Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1390.

Bücher, Medien, Veranstaltungen

Ruheloser Geist und Ghostwriter

Leo Lania: Land im Zwielicht. Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Michael Schwaiger. mandelbaum verlag, Wien 2017, 24,90 Euro

Michael Schwaiger: „Hinter der Fassade der Wirklichkeit“. Leben und Werk von Leo Lania. mandelbaum verlag, Wien 2017, 24,90 Euro

Leo Lania: Gewehre auf Reisen. Mit einem Vorwort von Kurt Tucholsky. mandelbaum verlag, Wien 2004, 19,90 Euro

In der Galerie der unbekannten Schriftsteller, die Großes vollbracht haben, zählt Leo Lania, der mit bürgerlichem Namen Lazar Hermann hieß, sicherlich zu einem der unbekanntesten. Nach dem frühen Tod ihres Mannes zieht die Mutter mit ihrem 1896 geborenen Sohn 1906 von Charkow in ihre Heimatstadt Wien. Zunächst staatenlos, zieht Leo Lania für Österreich in den Weltkrieg. Kaum zurück, mischt er sich in die politischen Auseinandersetzungen ein, zunächst auf Seiten der Kommunistischen Partei. Es zieht ihn nach Berlin. Hier macht er bis zur Emigration 1932 gleich in zwei Bereichen Karriere. Zunächst arbeitet er als Journalist, genauer: als investigativer Journalist, wie es heute heißt. Sein Meisterstück gemahnt an Wallraff: Er recherchiert eine Woche unerkannt als „italienischer“ Kollege beim „Völkischen Beobachter“ in München. Er enthüllt zwar nicht „Windiges aus der Luftfahrt“, aber ebenso Brisantes über Waffenschiebereien und die Wiederbewaffnung der Reichswehr. Seine Reportage „Gewehre auf Reisen“ ist von atemberaubender Aktualität. Waffenschmuggel hat offensichtlich immer Konjunktur. 1923 setzte sich das entsprechende Kartell aus Banken, Diplomaten, Freischarleuten, einem Rittmeister und einem General zusammen. Neben dem Profitinteresse ging es um die nationalistisch motivierte Absicht, die Reichswehr insgeheim aufzurüsten.

In der zweiten Hälfte der 1920er Jahre arbeitet Lania zwar immer noch als Journalist, gründet sogar die Nachrichtenagentur Intel, aber er findet Gefallen an Arbeit in der Kultur. Bertolt Brecht lernte Leo Lania über Piscator kennen und arbeitete einige Jahre mit ihm zusammen, z. B. am Drehbuch für die Verfilmung der „Dreigroschenoper“. An Piscators Dramatisierung von Haseks „Schwejk“ war er ebenso beteiligt. Heutzutage geht einer wie Leo Lania als Multitalent durch, bedenkt man, dass er sich als Journalist, Drehbuchautor, Dramaturg und Prosaautor durchschlug.

Von seinem ersten Roman soll im Folgenden die Rede sein, der freilich erst 1949 auf Deutsch erscheinen konnte. 1934 wurde er in London unter dem Titel „Land of Promise“ veröffentlicht. Auf den Unterschied zwischen der Übersetzung „Versprechen“ für „promise“ und Zwielicht soll hier nicht eingegangen werden. Zwielicht trifft den Kern des Romans besser.

Er beginnt idyllisch: „Der Wald schlief noch. Sein Atem ging ruhig und sehr leise.“ Die Idylle trügt. Denn der Roman beginnt mit einer Szene aus dem Ersten Weltkrieg. Vizefeldwebel Rosenberg ist mit Kanonier Heinicke unterwegs zu Pferd, als Beobachter in die vorderste Stellung. Schon ist es mit der Idylle vorbei, das Gefecht beginnt, und nur unter Aufbietung höchsten Einsatzes kommen er und Heinicke halbwegs wohlbehalten aus dieser Schlacht und dem Krieg nach Hause zurück. Die Kriegsschilderung Lanias beruht auf eigenen Erfahrungen als Artillerieoffizier.

Dieser Krieg führt Rosenberg freilich bis nach Galizien in die Stube des Schneiders Mendel. Schneider Mendel wiederum gelingt im ukrainischen Bürgerkrieg die Flucht nach Berlin, wo er zeitweise eine Schneiderwerkstatt führt. Tochter Esther, die den damals frischbeförderten Leutnant Rosenberg eher ängstlich beäugt hatte, ist mittlerweile Doktorandin der Medizin mit besten Aussichten – also eine gute Partie. Die beiden heiraten.

Nein, es ist keine Klischeegeschichte, die Leo Lania geschrieben hat. Er hat genau den Untergang des Kaiserreichs und die Schwierigkeiten der Weimarer Republik beobachtet. Doch endet Rosenbergs Leben grässlich. Als Nazihorden sein Haus stürmen, versucht er den Gegner mit seiner Leutnantsuniform einzuschüchtern. Die Plünderer lassen sich nicht beeindrucken, sie erschlagen den Offizier. Und auch für den ostgalizischen Schneider Mendel und seine Tochter Esther gibt es keine Aussicht auf ein besseres Leben.

In der Konzentration auf die Lebenswege seiner Protagonisten beschreibt Leo Lania sehr präzise all den Sinn und Widersinn, mit dem die Weimarer Republik nicht fertig wurde, nicht fertig werden konnte, weil es zu wenig überzeugte Demokraten gab.

Ihm selbst gelingt nach Stationen des Exils in Frankreich und Großbritannien die Flucht in die USA. Dort stürzt er sich wieder in politische Arbeit. Seine englischen Sprachkenntnisse verhelfen ihm zu großem Einsatz vor allem im Rundfunk und als Vortragender in Sachen antifaschistischer Politik. Zwar ist er nicht immer mit allen Entscheidungsträgern in den Gremien einig, aber sein Engagement für die Sache der Demokratie ist beeindruckend. Nach dem Krieg pendelt Lania zwischen Europa und den USA.

1960 erscheint Willy Brandts Autobiographie „Mein Weg nach Berlin“, aufgezeichnet von Leo Lania. Leider verrät Michael Schwaiger nicht, wie es zu dieser Allianz kam. Lapidar berichtet der Autor, dass Leo Lania mit der Arbeit an diesem Buch 1959 begann. In der nicht ganz ironiefreien zeitgenössischen Rezension („Der Spiegel“ 17/1960) erfährt man immerhin, dass erste Kontakte bei Brandts „Amerika-Werbetournee im Februar 1959“ geknüpft wurden. Schon zu Beginn der Arbeit an diesem Projekt bekennt Lania in einem Brief an Brandt, dass er sich als sein „Eckermann“ fühle. Es ist Lanias letzte abgeschlossene Arbeit. Im November 1961 stirbt er in München.

Verlag und Herausgeber sind zu loben dafür, dass sie einen der großen Unbekannten aus der Weimarer Literaturszene an das Licht des Tages gehoben haben. Gerade in diesen Tagen, in denen „Alternative Fakten“/“Fake News“ mit vielen Nebelkerzen und noch mehr Getöse den Blick auf die Realität behindern, ist es wichtig zu erkennen, dass es dergleichen schon immer gegeben hat. Noch wichtiger allerdings ist, dass es schon damals Mittel dagegen gab, Mittel, mit denen auch heute noch gegen die Blender gekämpft werden kann.

Ulrich Schmidt (KK)

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