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Ausgaben: Ausgabe 1390.

Bücher, Medien, Veranstaltungen

„Tage schwerster Heimsuchung“

Maria Anna Zumholz / Michael Hirschfeld (Hrsg.): Zwischen Seelsorge und Politik. Katholische Bischöfe in der NS-Zeit. Verlag Aschendorff, Münster 2018, 817 S., 29,80 Euro

Zu Beginn der NS-Herrschaft wurde die Lage auch von der Kirche unterschiedlich eingeschätzt. „Hier standen sogenannte Brückenbauer wie Berning (Osnabrück), Kaller (Ermland), Faulhaber (München) und Gröber (Freiburg) klarsichtigen Bischöfen wie v. Preysing (Berlin) und v. Galen (Münster) gegenüber.“ Für Kaller – sein Bild fehlt unter den fünfzehn Köpfen auf dem Schutzumschlag – kam die Nähe zur Sowjetunion bzw. Polen als Grenzlandbistum erschwerend hinzu. So die Kirchenhistoriker Zumholz und Hirschfeld von der Universität Vechta, die sich bereits wiederholt mit der Situation der katholischen Kirche in der NS-Zeit beschäftigt haben. Grundlage ihres neuen Buches in Lexikonstärke ist eine Tagung im November 2016 in der Katholischen Akademie Stapelfeld bei Cloppenburg, bei der 17 Historiker wissenschaftlich exakte Kurzbiographien des Führungspersonals der katholischen Kirche während des Nationalsozialismus vortrugen.

26 Autoren sind es im Buch, die insgesamt neun Erzbischöfe und 25 Bischöfe auch mit Foto und Bistumskarte vorstellen. Da er nicht in der Deutschen Bischofskonferenz vertreten war, fehlt Carl Maria Splett, der Bischof von Danzig, ebenso vermisst man die Prälaten von Schneidemühl, Glatz und Branitz, die zur Kirchenprovinz Breslau gehörten.

Das Buch treibt keine Schönfärberei, vielmehr enthält es Sätze wie: „in Süddeutschland ist ein signifikant ausgeprägter Antijudaismus virulent“. Dazu werden eine „erschreckende Denunziationsbereitschaft sowie Dissonanzen zwischen Diözesanpriestern“ konstatiert. Kaller ist der einzige, der in der Überschrift in die Nazi-Ecke gestellt wird. Zitiert wird der Satz aus seinem in Deutschland viel nachgedruckten Hirtenbrief nach der Machtergreifung: „Jetzt wird das Reich neu gezimmert.“ Schon Mitte des Jahres 1933 erkannte er seinen Irrtum.

Dass in der Kürze die Würze liegt, beweisen die Autoren Bendel und Karp, die entgegen ihrer Monographie (Münster 2017) in ihrem Kurzportrait Kallers Widerstand gegen die Nazis prägnanter herausarbeiten und darauf hinweisen, dass der Bischof und das Bistum schon bald unter besondere Gestapokontrolle gestellt wurden, „weil man im Ermland einen Herd des Umsturzes vermutete“. Aus den jeweiligen Tabellen zur Kirchenbindung geht hervor, dass nach Passau, Eichstätt und Würzburg das Ermland die wenigsten Kirchenaustritte hatte. Die Ostpreußenkarte gibt die Städtenamen zweisprachig wieder.

Birgit Mitzscherlich, Leiterin des Diözesanarchivs des Bistums Dresden-Meißen in Bautzen, schrieb den Beitrag über Bischof Petrus Legge (1882–1951) unter dem Titel „Tage schwerster Heimsuchung“. Er war der einzige Oberhirte im Deutschen Reich, der inhaftiert und verurteilt wurde, dann aber als freier Mann das Gericht verlassen konnte. Von 1935 bis 1937 konnte er sein Bischofsamt nicht ausüben. Nuntius Orsenigo nahm ihm im Gefängnis Ring und Pektorale ab, „damit sie nicht profaniert würden“. Dies und die „Hafterfahrung, aber auch die mangelnde Solidarität seiner bischöflichen Mitbrüder haben ihn dauerhaft gezeichnet“. Mit einer Ausnahme vermied er es nach dem Kriege, die Sitzungen der Bischofskonferenz zu besuchen. Legge stand einem Bistum vor, das unter 5,4 Millionen Einwohnern nur 3,7 Prozent Katholiken zählte. Als vorheriger Caritasdirektor kannte er Not und Elend vieler Diözesanen und hatte dann vergeblich um den Erhalt katholischer Schulen zu kämpfen. Er lernte Polnisch, um die Wanderarbeiter besser betreuen zu können, und geriet damit auch in Konflikte mit den „germanisierenden“ Nazibehörden.

Zum „Bekennerbischof“ wurde Johannes Baptista Sproll (1870–1949) von Rottenburg. Von 1938 bis 1945 wurde er nach ständigen Konflikten mit den Nazis aus seinem Bistum verbannt.

Nachdem Sascha Hinkel bereits ihr Portrait des Breslauer Kardinals Bertram mit seiner wahrscheinlich nie erfolgten „Anweisung“ beginnt, für Hitler ein Requiem zu halten, untersucht Winfried Töpler, Leiter des Bistumsarchivs Görlitz, sie quellenkritisch. Sein Ergebnis: „Der (durchgestrichene) Requiemzettel war ein reines zu Papier gebrachtes Gedankenspiel, das den Schreibtisch des Kardinals nie verlassen hat. Der Zettel stammt nicht aus dem Mai 1945, denn der Nachlass endet mit dem 20. Januar 1945. Der Zettel wurde wahrscheinlich am 20. Juli 1944 geschrieben.“

Wichtig ist besonders das zusammenfassende Schlusskapitel von Maria Anna Zumholz: „Die Fuldaer Plenarkonferenz“, deren wichtigste Ereignisse sie von 1933 bis 1943 gesondert vorstellt. Es fiel den Bischöfen vor allem am Anfang schwer, eine einheitliche Linie gegen das NS-Regime zu finden. Später wurde die Veröffentlichung von gemeinsamen Hirtenbriefen immer schwerer, zumal in einigen Ordinarien sogar Schreibmaschinen, Vervielfältigungsgeräte, ja selbst Schreibpapier beschlagnahmt wurden.

Der Paderborner Erzbischof Lorenz Jäger versuchte im Sommer 1945 in einem Brief an den Papst das Verhalten der Bischöfe zu rechtfertigen: „Wir waren uns nicht immer einig und hielten uns mit Rücksicht auf den Eindruck eines verschiedenen Vorgehens beim gläubigen Volk zurück.“ Das Schweigen zu Konzentrationslagern und der Vernichtung der Juden habe drei Gründe gehabt: Es sei schwer gewesen, verbürgte Nachrichten zu erhalten, man konnte den Betroffenen nicht wirksam helfen, hätte etwa ihre Lage noch verschlimmert, und nach einem derartigen Eintreten hätten die Nazis das kirchliche Leben noch mehr drosseln können. Schon 1937 stellte der Kölner Kardinal Schulte in einer Situationsanalyse für den Vatikan fest, das NS-Regime strebe „grundsätzlich und definitiv die Vernichtung des Christentums und insbesondere der katholischen Religion“ an.

Mit vielen Fußnoten, Literaturhinweisen, langem Personen- und Ortsregister sowie Autorenverzeichnis erfüllt das Buch alle Voraussetzungen eines für die Kirchen- und Profangeschichte bedeutsamen Werkes. Es liest sich spannend und hat wegen der finanziellen Unterstützung durch einige Bistümer einen günstigen Preis.

Norbert Matern (KK)

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