Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1330.

Die Universität will keine Akademie

Die Europäische Akademie Külz muss das Bismarcksche Anwesen wegen der Kündigung durch den Stettiner Rektor verlassen

Die-Universität_obenDie schier unglaubliche schreckliche Nachricht erreichte uns aus Stettin. Aus polnischen Quellen erfuhren wir, dass die Europäische Akademie Külz/Kulice im Kreis Naugard ihr Domizil im Areal des ehemaligen Bismarck-Schlösschens verlassen muss. Gekündigt wurden die Räume zum 22. Februar 2013.

Die Universität Szczecin/Stettin, der einst der dem Verfall preisgegebene Gebäudekomplex in Külz geschenkt wurde, hat der Leiterin der Bildungsstätte, Lisaweta von Zitzewitz, die Kündigung ins Haus geschickt. Der Abschied von Külz ist der Frau, die das Herz und den geistigen Motor des weit über den pommerschen Raum hinaus bekannten deutsch-polnischen Projekts verkörpert, sehr schwer gefallen. Ihre Heimat, der alte Stammsitz der Familie, ist das Gut Zitzewitz, zwischen Schlawe und Stolp gelegen. Lisaweta wurde zwar in Berlin geboren, aber, wie sie selbst sagt, „Pommern ist inzwischen auch meine Heimat geworden“. Sie wird auch trotz dieser unerwarteten „Vertreibung“ aus ihrer vertraut gewordenen Heimstätte nicht aufgeben. Durch den Einsatz ihrer vielen polnischen Freunde und Unterstützer wurde der Kündigungstermin bis zum 28. Februar verlängert. Dennoch war die Zeit sehr knapp, das umfangreiche Material der Bildungsstätte auszuräumen und zu verpacken.

Lisaweta von Zitzewitz wird jetzt versuchen, die Akademie in Stettin unterzubringen. Die Institution Europäische Akademie soll in der Oderstadt oder der Umgebung bis zum Herbst dieses Jahres eine Bleibe finden. Aber wie wird es dann mit den Gästen und Teilnehmern an den Veranstaltungen sein? In Külz konnten sie in den Gebäuden der Akademie untergebracht und verpflegt werden. Doch wie wird das beim Betrieb in der großen Stadt geregelt werden? Auf alle Fälle werden die Kosten für Besucher und Mitarbeiter der Bildungsstätte sicherlich höher als bisher werden.

Die Zitzewitzerin kämpft weiter um ihr Lebenswerk. Obwohl der Rektor der Stettiner Universität das Recht auf seiner Seite hat, was die Kündigung betrifft, streitet die energische Frau darum, auch in Zukunft in einer soliden Bleibe für die deutsch-polnische Verständigung zu wirken. Und sie hat viele Verbündete, nicht nur Deutsche, sondern auch auf polnischer Seite bei den heutigen Einwohnern der Oderstadt sowie bei der Stadtverwaltung, den kulturellen Verbänden und den Journalisten der Medien. Sie alle verurteilen die unverständliche Maßnahme des Direktors der Universität, Professor Edward Wlodarczyk, die er aus seinem Büro in dem roten Backsteingebäude des König-Wilhelm-Gymnasiums in der Kaiser-Wilhelm-Straße hat verlauten lassen.

Im Jahre 2002 war der Universität für einen symbolischen Zloty das Haus von der Agentur für das landwirtschaftliche Eigentum des polnischen Staates übereignet worden, allerdings mit der Klausel im Übergabevertrag, dass die Hochschule das Haus zehn Jahre lang nicht veräußern dürfe. Diese Frist ist abgelaufen, und der Senat der Stettiner Hochschule habe nun beschlossen, den Gebäudekomplex, in dem die Lehr- und Tagungsstätte der Europäischen Akademie bisher untergebracht war, zu verkaufen. Die Hochschulverwaltung ist der Ansicht, das Anwesen Külz/Kulice sei in der Unterhaltung zu teuer. Und sie begründet das auch mit dem geringen Nutzen des Schlosses. Beweis dafür sei die Tatsache, dass dort „hauptsächlich Hochzeiten“ organisiert würden.

Einzelheiten über diesen Husarenstreich des Unidirektors teilte uns der leitende Kulturredakteur der Tageszeitung „Kurier Szczecinski“, Bogdan Twardochleb, in einem Gespräch mit: „Ich war auch mal Angestellter der Uni, inwischen schäme ich  mich fast deswegen. Die Universität hat weder ein Willy-Brandt-Zentrum ins Leben gerufen wie die Universität Breslau, noch die Idee der Viadrina, der Universität in Frankfurt an der Oder, verfolgt oder gar eine eigene Vorstellung von einer deutschpolnischen Zusammenarbeit entwickelt. Jetzt verliert wohl Stettin entgültig auch noch die Akademie in Külz. Das ist ein großer Verlust für die deutsch-polnische Grenzregion“, so sein Fazit. Der Journalist zitierte dann aus einer Stellungnahme des Unirektors im „Kurier Szczecinski“ hat. Der Universität sei das Bismarcksche Schloss teuer zu stehen gekommen. In den letzten zehn Jahren habe die Stettiner Universität bis zu 750 000 Euro umgerechnet an öffentlichen Geldern zuzahlen müssen. Wlodarczyk habe in einem Rundfunkinterview sogar behauptet: „Im Grunde genommen haben in Kulice keinerlei Veranstaltungen stattgefunden, die sich aus den Universitätsstatuten ergeben hätten. … Für die Universität war Kulice (Külz) von Anfang an ein Klotz am Bein.“

Dabei hatte vor 18 Jahren alles so vielversprechend angefangen. Aus Vergangenheit sollte Zukunft werden. Das Dorf Külz, etwa 65 Kilometer nordöstlich von Stettin gelegen, sollte, wie in einem bunten Prospekt zu lesen, eine neue Zukunft erhalten. Das von einem Park und eindrucksvollen Alleen umgebene Külzer Gutshaus ließ der Urgroßvater des späteren Reichskanzlers Otto von Bismarck zu Beginn des 18. Jahrhunderts im klassizistischen Stil errichten. Nach 1945 wurde das Gutshaus vom polnischen landwirtschaftlichen Kombinat Külz als Wohn- und Bürohaus genutzt. Seit Anfang der 90er Jahre stand es leer und drohte zusehends zu verfallen. Das Denkmalschutzamt der Woiwodschaft Stettin befürwortete die Restaurierung des als „erhaltenswertes europäisches Kulturdenkmal“ eingestuften  Bauwerkes. Auf Grund dessen setzte sich der „letzte deutsche Erbe von Gut Külz“, der CDUPolitiker, Abgeordnete des Europäischen Parlaments und Sprecher (Vorsitzende) der Pommerschen Landsmannschaft in der Bundesrepublik Deutschland, Dr. Philipp von Bismarck, dafür ein, das Gebäude instandsetzen zu lassen und darin eine Lehr- und Tagungsstätte einzurichten. Bismarck war ein Vertreter der deutsch-polnischen Verständigung und wollte etwas Bleibendes für eine Aussöhnung zwischen Deutschen und Polen tun, die er als eine der wichtigsten Voraussetzungen für den Frieden in Europa ansah. Das Gutshaus war schließlich auch einmal sein Zuhause gewesen, und im Schloßpark hat seine Mutter ihre letzte Ruhestätte gefunden. Die Mittel für die Restaurierung des Gebäudes stellte das deutsche Bundesministerium des Inneren zur Verfügung. Die Kosten für den parallelen Ausbau zur Tagungsstätte übernahm die in Warschau ansässige Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit.

Die-Universität_untenIn Absprache mit der Agentur für den landwirtschaftlichen Staatsbesitz in Polen (Agencja) wurden zwei Rechtspersonen gebildet und 1993 in die zuständigen Register eingetragen: die deutsche Stiftung Külz–Kulice, Entwicklungsgesellschaft für deutsch-polnische Zusammenarbeit, mit Sitz in Hannover, und die Fundatia Europea Pomeranis, eine polnische Stiftung mit Sitz in Stettin. Am 23. September 1995 konnte die Lehr- und Tagungsstätte Külz–Kulice mit einem ökumenischen Gottesdienst und Ansprachen hochrangiger Vertreter der Regierungsebenen aus Deutschland und Polen sowie Frankreich ihrer Bestimmung übergeben werden. An den Eröffnungsfeierlichkeiten nahmen zahlreiche an deutsch-polnischer Zusammenarbeit interessierte Gäste teil.

Der Lehr- und Tagungsstätte Külz-Kulice wurde die Aufgabe gestellt, „Polen und Deutsche darin zu unterstützen, den historisch gebotenen Weg in eine den Frieden und das Wohl Europas sichernde Union gemeinsam zu gehen“. Die Tagungsstätte suchte dazu beizutragen, dass Polen und Deutsche die aus Erfahrungen der Vergangenheit erwachsenen Vorurteile gegeneinander auf dem Boden der Wahrheit erkennen, überwinden, dadurch einander näher kommen und dauerhafte, friedenssichernde Verbindungen schaffen. „Begegnungen zwischen jungen Menschen aus Polen und Deutschland haben sich dabei als gute Wegbereitung in eine gemeinsame Zukunft erwiesen.“

Nun liegt das alles in Scherben. Sollen alle Mühen und Taten umsonst gewesen sein? Eine solche Stätte darf nicht verlorengehen! Menschen mit gutem Willen beiderseits der Oder müssen die Trümmer, die ein halsstarriger und im Gestern verharrender Hochschulsenat angerichtet hat, zusammenkehren und gemeinsam ein neues Haus in europäischem Geist errichten. Stettin wäre ein hervorragender Standort für eine Institution, wie Külz eine war. Was dieser Skandal zum Einsturz gebracht hat, muss an anderer Stelle wiederaufgebaut werden. Dabei sollten alle helfen, die guten Willens sind. Was geschehen ist, ist das tragische Ende eines positiven Versuchs der Völkerverständigung und ein gewaltiger Prestigeverlust für die Stadt und die Woiwodschaft Stettin. Es ist das Ende einer großen Hoffnung.

Hans-Gerd Warmann (KK)

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