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Ausgaben: Ausgabe 1388.

Bücher, Medien, Veranstaltungen

Geschichts- ist Selbstvergessenheit

Igor Tschubais: Wie wir unser Land verstehen sollen. Herausgegeben und aus dem Russischen übersetzt von Dietrich Kegler. Shaker Media, Aachen 2016, 107 Seiten, 15 Euro

„Die Sowjetunion verhält sich zum historischen Russland wie ein Mörder zum Ermordeten.“ Diese Einschätzung des russischen Schriftstellers Alexander Solschenizyn mag dem russischen Historiker Igor Tschubais als Inspiration für seine vorliegende Wortmeldung gedient haben. Die im Untertitel abgesteckten Themenfelder „Russische Idee und russländische Identität: Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft“ nutzt Igor Tschubais, um über Jahrzehnte hinweg verfälschte, ja vergiftete Begrifflichkeiten zurechtzurücken. In engagierter Weise erhebt sich in Igor Tschubais’ Beitrag eine patriotische Stimme, die dem derzeitigen staatstragenden Zeitgeist in den russischen Medien und Geschichtsbüchern vollkommen zuwiderläuft.

Der Autor macht aus seinem Handlungsantrieb keinen Hehl. In sehr persönlich gehaltenen Einwürfen verweist er auf seine Überzeugung als russischer Patriot. Und genau deswegen sieht er sich von den heutigen Machthabern in seiner Heimat marginalisiert, denen er wahren Patriotismus abspricht. Anstelle der in Sowjetzeiten verordneten Ideologie des Marxismus-Leninismus ist im heutigen Russland die Rede von den „Traditionellen Werten“ getreten, die es zu bewahren gelte. Dabei scheint es offenbar nicht zu stören, dass sich allzu oft sowohl offensichtlich Kriminelle wie auch frühere Mitarbeiter des allmächtigen Geheimdienstes KGB als Vertreter dieser Werte präsentieren.

Umfassende Kenntnisse über das sowjetische System und dessen bis heute anhaltenden verheerenden Folgen für das Land drängen Igor Tschubais dazu, auf die politische Verwahrlosung wie auch auf eine erschütternde Geschichtsvergessenheit aufmerksam zu machen. Seine selbstgestellte Aufgabe sieht Tschubais darin, die Geschichte Russlands vor allem des 20. Jahrhunderts rückhaltlos auszuleuchten und ohne jegliche Tabuisierung kritisch zu analysieren.

Dabei geht Tschubais in kurzen Exkursen auch auf konkrete Brennpunkte wie etwa die verbreitete Trunksucht oder die historische Problematik der Leibeigenschaft ein. Zudem streift er heikle Themen wie den Mythos des „Großen Vaterländischen Krieges“ oder den heutzutage verdrängten Hitler-Stalin-Pakt. Besondere Aufmerksamkeit widmet Tschubais den gewaltigen Aufständen der Gulag-Häftlinge vor allem in Norilsk und Workuta in den 1950-er Jahren, welche die herrschende Nomenklatura ernsthaft bedroht hatten. Das Regime konnte nur mit massivem militärischem Einsatz diese „Revolution im Gulag“ niederschlagen. Nikita Chruschtschow hatte damals verstanden, dass er gezwungen war, „die Demontage des gesamten Terrorsystems anzugehen, das im Oktober 1917 geschaffen worden war“. Die in Folge eingeleitete Entstalinisierung blieb freilich auf halbem Wege stecken.

Das heutige Russland hat dem Leninismus ein verlorenes Jahrhundert zu verdanken. Tschubais weist darauf hin, dass über diese Tragik zwar öffentlich diskutiert wird, aber offenbar kein abschließendes Fazit erreicht werden darf: „So entstand und so arbeitet der Mechanismus der Zerstörung der nationalen Erinnerung, des nationalen Gedächtnisses und der Vernichtung der eigenen Geschichte“.

Eine wahrhafte Wiederanbindung Russlands an die eigenen Traditionen kann nur in konsequenter Abgrenzung gegenüber dem sowjetischen Erbe stattfinden. Tschubais treiben die verdeckten, verdrängten und verschwiegenen Vorgänge seiner Heimat um. Wie kann man russischer Patriot sein, ohne sich zugleich von der Sowjetunion in all ihren ideologischen Erscheinungen strikt loszusagen?

Dem deutschen Leser drängen sich bei der vorliegenden Lektüre unwillkürlich Gedanken an die eigene jüngere Geschichte auf. Wie in keinem anderen Land haben in Deutschland gleich zwei ideologische Formationen von weltanschaulich grundierter Unerbittlichkeit ihr Unwesen getrieben. Auch hierzulande hat es sowohl bei den Parteigängern wie ihren Gegnern lange gedauert, bis im tiefsten Grunde verstanden wurde, dass deutscher Patriotismus mit dem Nationalsozialismus nicht zu vereinbaren ist.

Gerade in Russland hatte es zu allen Zeiten, unter den Zaren wie unter der Sowjetherrschaft, unangepasste Stimmen gegeben, die sich entweder im Untergrund oder im Exil zu Wort gemeldet haben. Die Publikationen des unverdrossenen Historikers Igor Tschubais reihen sich in eine ansehnliche Tradition ein. Auch Dietrich Kegler, der Herausgeber und Übersetzer der vorliegenden Schrift, hat seine landeskundliche Kompetenz bereits als Übersetzer von Werken etwa der russischen Philosophen Nikolaj Berdjajew, Nikolaj Losskij oder Vasilij Zen‘kovskij souverän unter Beweis gestellt.

Das schmale Bändchen bietet, gerade in seiner polemischen Herangehensweise, eine ebenso engagierte wie temperamentvolle Anregung zur aktuellen Diskussion einer russischen Vergangenheitsbewältigung.

Volker Strebel (KK)

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