Wirklichkeit, um Zusammenhänge zu verstehen und geistig voranzukommen.

Ingeborg Szöllösi (KK)

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