Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1377.

Ein Bau wie ein offenes Buch

Bei der Sanierung des Schlosses Fürstenstein in Schlesien kann man darin lesen

Die größte Schlossanlage Schlesiens ist auch die größte renovatorische Herausforderung: Fürstenstein Foto: Stempowski

In den kalten Novembertagen letzten Jahres konnte der Besucher von Schloss Fürstenstein in Schlesien eine weitere Instandsetzung beobachten, denn sichtbar schreitet die Sanierung der Dachspitze des Weißen Turmes voran. In schwindelnder Höhe von ca. 40 Metern über der Westterrasse wurde am Weißen Turm gearbeitet.

Nachdem im Frühjahr die Südseite des Schlosses neu eingedeckt worden war, folgte im Herbst die Westseite des Schlosses. Bereits vor einigen Jahren begann man mit der Erneuerung des Ost- und Nordteils des Daches. Dann zerstörte ein Feuer mehrere hundert Quadratmeter Dach und einen Teil des Dachbodens. Nun geht die Renovierung weiter. Mit seinen mehr als 160 000 Quadratmetern ist Schloss Fürstenstein eines der größten Schlösser in ganz Schlesien. Über der Hellebachschlucht in 395 Metern Höhe auf einer Felsenspitze, nördlich von Waldenburg und unweit von Liebichau, ragt Schloss Fürstenstein weitaus sichtbar empor.

Weil vermutlich das bei Freiburg in Schlesien gelegene Anwesen, die Vriburg, den Anforderungen einer Schutzburg und zum Schutze der Landesgrenze gegen Böhmen nicht mehr entsprach, errichtete Bolko I., Herzog von Schlesien, gegen Ende des 13. Jahrhunderts eine Reihe von Befestigungen, deren bedeutendste er zu seiner Residenz bestimmte und Fürstenberg nannte. Im Laufe der folgenden Jahrhunderte wechselte sie häufig die Besitzer. 1401 kam die Burg Fürstenstein in den Besitz von Jan von Chotemice, bis sie schließlich 1428–1429 von den Hussiten eingenommen und besetzt wurde. Ab 1430 besaß dann Jan von Chotemice Fürstenstein gemeinsam mit seinem Schwiegersohn.

Aufgrund zahlreicher Um- und Anbauten verlor die Burg schnell die Anmutung einer Festung. Den größten Einfluss auf die heutige Gestalt hatte die Adelsfamilie derer von Hochberg, welcher das später zum Schloss ausgebaute Gebäude über 400 Jahre gehörte. Umfassende Veränderungen entstanden, als Reichsgraf Conrad Ernst Maximilian von Hochberg die Burg von 1772 bis 1774 in eine monumentale Barockresidenz umgestalten ließ. Die Deckenmalereien stammen von Felix Anton Scheffler.

Bereits 1509 wurde die Burg als Pfandbesitz von Konrad I. von Hoberg erworben, später fiel das Schloss an die Grafen von Hohberg (ab 1740 Hochberg). Durch Erbschaften durften sie sich ab 1847 „Fürsten von Pleß“ nennen. Zum letzten Mal änderte der Hauptbau des Schlosses sein Aussehen in den Jahren 1908 bis 1923. Reichsgraf Hans Heinrich XV., Fürst von Pleß, und seine Gemahlin Mary Therese Olivia Cornwallis West, genannt Daisy, ließen zwei neue Flügel im Stil der Neurenaissance anbauen. So entstand der Anbau des roten Schlossteiles, der Umbau des Turmes und die Anlage der Terrassen, aber auch die Neugestaltung des Innern.
Der älteste Teil, der Burgfried, ist noch heute das Zentrum der Anlage. Zwei fünfgeschossige Schlossflügel zeigen schon von weitem ein imposantes Kunstbauwerk. Das Torhaus wird von zwei Türmen flankiert. Die parkähnliche Anlage im Innenhof ist in einem gepflegten Zustand und wird von Skulpturen aus Sandstein umsäumt. Die architektonische Gestalt des Schlosses bewahrt bis heute alle möglichen Stilrichtungen. Über 400 Gemächer und Räume hat die große Schlossanlage, von denen die schönsten der Maximilianssaal mit einer reich verzierten Decke, der Chinesische Salon, der Italienische Salon sowie die Jagdhalle darstellen.
Das Hauptschloss nutzen die Grafen von Hochberg ab 1928 nicht mehr, nur noch die beiden Kavaliershäuser. Die größte Schlossanlage Schlesiens war einer von mehreren auserkorenen Standorten für ein Führerhauptquartier. Doch sollte der damalige Reichskanzler diesen Prunk- und Trutzbau nie zu Gesicht bekommen. Er verwahrte sich vehement gegen alles, was auch nur einen Hauch von Adel, Prunk und preußischem Gehabe verströmte. Bis 1943 war Fürstenstein auch Sitz des Reichsbahnministeriums des Landes Schlesien.

Im Mai 1943 wurde das Schloss vom schlesischen Gauleiter beschlagnahmt, es kam zur Entscheidung, hier ein weiteres Führerhauptquartier zu errichten. Die Nationalsozialisten ließen das Schloss von Zwangsarbeitern zu einem der wichtigsten Punkte im Projekt „Riese“ ausbauen. Unter diesem Codenamen sind auch die kilometerlangen Tunnelanlagen im nahe gelegenen Eulengebirge, dem heutigen Sowie Góry, entstanden. Über deren Bestimmung wird noch immer gerätselt. Es liegt nahe, dass die Beschlagnahme wegen Landesverrates erfolgte, denn nach der Familienüberlieferung der Hochbergs trug diese dazu bei, dass Hans Heinrich XVII., der vierte Fürst von Pleß, bereits 1932 nach Großbritannien übergesiedelt war, dort später die britische Staatsangehörigkeit erhielt und im Zivilschutz Dienst verrichtete, während sein Bruder Alexander Graf Hochberg sich der polnischen Armee anschloss. Zudem hatte die SS größtes Interesse am Schloss. Sie wollte hier nicht nur eine Luftwaffenschule einrichten, sondern auch das Kellersystem im Rahmen des Projektes „Riese“ als Lager- sowie Standort höherer und höchster Führungsstäbe ausbauen.

Das Schloss diente auch als Auslagerungsstätte für wertvolle Bestände der Staatsbibliothek zu Berlin. Darunter wurde ein System unterirdischer Gänge angelegt, bis heute hat man eine Länge von insgesamt zwei Kilometern entdeckt. Immer wieder werden neue Abschnitte des Tunnelsystems gefunden. Vor dem eigentlichen Schlosseingang im Innenhof wollte man bis in 50 Meter Tiefe einen Aufzug einrichten und eine Schmalspurbahn, die die Tunnel mit einem Abzweig zur Bahnlinie bei Liebichau verband, dies wurde nach dem Krieg sofort abgebrochen. Die Anlagen wurden jüngst auch mit dem Standort des angeblichen Goldzuges in Verbindung gebracht. Vielleicht sollten dort Verstecke für Beutekunst entstehen.

Von der ursprünglichen Einrichtung ist infolge des Zweiten Weltkrieges nichts erhalten geblieben. Es wurden wertvolle bauliche Inneneinrichtungsteile und Architekturzeugnisse vernichtet, so die Innenarchitektur des Krummen Saales, vom spätbarocken Konradsaal blieben lediglich Reste übrig. Der geplante Ballsaal wurde nie fertig, er ist bis heute leer, es sollen darin, so wurde berichtet, noch Farbeimer gestanden haben. Vielleicht wollte man dort die Zentrale des Hauptquartiers errichten.

Archivaufnahme
Bild: der Autor

Später wurden das Schloss und auch die Nebengebäude durch sowjetische Truppen besetzt und die bis zu dem Zeitpunkt noch bestehende Inneneinrichtung und das Mobiliar geplündert. Das Schloss und auch einige Parkanlagen waren der Bevölkerung nie zugänglich. Man sah nur Autos hinein und heraus fahren, vermutlich beladen mit wertvollen Einrichtungsgeständen, über deren Verbleib man bis heute rätselt.

Sodann ging das Schloss an die polnischen Behörden über, stand über zehn Jahre leer, erst 1956 wurde mit konservatorischen Arbeiten begonnen, die 2002 größtenteils abgeschlossen werden konnten. Bis 1990 wurde das Gebäude unterschiedlich genutzt, am 1. Juni 1990 ging es in den Besitz der Gemeinde Waldenburg über. Es ist noch nicht lange her, dass der Magistrat von Waldenburg, dem heutigen Wałbrzych, als Eigner von Schloss Fürstenstein die touristische Nutzung von mehr als 3200 Quadratmetern unterirdischer Anlagen freigegeben hat. Sie befinden sich auf zwei Ebenen, die 15 und 50 Meter unterhalb des Schlosses liegen.

Der Zugang für Touristen war aufgrund der Forschungsaktivität des Geophysischen Instituts der Polnischen Akademie der Wissenschaften (IGF) bisher nur sehr eingeschränkt möglich. Das IGF betreibt dort eine Messstation, die wie an keinem anderen Ort in Polen Bodenschwingungen erfassen kann, wird diese aber verlegen. Noch in diesem Jahr soll vor Ort eine unterirdische Touristenroute eröffnet werden. Eine Ausstellung soll über die Entstehungsgeschichte der Tunnel informieren, soweit sie sich rekonstruieren lässt. Zudem wird ein Teil der Schau der Arbeit des IGF gewidmet sein.

Gegenwärtig ist der gesamte Schlosskomplex einschließlich der Terrassen und Wirtschaftsgebäude für den Besucherverkehr freigegeben und wird teilweise als gastronomisches sowie Hotelobjekt genutzt, wobei die nicht oder nur teilweise rekonstruierten Räume verschiedenste Verwendung (als Galerien, Räume für Wechselausstellungen, Restaurants, Souvenirstände) gefunden haben. Das Schloss dient auch als Kulisse für kulturelle Veranstaltungen. Einen Besuch ist es allemal wert!
(Quellenangabe: Ksiaz Fürstenstein, 2001; Broschüre Schloß Fürstenstein, o. J.; Schlesien-Lexikon, 1996; Wikipedia)

Michael Ferber (KK)

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