Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1325.

Der Begeisterte

Der nur bedingt begeistert: Prag-Monograph Oskar Schürer

Eva Kröschlová zugeeignet

Am 22. Oktober 1892 wird Oskar Schürer als Sohn einer wohlhabenden protestantischen Fabrikantenfamilie in Augsburg geboren.

Nach dem Abitur 1911 studiert der musisch Hochbegabte von 1912 bis 1914 Kunstgeschichte, Philosophie und Architektur in München, Berlin und Freiburg. Nach dem Krieg setzt Schürer seine Studien in Freiburg, München und Dresden fort und promoviert 1920 bei dem Kunsthistoriker Richard Hamann in Marburg. Es folgen Besuche in Prag, die Stadt begeistert ihn mit ihren historischen Bauwerken aus verschiedenen Epochen ebenso wie durch ihre Topographie.

In der wissenschaftlichen Beschäftigung mit ihrer kunsthistorischen Vergangenheit findet Schürer hier wie in Eger, Metz oder in der slowakischen Zips die ihm wesentlichen Arbeitsthemen, wobei das deutsche Element an solchen hybriden Orten gemischter Kulturen, Sprachen und Sozialisationen auf ihn eine besondere Faszination ausübten.

1924 heiratet Schürer in Prag die tschechische Tänzerin Jarmila Kröschlová (1893–1983), bekannte Pionierin des durch Isadora Duncan bekannt gewordenen choreographischen Ausdruckstanzes. Dieser Ehe entstammt Eva Kröschlová (geb. 1926), die sich wiederum dem Ausdruckstanz widmet und bis ins hohe Alter als Choreographin im Ballett, Theater und an verschiedenen Akademien im Bereich der musischen Ausbildung arbeitet. Sie veröffentlichte in tschechischer Sprache einen kurzen Abriß ihres schwierigen Lebens als Tochter eines Deutschen im tschechischen Umfeld.

Schürer selbst hat durch seine Frau in Prag enge Verbindungen zu Künstlerkreisen, Malern, Architekten und Sammlern gefunden, ebenso durch seine Freundschaft mit dem Schriftsteller Johannes Urzidil (1896–1970), der in jenen Jahren als Pressebeirat an der Gesandtschaft des Deutschen Reichs tätig ist. Diese tiefgehende, wenngleich durch die politische Entwicklung nach 1933 bzw. 1939 schweren Belastungen ausgesetzte Beziehung zu Urzidil reichte bis zum Tod Schürers 1949 in Heidelberg. (Vergleiche Gerhard Trapp: „Concordia discors. Oskar Schürer und Johannes Urzidil 1924–1949“. In: brücken. Germanistisches Jahrbuch Tschechien/Slowakei 2001/2002, Neue Folge 9–10, DAAD.)

In Prag fand Schürer keine feste Anstellung und konnte sich weder an der deutschen noch an der tschechischen Universität habilitieren, was ihm allerdings 1932 an der Universität Halle-Wittenberg im Fach Kunstgeschichte bei Paul Frankl gelang. Bis zu seiner Berufung 1937 auf eine Dozentur der Universität München lebte Schürer häufig wechselnd in Prag oder verschiedenen Orten in Deutschland, stets darauf bedacht, seine Familie zusammenzuhalten.

Die Erstausgabe des umfangreichen Werks „Prag. Kultur/Kunst/Geschichte“ war 1930 im Verlag Epstein (Berlin/Leipzig) und bereits 1935 in erweiterter Neufassung im Verlag Dr. Rolf Passer (Wien, Leipzig, Prag) erschienen und auf begeisterte Kritik gestoßen. Die Darstellung Prags im Stil des hermeneutischen Enthusiasmus der Dilthey-Schule, vermittelt durch den Philosophen Hans-Georg Gadamer, den Freund Schürers, und in einer im lyrischen Expressionismus wurzelnden Sprache, förderte das Verständnis geistesgeschichtlicher Zusammenhänge und ließ die Stadt Prag zur einmaligen Bühne von Kunst und Architektur werden, Ereignisraum für historische Dramen und kulturgeschichtliche Entwicklungen.

Die Struktur des Buchs bleibt fünf Auflagen unverändert. Durchgängige Zielvorstellungen liegen in der Herausarbeitung eines „Stadtcharakters“, der Ausprägung ihrer „Gestalt“ im historischen Ablauf ihres „Schicksals“. „Und dazu“, schrieb Schürer in seinem Vorwort, „trieb mich nicht nur der blutleere Begriff einer ‚Objektivität‘, sondern persönliches Erleben, zu dessen Fertigung dies Buch geschrieben wurde.“

Trotz solcher nach heutigem Methodenbewußtsein problematischen Prinzipien und Verfahren bewahrt Schürers Werk seine historische Bedeutung, was z. B. darin zum Ausdruck kommt, daß Peter Demetz in seinem monumentalen und international hoch gepriesenen Werk „Prag in Schwarz und Gold – Sieben Momente im Leben einer europäischen Stadt“ (dt. Ausgabe 1998) in seiner Bibliographie nachdrücklich auf Oskar Schürer hinweist.

Als Schürer 1937 seine Dozentenstelle an der Universität München antritt, folgen ihm seine Frau und seine Tochter, kehren aber schon zehn Monate später zurück nach Prag, weil ihnen die Lebensverhältnisse unter dem Nationalsozialismus unerträglich sind und Jarmila ihre tanzpädagogische Arbeit fortsetzen will. Die Ehe wird 1939 geschieden, Schürer bleibt aber mit seiner Familie bei gemeinsamen Reisen oder seinen Besuchen in Prag in freundschaftlichem Kontakt. Die Münchner Studentin und spätere Kunstwissenschaftlerin Elisabeth von Witzleben wird 1945 seine zweite Frau.

Schürer wird mehrfach Überprüfungen durch die NS-Administration unterzogen. Zusammenfassend läßt sich konstatieren, daß seine Haltung stets als konform mit den Intentionen des NS-Regimes gesehen wurden, wenngleich er nicht einmal Mitglied der NSDAP gewesen ist. Dies findet seine Begründung stets in dem ideologischen Hinweis auf Schürers Eintreten für die Belange und Prärogativen des „deutschen Volkstums“ gegenüber der „slawischen Rasse“. In einem  Spruchkammerverfahren im November 1946 wird Schürer als unbelastet eingestuft, so daß er seine Tätigkeit in Darmstadt fortsetzen kann. In mehreren pädagogisch befrachteten Reden an seine Studenten, die den Krieg überlebt hatten, versucht er,  Hoffnung und Zuversicht für Neugestaltung und Wiederaufbau zu wecken.

Über die Gesinnung, die Schürer in diesen Reden an den Tag legt, kommt es mit seinem alten, im New Yorker Exil lebenden Freund Johannes Urzidil zu einem bitteren Briefwechsel, weil Schürers metaphorisches Denken mit obsolet gewordenen Begriffsfeldern wie Volk, Schicksal, inneres Reich, deutsches Wesen etc. nichts zu einer rationalen Aufklärung der NS-Zeit leistet und statt dessen die alten Mythologeme (Opfer, das Böse, innere Sühne, das Satanische der Bewegung etc.) unkritisch fortführt. Historische Schuld wird ins Metaphysische verschoben, schließlich ist die „ganze gesittete Menschheit“ schuldig, „weil sie abfiel vom Eigentlichen, weil sie den Sinn des Daseins verriet“. Es gibt nur Opfer – Täter  werden nicht benannt.

Oskar Schürer stirbt nach qualvollem Leiden am 29. April 1949. Bei der akademischen Trauerfeier in Darmstadt hält der Philosoph Hans Georg Gadamer die Trauerrede. Sein Werk wird seit einigen Jahren im Rahmen eines Projekts „Münchner Universität im NS“ unter der Federführung des Kunsthistorikers Dr. Christian Fuhrmeister neu gesichtet und gewürdigt, ist auch Objekt jüngerer slowakischer Untersuchungen. Am 120. Geburtstag Oskar Schürers bestätigt sich somit seine fortwirkende Bedeutung für unsere Zeit.

Gerhard Trapp (KK)

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