Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
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Ausgaben: Ausgabe 1383.

Dampf und Eisen fürs platte Land

Themenwochenende zum 125. Jubiläum des preußischen „Gesetzes über Kleinbahnen und Privatanschlussbahnen“

Klein, aber mächtig – unter Dampf: die Lok 4i „Franzburg“ vom Deutschen Eisenbahn Verein mit Wagen und ihre original uniformierten, kundigen Liebhaber
Bild: der Autor

Mit einem Themenwochenende unter der Schirmherrschaft von Hedda Lenz, der Ur-Urenkelin von Geheimrat Friedrich Lenz, erinnerte das Kleinbahnmuseum Selfkantbahn/Kreis Heinsberg an das vor 125 Jahren verkündete „Gesetz über Kleinbahnen und Privatanschlussbahnen“.

Das „Preußische Kleinbahngesetz“ – das übrigens im Bundesland Berlin immer noch Gültigkeit hat – wurde erlassen, als gegen Ende des 19. Jahrhunderts die landwirtschaftlich strukturierten Bereiche im Norden und Osten des Königreichs Preußen einer Erschließung bedurften, die der preußische Staat über den von ihm bezuschussten Bau von Eisenbahnstrecken hinaus nicht leisten konnte.

Kurz nach Inkrafttreten des Gesetzes startete der kostengünstige Bau von Schienenbahnen zur Erschließung des platten Landes. Geheimrat Friedrich Lenz und einige Bankhäuser gründeten in Stettin die Eisenbahnbau- und Betriebsgesellschaft Lenz & Co., an der sich auch das Kruppsche Stahlgussunternehmen in Essen beteiligte. Weil die Projekte kostengünstig realisiert werden sollten, wurden Fahrzeuge und Bauten nach möglichst einheitlichen Plänen erstellt. Diese wurden später als Lenzsche Normalien bezeichnet.

Die auf private oder kommunale Initiative entstehenden Kleinbahnen hatten einen großen Anteil an der wirtschaftlichen Entfaltung ganzer Landstriche, der Industrie und des Fremdenverkehrs. Lenz & Co. baute und betrieb u. a. in den preußischen Provinzen zwischen Geilenkirchen und Lyck sowie zwischen Sonderburg und Sigmaringen rund 100 Kleinbahnen.

Der deutsche Unternehmer Theodor Friedrich Carl Lenz wurde 1846 in Pflug-
rade in Westpommern (heute Redlo), Kreis Naugard, geboren. Er machte sich einen Namen mit dem Bau und Betrieb von Eisenbahnen. Mit 20 Jahren trat Lenz in das Büro der Berlin-Stettiner Eisenbahn ein. Über das Tochterunternehmen Ostdeutsche Eisenbahngesellschaft AG mit Sitz in Königsberg betreute, betrieb und verwaltete die Firma Lenz & Co. bis 1945 alle Kleinbahnen Ostpreußens. Ab 1903 engagierte sich Lenz auch beim Bau von Bahnen in den deutschen Kolonien in Afrika. Der Eisenbahn-Pionier starb 1930 im Gutshaus Berkenow der Meseritzer Mühle bei Semerov, Kreis Schivelbein, heute in der polnischen Woiwodschaft Westpommern.

Ein fünfeinhalb Kilometer langes Teilstück der westlichsten Lenz-Kleinbahn auf dem europäischen Kontinent, der Geilenkirchener Kreisbahn, besteht seit Anfang der siebziger Jahre in der Trägerschaft der Interessengemeinschaft Historischer Schienenverkehr (IHS) als Rheinisches Kleinbahnmuseum Selfkantbahn fort.

Am Themenwochenende unter dem Motto „Bahnen für das platte Land“ am Bahnhof der Selfkantbahn in Gangelt-Schierwaldenrath gab es Vorträge zur Geschichte von Lenz & Co. und ausgewählten Bahnen, Dokumentarfilm-Vorführungen sowie die Möglichkeit, restaurierte Lenz-Fahrzeuge zu bewundern und auch eine Fahrt mit der Dampfbahn zu erleben. Eine ergänzende Ausstellung mit Kleinexponaten, Schriftstücken und Bildern dokumentierte die Geschichte der Eisenbahnbau- und Betriebsgesellschaft Lenz & Co. GmbH und der verbundenen Unternehmen. Zu den Ehrengästen der Veranstaltung zählten Angehörige der Familie Lenz, Mitglieder der Landsmannschaft Ostpreußen und der Kreisgemeinschaft Lyck e. V. Auch Wilhelm Kreuer, Vorsitzender der Landsmannschaft Ostpreußen, Landesgruppe NRW, und Bärbel Wiesensee als Vertreterin der Kreisgemeinschaft Lyck waren mit von der Partie.

Dr.-Ing. Bernd Fasel, der Vorsitzende der IHS, und Wolfgang Nass vom Kleinbahnmuseum präsentierten in ihren Vorträgen wichtiges Daten- und Faktenmaterial rund um die Entstehung und Verabschiedung des „Preußischen Kleinbahngesetzes“, Wissenswertes zur Entwicklung der Selfkantbahn und Details zu den restaurierten Lenz-Bahnen. Sie brachten den Besuchern auch die Person des Geheimrates Lenz sowie einige seiner Pionierleistungen im Bereich der deutschen Eisenbahngeschichte näher.

Hedda Lenz, die Schirmherrin der Veranstaltung, wiederum sprach über den Familienmenschen und Arbeitgeber Theodor Friedrich Carl Lenz. Die Ur-Urenkelin des Geheimrates hat – als Chronistin der Familie – nach einer Reise durch Pommern ein Buch über die Vergangenheit des Unternehmens Lenz & Co. geschrieben.

Nicht nur für Eisenbahnnostalgiker waren die funktionstüchtigen Dampflokomotiven, Reisezugwagen und Güterwagen aus der Sammlung des Museums ein Anziehungspunkt. Besonderer Aufmerksamkeit erfreuten sich auch die Lok 4i „Franzburg“ vom Deutschen Eisenbahn Verein e. V. und ein halbes Dutzend betriebsfähig restaurierter Wagen aus der Sammlung von Wim Pater. Die Fahrt mit der meterspurigen Museumseisenbahn nach Geilenkirchen-Gillrath und zurück war für viele Beteiligte der Jubiläumsveranstaltung sicherlich ein Höhepunkt. Als besonderes Erlebnis kreuzte ein weiterer historischer Dampfzug mit Originalfahrzeugen ehemaliger Lenz-Kleinbahnen den Fahrweg.

Dieter Göllner (KK)

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