Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1258.

Den Vereinnahmungen folgt das Einvernehmen

Heinrich II., dem „Verteidiger Europas“ in Wahlstatt, soll in Liegnitz wieder ein Denkmal gesetzt werden – mit deutscher Beteiligung

Gegen Mitte des 13. Jahrhunderts bedrohte wieder einmal ein gewaltiges asiatisches Erobererheer Europa, dessen Herrscher die Gefahr weit unterschätzten. Auf der „Hohen Straße“, der uralten europäischen Ost-West-Achse, stürmte es über Krakau heran; an dieser Straße, eine Meile östlich von Liegnitz, der alten Piastenresidenz an der Katzbach, stellte sich ihnen ein zahlenmäßig hoffnungslos unterlegenes deutsch-polnisches Ritterheer entgegen, dazu Kontingente der Johanniter und des Deutschen Ordens sowie eilig zusammengestellte Hilfstruppen. Es war fast wie eine Miniatur-NATO, die sich damals, weit jenseits der damaligen Ostgrenzen des Reiches, den Mongolen unter ihren Heerführern Baidar und Ordu entgegenwarf. Den Oberbefehl hatte Herzog Heinrich II. von Schlesien, Sohn Heinrichs des Bärtigen von Schlesien und Polen und der Herzogin Hedwig aus dem Hause Andechs-Meranien. Erst vier Jahre zuvor war er seinem Vater auf den Thron gefolgt.

Am Morgen des 9. April 1241 stießen die beiden so ungleichen Heere aufeinander. Die Chroniken berichten von anfänglichen Erfolgen der Schlesier, von einer Scheinflucht der leicht bewaffneten Mongolen auf ihren kleinen, flinken Steppenpferden, von einer plötzlichen Umzingelung und von einem feuerspeienden Drachen, der, wohl erstmalig in der Kriegsgeschichte, mittels Nervengasen die Ritter kampfunfähig machte und damit ihre Niederlage einleitete. Keiner der christlichen Kämpfer überlebte, auch der Herzog fiel im Kampf. Sein Leichnam wurde, so die Überlieferung, seiner Rüstung beraubt und enthauptet.

Die Mongolen stießen, nach vergeblichem Versuch, die Liegnitzer Burg zu stürmen, nicht mehr weiter nach Westen vor, sondern zogen nach Süden ab, um sich in Ungarn mit dem Hauptheer zu vereinigen. Nicht aber ohne vorher das Herzogshaupt im Koischwitzer See bei Liegnitz versenkt zu haben. Wenige Tage danach sei, so heißt es, die Herzogin-Mutter Hedwig, zusammen mit Heinrichs Witwe Anna von Böhmen, auf dem Schlachtfeld erschienen und habe unter Tausenden von Leichen den Leib ihres Sohnes an den sechs Zehen seines rechten Fußes erkannt. In Breslau, in der späteren Vinzenzkirche, ließ sie ihn beisetzen. An der Stelle aber, an der Heinrich gefallen war, stiftete Hedwig ein Kloster, ließ es durch Benediktiner aus dem böhmischen Opatowitz besetzen und nannte es Wahlstatt. So die ehrwürdige Überlieferung.

Bald schon bemächtigte sich die Legende all dieser Ereignisse. Man verglich Heinrich mit Leonidas, er wurde zum Helden, zum Märtyrer, der sich opferte, um Europa zu retten. Wahlstatt wurde zum Thermopylenpaß, an dem der Ansturm Asiens zerschellte. In Epen, Hymnen, Dramen und Romanen wurde die Schlacht ebenso dargestellt wie in der bildenden Kunst. Sechs Familien des schlesischen Adels, die Rothkirch, Seydlitz, Prittwitz, Strachwitz, Nostitz und Zedlitz, führen ihre Waffenbrüderschaft auf diesen Tag zurück und betrachten sich bis heute als „Vettern von Wahlstatt“. Im Gedächtnis des schlesischen Volkes blieb die Erinnerung an den blutigen 9. April über die Jahrhunderte lebendig, auch wenn sie bald zum Volksfest mutierte. Der „Ohrensonntag“, auch „Kriegssonntag“ genannt, führte Jahr für Jahr eine Woche nach Ostern Tausende von Menschen aus ganz Schlesien im Dorfe Wahlstatt zusammen. Sicher war dabei vielen gar nicht mehr bewußt, welcher historische Anlaß den ganzen Rummel begründete, nur der seltsame Name „Ohrenfest“ mochte manchen nachdenklich machen.

Angeblich, so die Legende, hatten damals die Sieger allen gefallenen Christen die Ohren abgeschnitten und damit neun Säcke gefüllt, als Siegeszeichen für den Großkhan im fernen Qara Qorum. Doch auch solch gruselige Mär konnte keinem die Festesfreude vergällen. Hoch über den Buden und Karussells aber segnete die heilige Hedwig ihr Land. Die überlebensgroße Statue der schon 1263 heiliggesprochenen Herzogin hatte Abt Othmar Zinke 1730 in eine Nische zwischen den beiden Türmen der herrlichen Kirche setzen lassen, die der baufreudige Benediktiner aus dem böhmischen Braunau auf dem Gelände des alten Priorates mitsamt einem Kloster errichten ließ und deren gelbe Fassade von der Höhe weit hinaus ins schlesische Land leuchtete.

Im Schatten seiner Mutter, die schon bald als Landespatronin hoch verehrt und geliebt wurde, fristete Heinrich, dem man den Beinamen „der Fromme“ gegeben hatte, ein Schattendasein in der Erinnerung.

Erst 1941, als die 700-Jahr-Feier der Schlacht mit kriegsbedingt gedämpftem Trommelschlag begangen wurde, war er wieder in aller Munde. Im Sinne der damals herrschenden Ideologie wurde er zur nordischen Lichtgestalt, zum Kämpfer gegen die bösen, dunklen Mächte des Ostens, zum Wahrer und Zeugen des Deutschtums Schlesiens. Ein „deutsches“ Ritterheer hatte sich Asien entgegengeworfen, so hieß es, angeführt von einem germanischen Helden. Von polnischen Rittern war nicht die Rede. In Breslau öffnete man Heinrichs Sarkophag. Da lag der enthauptete, mumifizierte Körper, und der rechte Fuß zeigte tatsächlich sechs Zehen. Dr. Jänicke, nach dem Kriege deutscher Vatikanbotschafter, hat es mir als Augenzeuge bestätigt. Gar so selten ist diese anatomische Sonderform nicht.

Vier Jahre später sah alles ganz anders aus. Nun mußte Heinrich als Zeuge „urslawischer wiedergewonnener Westgebiete“ herhalten. Nun war er der Sproß des stolzen polnischen Fürstengeschlechtes der Piasten und hatte, an der Spitze eines tapferen polnischen Ritterheeres, das Abendland gerettet. Ein Mythos, der sich 1683 mit König Jan Sobieskis Rettung des Abendlandes bei Wien wiederholen sollte. Polen als Schutzmauer Europas, Heinrich als der polnische Leonidas. Von deutschen Rittern war nicht mehr die Rede. Die einstigen deutschen Besucher des Ohrensonntags wurden vertrieben, und vertriebene Polen aus dem nun sowjetisch gewordenen Osten Polens ließen sich in Wahlstatt, Liegnitz und anderswo nieder. Sie nannten Liegnitz „Legnica“ und Wahlstatt „Legnickie Pole“ und begannen neue Traditionen. In der kleinen, ehemals evangelischen Dorfkirche richteten sie 1961 ein „Museum der Mongolenschlacht“ ein und stellten dort alles im Sinne der von Warschau verordneten Geschichtsschau dar. Von Herzog Heinrichs Grabtumba, bei Breslaus Untergang im Frühjahr 1945 unversehrt geblieben, stellten sie einen Abguß an die Stelle des bisherigen Altars. Aber über allem segnete die heilige Herzogin von ihrer Nische aus, wenn auch nunmehr als „Swieta Jadwiga“, noch immer unbeeindruckt von allen Veränderungen ihr Land. Kaum einer der neuen Bewohner Schlesiens wußte noch, daß sie eine Deutsche gewesen war.

Doch das Frühjahr 1991 mit der 750-Jahr-Feier brachte die Wende. Eine Woche feierten in Liegnitz Polen, Deutsche, Mongolen und Japaner und diskutierten über die verschiedensten Aspekte der Schlacht. Die altehrwürdige Peter-Paul-Kirche diente in diesen Tagen als Bühne für ein Mysterienspiel, und in der herrlichen Dientzenhoferkirche in Wahlstatt, unter den leuchtenden Deckenfresken Cosmas Damian Asams, feierte der Abt von Andechs am Ammersee zum erstenmal seit 1945 wieder ein Hochamt in deutscher Sprache. Nicht nur die „Vettern von Wahlstatt“, sozusagen als lebende Fossilien offiziell eingeladen, symbolisierten mit ihrer zahlreichen Anwesenheit unübersehbar den deutschen Anteil an der Schlacht. Für viele gemeinsame deutsch-polnische Aktivitäten in den Jahren danach, bis hin zur Städtepartnerschaft Wuppertal–Liegnitz 1993, wurde damals der Grund gelegt.

Jahre sind seitdem ins Land gegangen, und Jahr für Jahr feiert eine Abordnung der „Vettern“ das vom Liegnitzer Bischof am Weißen Sonntag zelebrierte Wahlstätter Pontifikalamt mit. Der Blick auf die Geschichte ist längst entideologisiert. Objektiv, unvoreingenommen und ohne nationalistische Verdrehungen werden die Schlacht selbst und ihr historisches Umfeld angegangen, erforscht, dokumentiert und dargestellt. Zu betonen ist, daß das auch für die deutsche Seite gilt.

Der Beitritt Polens zur EU weckte dort neue Ideen und Initiativen. Da unseren östlichen Nachbarn seit jeher ein besonders ausgeprägter Sinn fürs Symbolische zumal im geschichtlichen Bereich eigen ist, konnte es nicht ausbleiben, daß man sich an der Katzbach wieder einmal Heinrichs des Frommen entsann, des „Verteidigers Europas“. Ein Komitee wurde gebildet, das sich zur Aufgabe machte, dem Helden von Wahlstatt in Liegnitz ein Denkmal zu setzen. Man kann es ruhig als ein Zeichen für das zur historischen Wahrheit gewandelte Geschichtsbild ansehen, daß man wie selbstverständlich auch einen Deutschen in dieses Komitee berief. Man wählte den Vorsitzenden der in der Liegnitzer Paten- und Partnerstadt Wuppertal ansässigen „Historischen Gesellschaft Liegnitz, der gleichzeitig ein Vetter von Wahlstatt ist. Das hochkarätig besetzte Komitee, in dem neben dem Stadtpräsidenten selbstverständlich auch der Bischof Sitz und Stimme hat, steckt voller Elan und Optimismus. Auch die wichtigste Frage, die Finanzierung, da ist man sich ganz sicher, wird zu lösen sein.

Da der Mensch nun einmal nicht nur aus Körper und Geist besteht, sondern auch eine Seele besitzt, braucht er zu seiner Identität auch ein paar emotionale Haltegriffe. Polen, Schlesien, Liegnitz, vom kommunistischen Würgegriff befreit, sind zum freien Europa zurückgekehrt. Kann man sich einen besseren, einen schöneren emotionalen Haltegriff vorstellen als Heinrich den Frommen? Er, der Deutsche und Polen einst zu einer gemeinsamen Streitmacht zusammenführte und sich mit ihnen, mit Streitern beider Völker, vor den Toren von Liegnitz opferte, er wird als eindrucksvolles Denkmal in seiner Residenzstadt auf Europa weisen. Ein Sinnbild für Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Sigismund Freiherr von Zedlitz (KK)

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