Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1382.

Deutsch-polnisches Event avant la lettre

Was mit der Landshuter Fürstenhochzeit heute noch alles gefeiert wird

Nicht reizlos ist die Frage, wie viel ein Betrachter aus dem Jahre 1475 auf diesen Bildern des Landshuter Fremdenverkehrsamtes wiedererkennen könnte
Bilder: Stadt Landshut

Ottheinrich, Pfalzgraf von Neuburg und dann bei Rheine in Heidelberg, befand sich 1536 dort, wo er sich fast immer befand, nämlich in schlimmen Geldverlegenheiten. Sofern überhaupt möglich, war die finanzielle Lage seines jüngeren Bruders Phillip noch bedrängter. Er hatte seine Hofhaltung nicht in Neuburg, sondern in Burglengenfeld in der „obern Pfalz“, damals mit dem benachbarten Westböhmen das Eisenhüttengebiet des Mittelalters. Ihn plagte allerdings fast noch mehr als die Geldsorgen die Sorge, ob, wo und wann er eine europäische Fürstentochter finden würde, die bereit wäre, sich mit ihm zu vermählen. Bei allen Sorgen erschien immer wieder als große Hoffnung die Aussicht, vielleicht jetzt die Forderungen an den polnischen Königshof nach Auszahlung des Heiratsgutes ihrer Großmutter Hedwig von 1475 durchsetzen zu können. Außerdem schlug (vielleicht) das Herz des Pfalzgrafen Phillip schneller bei dem Gedanken, am Ende auch das Herz einer polnischen Prinzessin für sich zu gewinnen, wie einst sein Großvater Georg von Landshut. Diesmal richteten sich alle Hoffnungen auf die polnische Prinzessin Isabella-Elisabeth, aber aus der Sache wurde dann doch nichts. Die jungen Jagielloninnen, nach denen sich viele mannhafte (und andere) Fürstensöhne Europas verzehrten, wussten sich rar zu machen.

Gut dagegen ging die Finanzangelegenheit für Pfalzgraf Ottheinrich aus. In sieben Jahren bekam er vom polnisch-litauischen König 18 000 Dukaten ausbezahlt. (Seine notorischen Geldverlegenheiten hatten damit allerdings keineswegs ein Ende, dafür haben wir heute Ottheinrichs Baudenkmäler in Neuburg und Heidelberg.)

Selbst die Worte für all das, was hier evoziert wird, sind so gut wie ausgestorben: Prasserei, Völlerei, Prunk, Hoffahrt – von Keuschheit gar nicht erst zu reden

Das alles und noch viel mehr wurzelt also in der „Landshuter Fürstenhochzeit”, die auch 2017 gefeiert wird. Das Fest erinnert an die deutsch-polnische Heirat des bayerischen Herzogs Georg des Reichen mit Hedwig Jagiellonica, der Tochter des polnischen Königs Kasimir IV. Jagiello im Jahre 1475. Die Feier zu dieser Eheschließung in Landshut gilt bis heute als das aufwendigste Hochzeitsfest des Spätmittelalters. Die Zeremonie leitete kein Geringerer als Kaiser Friedrich III. selbst. Unter den geladenen Gästen waren viele hundert Adelige aus ganz Europa. Besonders der polnische Adel war stark vertreten, mit einem Gefolge von etwa 10 000 Personen. Doch nicht nur das Fest war beeindruckend, sondern auch seine politischen Hintergründe und die Bemühungen um die neuen königlich-fürstlichen Bündnisse im damaligen Europa.

Die Jagiellonen waren erst seit 1386 auf dem polnischen Königsthron. Seit 1447 hieß der König von Polen Kasimir IV. Er war einer der aktivsten polnischen Herrscher. Seine Frau war Elisabeth von Habsburg. Sie hatten insgesamt dreizehn Kinder, von denen die meisten geschickt in der dynastischen Politik eingesetzt wurden. Während drei der männlichen Nachkommen nacheinander den Thron von Polen übernahmen und damit das Land innenpolitisch absicherten, sorgten die Töchter durch gezielte Eheschließungen mit anderen Fürsten- und Königshäusern für außenpolitische Stabilisierung und Machtausbau. Das reichte bis an den britischen und portugiesischen Hof und eben auch an einen der bayerischen Herzogshöfe, den in Landshut.

Die weibliche Hauptdarstellerin Hedwig, am 21. September 1457 in Krakau geboren, wirkte für die Festigung der politischen Beziehungen zwischen dem polnischen Königreich und den bayrischen Herzogtümern. Georg der Reiche, Herzog von Bayern-Landshut, war für Hedwigs königliche Eltern eine gute Partie. Doch die Heirat zahlte sich nicht nur für das polnische Königreich aus. Herzogin Hedwig erwies sich als aktive Stifterin. Ihre Spuren findet man noch heute in Niederbayern, so in den Landshuter Kirchen St. Jodok und St. Martin, in der Stadtpfarrkirche St. Johannes in Dingolfing, in der Pfarrkirche von Gollenhausen und im Wallfahrtsort Altötting.

Hedwig Jagiellonica starb am 18. Februar 1502 in Burghausen. Sie wurde in der Kirche des Zisterzienserklosters Raitenhaslach beigesetzt. Es ist jene Zisterze, die im Säkularisationsjahr 1803 auch Anton Diabelli verlassen musste, dem später Beethoven seine Diabelli-Variationen gewidmet hat. Heute erinnert dort eine Tafel an die letzte Ruhestätte der Herzogin Hedwig, die stets mit „geborene Königin von Polen“ unterschrieb. Ihr Ehemann Herzog Georg der Reiche starb ein Jahr nach ihr. Da ein männlicher Nachkomme fehlte, kam es 1504 zum Landshuter Erbfolgekrieg.

In der Bayerischen Staatsbibliothek in München liegt noch heute ein Pergamentenband mit dem Titel „Was Kostung über Herzog Georgs des Reichen von Landshut Hochzeit erlaufen“ (sprich: Welche Kosten für die Hochzeit aufliefen). Er enthält die genaue Auflistung der Ausgaben, der Speisenfolge und der Gäste.

Bei der Hochzeit feierten über 9000 Menschen sechs Tage lang und verspeisten 323 Ochsen, 490 Kälber, 969 Schweine, 3295 Schafe und Lämmer, 51 500 Hühner und Gänse. Das erscheint viel, aber die Lebendgewichte der damaligen Speisetiere waren mit Ausnahme der Schweine nur etwa ein Drittel der heutigen, die Schlachtgewichte noch geringer. Die Landshuter Herzogsfamilie hat etwa 60 000 Gulden für die Hochzeit ausgegeben – uns das bei einem Staatsschatz des kleinen Herzogtums von etwa 1 Million Gulden. Das ist zumindest unverhältnismäßig und für das 15. Jahrhundert eine ungeheure Summe.

1475 war tiefer (Spät-)Herbst des Mittelalters (Johan Huizinga), aber noch war das Denken und vor allem das Fühlen der Lebenden von der „zügellosen Entflammbarkeit des mittelalterlichen Gemütes“ (Huizinga) beherrscht. So haben die Landshuter von 1475 sechs Tage lang ihre Fürstenhochzeit und zugleich den Abschied des Mittelalters gefeiert,

Dietmar Stutzer (KK)

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