Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1321.

Die Unbeständigkeit der Bodenständigkeit

Pommerns (Land-)Wirtschaft und die Konvulsionen der Zeitgeschichte

Das im Tagungszentrum der Europäischen Akademie Külz–Kulice durchgeführte Seminar mit dem Thema: „Hinterpommersche Dörfer und Landschaften im Kontext  der preußischen, deutschen und polnischen Geschichte“ befaßte sich mit  Dorfstrukturen und Lebensräumen der dörflichen Bevölkerung in Hinterpommern seit Beginn des 18. Jahrhunderts. Veranstalter waren die Stiftung Europäische Akademie Külz–Kulice und der Verein zur Förderung der deutschpolnischen Zusammenarbeit e. V. Ermöglicht wurde das Seminar durch finanzielle Unterstützung des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien. Neben Fachvorträgen wurden mehrere Exkursionen angeboten. Die Veranstalter konnten sich über eine beachtliche Nachfrage freuen; immerhin besuchten 74 Deutsche und Polen das Seminar.

Es wurden zunächst Entwicklungstendenzen in hinterpommerschen Dörfern seit der Regierungszeit Friedrichs II. (1740–1786) vorgestellt. Prof. Dr. Reimar von Alvensleben, Falkenberg, sprach über „Grundlegende Entwicklungen der Landwirtschaft in den letzten zweihundert Jahren und ihr(en) Einfluß auf die Landbevölkerung in Hinterpommern“. Dabei berücksichtigte der Referent speziell die demographische Entwicklung, den technischen Fortschritt in der Landwirtschaft sowie die durch die Stein-Hardenbergschen Reformen bedingten Veränderungen. Dr. Franz Waldmann, Senden, referierte über die „Kolonisten in Pommern in der Regierungszeit Friedrichs II., ihre Herkunft und ihr Einfluß auf die Gestaltung der Lebensverhältnisse in den pommerschen Dörfern“. Kartazyna Woniak, Augsburg, widmete sich zum Gegenstand „Das Gutsdorf, eine spezielle Dorfform in Hinterpommern, seine sozialen Strukturen im Wechsel der Geschichte“ dem ausgeprägten Abhängigkeitsverhältnis, das sich gerade in Hinterpommern zwischen dem Gutsherrn und den auf dem Gut tätigen Personen entwickelt hatte.

Mehrere Vorträge befaßten sich mit der Entwicklung der Dörfer Hinterpommerns nach der Reichsgründung 1871, den Folgen von Landreformen, insbesondere mit der Landflucht, und den Auswirkungen des Ersten Weltkrieges. Dr. Hans Wolf von Koeller, Essen, referierte über die „Land- und Wanderarbeiter in Hinterpommern“. Dr.-Ing. Carsten Liesenberg, Rostock, sprach über „Siedlungswesen und Kleinwohnungsbau in Hinterpommern im Rahmen der ‚Inneren Kolonisation‘ zwischen dem ausgehenden 19. Jahrhundert und den 1930er Jahren, insbesondere im Regierungsbezirk Köslin“. Dr. Heinrich Kaak, Berlin, befaßte sich mit dem Thema „Die Auswirkungen der Landreformen unter Mitwirkung des Agrarwissenschaftlers Albrecht Daniel Thaer in Pommern und seine Zusammenarbeit mit Philipp Carl Sprengel“.

Es wurde auch der Frage nachgegangen, ob und welche authentischen Quellen gegenwärtig noch verläßliche Angaben über hinterpommersche Dörfer liefern können. Dr. Ewa Gwiazdowska, Stettin, die über „Alte Ikonographie als historische Quelle“ referierte, betonte deren Bedeutung in Hinblick auf die Erforschung des kulturellen und sozialen Lebens. Mariusz Jan Garbacz, Stettin, trug Geschichten und Anekdoten aus der hinterpommerschen Kleinstadt Kallies anhand historischer Postkarten vor. Klaus-Dieter Kreplin, Herdecke, referierte über den „Dorfschullehrer in Hinterpommern, Abhängiger des Gutsherrn oder Garant einer neuen Freiheit. Bedeutung der Schulchroniken für die Erforschung der Ortsgeschichte“.

r. Gunnar Müller-Waldeck, Mesekenhagen, konnte darlegen, welche Bedeutung literarischen Werken als Zeitdokumente zukommt. Seine Beispiele entnahm er Werken wie „Meine Kinderjahre“ von Theodor Fontane und „Heimweh nach Rügen“ von Ernst Moritz Arndt. Ferner zitierte er u.a. aus Werken der Schriftsteller Alfred Döblin, Hans Fallada, Wolfgang Koeppen, Hans Werner Richter, Uwe Johnson, Hans Jürgen Heise und Peter Wawerzinek. Dipl.-Ing. Katrin Schulze, Berlin, stellte in ihrem Referat die Ideen der Fürstin Izabela Czartoryska, geb. Flemming (1746–1835), zur Gartenkunst und zur Verschönerung von Dörfern vor. Mit einem speziellen Projekt zur Verschönerung der Agrarlandschaft anhand des Ortes Reichenbach/Radczewo machte Anna Walkiewicz, Stettin, bekannt.

Über die gegenwärtige Entwicklung auf dem flachen Lande im heutigen Westpommern (Zachodniopomorskie) konnten sich die Teilnehmer auf Exkursionen vor Ort ein eigenes Bild machen. Sie führten unter sachkundiger Leitung der Akademieleiterin Lisaweta von Zitzewitz u. a. nach Trieglaff/Trzyglow, Juchow/Juchowo, Heinrichsdorf/Siemczyno, Janikow/Jankowo, Groß Born/Borne Sulinowo, Regenwalde/Resko. Die besuchten Ortschaften haben sich in den vergangenen Jahrzehnten recht unterschiedlich entwickelt. Die Exkursionen vermittelten den Teilnehmern einen nachhaltigen Eindruck von der Geschichte und der gegenwärtigen Entwicklung des einst hinterpommerschen, jetzt westpolnischen Dorfes, wobei zwei Einsichten haften bleiben: Einerseits schreitet der Verfall bei Schlössern, Herrenhäusern, Wirtschaftsgebäuden, aber auch bei Wohnhäusern beängstigend voran, zum anderen fallen immer wieder Bauwerke auf, die mit viel Liebe und persönlichem Einsatz renoviert werden, um sie der Nachwelt als Zeugen einer vergangenen Kultur zu erhalten. Auch in der Landwirtschaft tut sich einiges, wie die Betriebe in Trieglaff und Juchow zeigen. Das Überleben des heutigen polnischen Dorfes ist jedoch mehr als ungewiss, zumal amtliche Statistiken für Polen einen fortschreitenden Rückgang der Beschäftigten in der Landwirtschaft belegen.

Damit hinterpommersche Herrenhäuser und Schlösser nicht in Vergessenheit geraten, hat die Europäische Akademie unter redaktioneller Leitung von Lisaweta von Zitzewitz mit den Vorarbeiten zu einer Publikationsreihe über pommersche Herrenhäuser und Schlösser begonnen. Das Projekt wird sich über mehrere Jahre erstrecken. Ausgewählt wurden zunächst die Anwesen in Külz, Stargordt, Prillwitz, Matzdorf, Pansin und Ribbekardt.

Es ist beabsichtigt, die Referate des Seminars über die hinterpommerschen Dörfer in Rahmen der zweisprachigen „Külzer Hefte“ zu dokumentieren.

Elsbeth Vahlefeld (KK)

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