Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1382.

Die Seele Polens und die seiner Regierung

Eine Ausstellung in Krakau gibt Einblicke in erstere und lässt tief blicken in letztere

Damals wurde nicht eisern, sondern silbern gespart: Denar von Boleslaw I. dem Tapferen, dem ersten König von Polen
Bild: aus dem Ausstellungskatalog „Tür an Tür. Polen – Deutschland. 1000 Jahre Kunst und Geschichte“

Am Vorabend des 100. Jahrestages der Wiedererlangung der Unabhängigkeit durch die Republik Polen 1918 eröffnete das Nationalmuseum Krakau eine der größten Kunstausstellungen in Polens Geschichte. Die Großschau heißt „#dziedzictwo“ („#Erbe“) und wirft Fragen zum polnischen nationalen Gedächtnis auf.

In seinem 1994 veröffentlichten Lied sang der Barde Marek Grechute, der polnische Bob Dylan: „Wenn du mich fragst, was dein Vaterland ist, werde ich antworten: / Bist du einmal schon auf dem Markt in Krakau spazieren gegangen? / Hast du das Schloss Wawel gesehen, seine Gemächer und Kreuzgänge – / all die Orte, wo die Vergangenheit dir Kraft gibt?“ Diesen Fragen geht das älteste und größte Nationalmuseum Polens in Krakau nach. Über 650 Exponate schaffen einen perfekten Rahmen für Grechutes Fragen – und beantworten die des Kurators Andrzej Szczerski: Was haben die Polen von ihren Vorfahren geerbt, die einst das polnische Territorium bewohnt haben? Was gehörte damals dazu? Welche Bilder, Bücher und Geschehnisse prägen das polnische nationale Gedächtnis? Um welche Sitten ist das Leben der Polen organisiert? Und in welcher Sprache wird über all das erzählt?

Dem als Titel der Ausstellung gewählten Wort „dziedzictwo“, also „Erbe“, wird ein Hashtag vorgesetzt. Es solle die Tradition und die Gegenwart verbinden und in die Zukunft blicken, unterstrich bei der Eröffnung Staatspräsident Andrzej Duda, Schirmherr der Ausstellung: „Das Hashtag symbolisiert hier eine Einladung zur Diskussion über die Vergangenheit und die Zukunft. Wir diskutieren das Erbe im Kontext der polnischen Republik, ihres Volkes, ihres Territoriums und ihrer Sprache, verbunden durch das gleiche Erbe eben.“

Der polnische Kunst- und Kulturkanon sei eine herausragende Wissensquelle, die verstehen hilft, wie die polnische Seele tickt. Um die Polen zu verstehen, um zu wissen, was es für sie bedeutet, ein Pole zu sein, müsse man nicht nur die politische und soziale Geschichte der Republik, sondern auch das kulturelle Erbe der polnischen Nation kennen, unterstrich Duda: „Diese Ausstellung macht uns allen dieses Erbe bewusst, das Erbe einer großen und mächtigen Nation, ihrer stolzen Geschichte und ihres stolzen Volkes. Die Ausstellung führt uns vor Augen all das, wovon wir abstammen. Und sie zeigt uns, wie wertvoll dieses Erbe ist und wie verantwortungsvoll es ist, dieses Erbe zu schützen und zu pflegen, sowohl für die aktuell Regierenden, als auch durch die, die in der Zukunft unsere Heimat prägen werden.“

Der bevorstehende Jahrestag der Wiedererlangung der Unabhängigkeit Polens 1918 sei eine gute Gelegenheit, eine Bürgergemeinschaft um diese Werte zu bauen, die im Laufe ihrer Geschichte für die Nation wichtig gewesen sind, unterstrich Jarosław Sellin, Regierungsbeauftragter für die Feierlichkeiten anlässlich des Jahrhundertjubiläums und Staatssekretär im Ministerium für Kultur und nationales Erbe: „Diese wunderbare Ausstellung gehört zu den Unabhängigkeitsfeierlichkeiten schlechthin. Sie beleuchtet unser Erbe aus verschiedenen Perspektiven. Ehrlich gesagt, die polnische Gesellschaft ist heute aus verschiedenen Gründen sehr gespalten. So wollen wir durch die Unabhängigkeitsfeierlichkeiten wieder eine Gemeinschaft aufbauen. Und gemeinsam das feiern, was unsere Vorfahren vor hundert Jahren erreicht haben, obwohl auch sie oft aus verschiedenen politischen Lagern stammten. Es ist ihnen nämlich gelungen, sich einen unabhängigen Staat zu erkämpfen.“

Die Ausstellung beruht auf vier Kategorien anthropologischer und historischer Untersuchungen zu Nationalkulturen. Daraus ergeben sich auch die vier Teile der Ausstellung: „Geographie“, „Sprache“, „Bürger“ und „Sitten“. Die „Geographie“ bezieht sich auf die Gebiete, in denen die Kultur gewachsen ist und die sie als ihre eigenen betrachtet. Der zweite Teil betont die Rolle der Sprache in der Entstehung nationaler Besonderheiten und Identitäten. Der dritte Teil erzählt von den Menschen, die sich mit einer bestimmten Kultur identifiziert haben. Und der vierte Teil veranschaulicht, dass es aus einer historischen Perspektive, unter Einbezug der kulturellen Quellen, möglich ist, eine Nation zu definieren.

„Ehrlich gesagt, die polnische Gesellschaft ist heute aus verschiedenen Gründen sehr gespalten. So wollen wir durch die Unabhängigkeitsfeierlichkeiten wieder eine Gemeinschaft aufbauen.“

Der Kurator Andrzej Szczerski sieht in seiner Ausstellung vor allem eine Sammlung künstlerischer Schätze, in denen sich Jahrhunderte des Polentums widerspiegeln: „Ich würde die Ausstellung mit einer offenen Schatzkammer vergleichen. Sie ist eine Schatzkammer des Polentums. Die Schätze offenbaren seine materielle und ideelle Schönheit. Diese Schätze tragen ein bestimmtes identitätsstiftendes Wissen und regen dazu an, weitere Schätze dazuzulegen. Sie sind eine Herausforderung, ein neues Kapitel des polnischen Erbes aufzuschlagen. Und so wie die Geschichte eine Lehre fürs Leben ist, so sind uns diese Schätze eine Lehre, dass sie nur dann einen Wert haben, wenn sie etwas Lebendiges bleiben und durch neue ergänzt werden.“

Alle diese feierlichen Erklärungen stellen wir unkommentiert vor des Lesers Auge.
Nach dem Wahlsieg der nationalkonservativen Partei „Recht und Gerechtigkeit“ – kurz PiS – in Polen im November 2015 ist auch das Nationale mit Macht in die öffentlichen Debatten zurückgekehrt. Mit der gebündelten Übernahme des Kulturressorts und zugleich der Funktion des Vizepremiers durch den Soziologieprofessor Piotr Glinski signalisierte die politische Führung ein so großes Interesse an Kultur wie nie zuvor in der Dritten Polnischen Republik. Entsprechend dominieren in Kunst und Kultur derzeit die nationale Selbstdarstellung, die auf Glauben, Patriotismus und Opferkult beruht.

Keine Gegenpropaganda, sondern schlicht gegen Propaganda: Leszek Sobocki, Znaczek II (dt. Marke II), Kraków, 1981, Foto © Muzeum Narodowe Krakówus
Bild aus der Ausstellung

Die Vorgänger der PiS-Regierung betrachteten Kunst und Kultur vor allem als gesellschaftliche und wirtschaftliche Ressource. Die PiS hingegen will mit ihr nichts weniger als die nationale Einheit zementieren. Für die bekannteste und bedeutendste polnische Kunsthistorikerin, Anda Rottenberg, sollte die Kunst aber keinesfalls propagandistisch sein: „Es kommt nichts Gutes dabei heraus. Das versucht jedoch die polnische Regierung heutzutage: Die Künstler sollten Propagandawerke schaffen. Auf der anderen Seite würde ich aber auch nicht erwarten, dass die Künstler eine Gegenpropaganda starten. Ich habe kein Rezept, wie die Kunst auf das heutige Weltgeschehen reagieren sollte, dennoch glaube ich daran, dass sie eine adäquate Sprache findet. “ (Ein Interview mit der Wissenschaftlerin veröffentlichten wir in der KK 1380 vom 25. Mai.)

Unter den über 650 gezeigten Kunstwerken sind natürlich auch solche, die unumstritten zum polnischen Kulturerbe gehören. Dazu zählen der Denar von Bolesław I. dem Tapferen, dem ersten König von Polen, das früheste Zeugnis für die Verwendung des Namens „Polen“, die Erstausgabe der „Krim-Sonette“ des polnischen Nationaldichters Adam Mickiewicz mit seiner handschriftlichen Widmung, Notenmanuskripte von Frédéric Chopin; Gemälde berühmter polnischen Maler wie Stanisław Wyspianski, Olga Boznanska sowie Jacek und Rafał Malczewski.

Weit zahlreichere Exponate jedoch können lediglich als Relikte der Vergangenheit gelten und sollen im Wesentlichen Zeugnis ablegen von der entscheidenden polnischen Beteiligung an der Gestaltung der materiellen und geistigen Kultur Europas und der Welt – als wollte jemand diese bestreiten. Dazu gehören zum Beispiel Uhren der Marke Patek mit Porträts der polnischen Nationalhelden, mnemotechnische Tabellen von Anton Jazwinski, die in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts in Schulen in Europa und Amerika sehr beliebt waren und beim Auswendiglernen von Fakten eingesetzt wurden, und dergleichen mehr.

Dorota Jedruch vom Bildungszentrum des Nationalmuseums Krakau sagt über das Konzept der Ausstellung: „Die Räumlichkeiten gleichen einem Labyrinth von Schlupfwinkeln, von oben bis unten mit Gegenständen gefüllt. Genauso hat man in den Salons des 19. Jahrhunderts Gemälde gehängt. Unsere Räumlichkeiten sollen die Sinne der Besucher beschäftigen. Wir betreten die Ausstellung und fühlen uns wie in einem Museumsdepot. Die Menge der Exponate mag zu groß erscheinen. Für all die Geschichten, die sie erzählen, braucht man auch viel Zeit. Aber wir haben auch keinen künstlerischen beziehungsweise ästhetischen Weg angeboten. Der rote Faden ist das polnische kulturelle Erbe und seine Bedeutung, die wesentlich ist, aber allzu selten offen zu Tage liegt.“

Die Ausstellung „#dziedzictwo“ regt zu Entdeckungen an. Sie bietet gewissermaßen Hilfestellung für alle, die die polnische Seele verstehen möchten. Und vor allem die der PiS-Regierung. Wer will, kann sie noch bis zum 7. Januar 2018 im Krakauer Nationalmuseum besuchen.

Arkadiusz Łuba (KK)

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