Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
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Ausgaben: Ausgabe 1390.

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Goutieren und fotografieren

Geschmack des Lebens auf Schloss Fürstenstein: im Objektiv von Louis Hardouin, dem Küchenchef der Familie von Hochberg / Zamek Ksiaz Wałbrzychu. Beata Lejman (Bearb.). Atut, Wrocław 2017. 245 S.

Die Welt der Schönen und Reichen imponiert und findet Aufmerksamkeit. Das galt auch für Schlesien zu Zeiten, in denen die Welt noch in Ordnung schien. Aber war sie das eigentlich jemals?

Vor hundert Jahren endete der Erste Weltkrieg. In Schlesien wie anderswo im Deutschen Reich hatten die Familien Tote, Vermisste und Verwundete zu beklagen. Ernährungsmangel sowie schließlich die Spanische Grippe forderten ungezählte Opfer. Und vor dem Krieg? Die Diskrepanz zwischen dem Leben einer kleinen Elite und dem von Industrie-, Berg- und Landarbeitern konnte nicht größer sein.

Das gilt auch für das Waldenburger Bergland in Schlesien, wo sich das allseits bekannte Schloss Fürstenstein als Landmarke sowie als Inbegriff des Reichtums ihrer Besitzer erhebt. Noch kurz vor dem Weltkriegsausbruch war der aufwendige Ausbau des alten Adelssitzes begonnen worden. Für die fürstliche Besitzerfamilie Hochberg kam der unermessliche Reichtum insbesondere aus der Steinkohleförderung in ihrer oberschlesischen Standesherrschaft Pless. Als die niederschlesische Schlosserweiterung 1922 abgeschlossen wurde, war die „gute Zeit“ auch vorbei. Aus Pless war Pszczyna geworden, die Industrieverwaltung im nunmehr polnischen Teil Oberschlesiens war schwierig und unterlag staatlichen Eingriffen.

Wirtschaftskrise und Inflation zehrten auch bei den Waldenburger Besitzungen die Erträge auf. Und dennoch: Das Leben in Fürstenstein zwischen 1909 und 1926 zeigt sich in zeitgenössischen Fotografien als Idylle, als Luxus und Inbegriff von Pläsier und Sorglosigkeit.

Historische Fotosammlungen aus Schlesien sind kaum erhalten. Im Jahr 2016 reiste eine Gruppe polnischer Aktiver aus dem heutigen Ksiaz nach Kanada. Dort lebt hochbetagt die Enkelin des ehemaligen Fürstensteiner Hofkochs Louis Hardouin (1877–1954). Der Franzose war im Gefolge der Fürstin Daisy über England nach Schlesien gekommen, wo er wohl bis 1932 wirkte. Er nahm jedoch auch an den Reisen des Fürstenehepaares teil, war zeitweise in Pless tätig.

Neben seiner famosen Koch- und Backkunst widmete er sich begeistert der Fotografie. Erhalten haben sich wohl mehr als eineinhalbtausend Aufnahmen, die nun als Scans nach Schlesien zurückkehrten. Dieser Schatz gibt eine Vorstellung von vergangenem Glanz und früherer Herrlichkeit in Fürstenstein: spielende Kinder, uniformierte Diener, gepflegte Gärten, die Großküche, Schlittenfahrten, Billardspiel. Die Bilder sind gestellt, die Szenerien teilweise austauschbar. Doch eben das war ein wesentlicher Teil der Marken „Fürstenstein“, „Hochberg-Pless“ sowie des gegenwärtig wiederauflebenden Glamours von „Fürstin Daisy“, dass eine Außenwirkung entstand.

Hardouin war Dokumentar dieses inszenierten Geschehens, durchaus nicht standesgemäß, also nicht auf gleicher Ebene mit den fürstlichen Herrschaften, jedoch auf der eines oberen Bediensteten, der ein beinahe ebenso sorgloses Leben führen konnte. Eine Auswahl seiner Lichtbilder wird seit Februar 2017 in Ksiaz gezeigt. Unter gleichem Titel ist ein Bildband erschienen, der von der Betreibergesellschaft herausgegeben wurde. Die hochinteressante Publikation ist in deutscher Fassung vor Ort sowie im Breslauer Buchhandel erhältlich.

Stephan Kaiser (KK)

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