Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1380.

Die Bodenkultur liegt am Boden

Ausverkauf tschechischer Agrarflächen an österreichische Investoren

Die Durchlässigkeit von Zäunen und Grenzen ist nicht für alle ein Glück wie für den Fotokünstler Christian Fritz: Goldener Käfig
Bild: aus dem Katalog „Kulturlandschaft Egerland“ der KünstlerGilde

„Wie Böhmen noch bei Öst’reich war“, da gab’s nur Spaß miteinander. So schwelgten 1954 Josef Fiedler und Josef Petrak in einer fröhlichen Polka. Dabei hatte diese gesungene Nostalgie bereits einen bitteren Beigeschmack, denn die österreichisch-tschechoslowakische Grenze war zur mörderischsten Demarkation des Kalten Kriegs geworden.

Ende 2013 hat der Grazer Wirtschaftshistoriker Stefan Karner nachgewiesen, dass an diesen 453 Grenzkilometern erheblich mehr Menschen ums Leben kamen als an den 1393 Kilometern innerdeutscher Grenze. Man nimmt an, dass an der Westgrenze der Tschechoslowakei ebenso viele Menschen starben wie an der Berliner Mauer, also wenigstens 139, wobei die Dunkelziffer gegen 222 geht.

Damals kamen Menschen vom Osten und versuchten unter Lebensgefahr, in den Westen zu gelangen. Seit neustem hat sich die Situation nicht nur richtungshalber, sondern in vielerlei Beziehungen ins Gegenteil verkehrt, da aus Österreich Großagrarier einfallen, um Tschechen grenznahe Grundstücke abzukaufen. Details vermeldeten zur Jahreswende die akribischen Bodenwächter des tschechischen LPIS (Land Parcel Identification System): Allein in dem Streifen vom südböhmischen Pisek bis zum südmährischen Uhercice (Ungarschitz) haben vier österreichische Konzerne 400 Hektar Ackerland erworben, fast die Hälfte des gesamten Bodenfonds. Neben ihnen sind andere Landsleute in gleicher Weise aktiv, denn in Österreich gibt es so gut wie keine Grundstücke mehr zu kaufen, anders in Böhmen, zudem mit Vorteilen, die der regionale Landexperte Josef Kolár bestens kennt: „Natürlich wollen österreichische Landwirte keine überlangen Wege zu ihren Feldern zurücklegen, sie haben sie gern vor der Haustür, und darum sind die grenznahen Streifen für sie die interessantesten.“

Was an pekuniären Aspekten ablesbar ist, die sich im südlichen Kraj Vysocina (Hochland) in aller Deutlichkeit offenbaren, wie die regionale Landwirtschaftskammer ausweist. Ursprünglich kostete hier der Quadratmeter Boden 50 Kronen (2 Euro), inzwischen ist der Preis auf 150 Kronen gestiegen, etwa in Orten wie Trebic (Trebitsch), die 30 Kilometer hinter der Grenze liegen, während er in Jemnice (Jamnitz), nur 10 Kilometer landeinwärts, bei 300 Kronen liegt.

Wer soll das bezahlen? Tschechische Landwirte können sich Grunderwerb schon lange nicht mehr leisten, österreichische fragen sich immer drängender, ob sich Boden-Deals mit den Nachbarn noch lohnen. Und zunehmend ratlos sind tschechische „Vermittler“, die mit mehr oder minder sanftem Druck ihre Landsleute zu Verkäufen gedrängt haben, wobei sie sich jeden Kilometer näher zur Grenze „versilbern“ ließen. Das wird immer schwerer, weswegen das Treiben der Vermittler als doppelt unethisch gilt: Judaslohn für unpatriotische Geschäfte.

Seit geraumer Zeit schlagen Landwirtschaftskammern dem Landwirtschaftsministerium Verfahren vor, wie man die Bodenverkäufe begrenzen könnte, aber alle Vorschläge kollidieren mit Brüsseler Richtlinien. Das weckt den Zorn etwa bei Josef Blazek, Chef der Landwirtschaftskammer Trebic. Der wünscht sich in aller Offenheit sozialistische Genossenschaften zurück, denn „leider haben wir Marktwirtschaft und sind in der Europäischen Union, da sind solche Probleme nur schwer zu lösen“.

Was natürlich Unsinn ist, erläutert Jozef Krsek, 1991/92 slowakischer Agrarminister: In der einstigen Tschechoslowakei leiden Landwirte noch immer daran, dass kommunistische Agrarpolitik das freie Bauerntum liquidierte und die Landwirte zu neuen Feldsklaven machte. Nach fast 50 Jahren „sozialistischer“ Landwirtschaft ist ihren Beschäftigten jedes Gefühl für Bodenkultur abhanden gekommen. Für niemanden mehr ist Boden ein nationaler Reichtum, für zu viele ein Gut, das Geld verspricht, ob man es ererbt, zugeteilt bekommt oder per Wiedergutmachung einheimst. Und wenn man Boden nicht mehr an österreichische Interessenten verhökern kann? Dann wollen die tschechischen Bodenbesitzer vom Staat für frühere Enteignungen entschädigt werden, oder sie forcieren weitere Bodenverkäufe, und sei es zu sinkenden Schleuderpreisen.

Wolf Oschlies (KK)

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