Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1254.

Ein Beispiel für lebendige Ökumene

35 Jahre Apostolische Visitatur Breslau

In Zusammenhang mit dem 75. Geburtstag des aus Altersgründen aus dem Amt scheidenden Apostolischen Visitators der Priester und Gläubigen der Erzdiözese Breslau, Prälat Winfried König, begehen die schlesischen Katholiken in der Bundesrepublik Deutschland in diesem Jahr das 35jährige Jubiläum der 1973 eingerichteten Visitatur.

Diese Zäsur gibt Veranlassung zu einigen würdigenden Bemerkungen über den ökumenischen Geist in der Zusammenarbeit des Heimatwerkes schlesischer Katholiken mit der Gemeinschaft evangelischer Schlesier. Diese beiden Vereinigungen der großen christlichen Konfessionen haben vor allem in den Auseinandersetzungen um die Ostpolitik der Regierung Brandt–Scheel und im  Eintreten für die Aufrechterhaltung der deutschen Rechtspositionen bezüglich des Heimatrechtes und einer friedensvertraglichen Vereinbarung über die künftige deutsche Ostgrenze eng zusammengearbeitet. Da ihrer beider Positionen den Gedanken der Verständigung und Versöhnung mit unsere Nachbarvölkern im Osten von Anfang an einschlossen, wurde diese enge Zusammenarbeit auch nach den Verträgen von 1990 und 1991 intensiv fortgesetzt. Es ging beiden Vereinigungen um das Schicksal von Menschen, die ein in Europa vor dem 20. Jahrhundert nicht gekanntes Maß an Unrecht und Leid erfahren haben. Hier war auch eine Mithilfe bei der politischen Urteilsbildung ein Bestandteil der Seelsorge.

Für diese Zusammenarbeit war es gewiß förderlich, daß man an Gemeinsamkeiten des Jahres 1945 anknüpfen konnte. Vertreter beider Konfessionen waren bereits im April 1945 beim Festungskommandanten von Breslau vorstellig geworden, um auf die Sinnlosigkeit einer weiteren Verteidigung der Stadt hinzuweisen. Die Namen des Weihbischofs Ferche und der evangelischen Pastoren Dr. Joachim Konrad und Ernst Hornig sind in diesem Zusammenhang unvergessen. Der später an der Universität Bonn als Professor für praktische Theologie wirkende Dr. Joachim Konrad war bis 1973 Vorsitzender der Gemeinschaft evangelischer Schlesier. Sein Nachfolger Probst Eberhard Schwarz hat das Zusammenwirken mit dem Heimatwerk schlesischer Katholiken intensiv fortgesetzt.

Besondere Höhepunkte dieser Gemeinsamkeit zwischen den beiden christlichen Konfessionen waren die jährlichen Spitzengespräche miteinander. Auf katholischer Seite will ich vor allem den Prälaten Hubert Thienel, den Bundestags- und Europaabgeordneten Clemens Riedel sowie Dr. Bachmann, der als Ministerialrat im Bundeskanzleramt unter Konrad Adenauer gearbeitet hatte, nennen. Auf evangelischer Seite gehörten zu den Gesprächsteilnehmern neben Probst Schwarz und dem Unterzeichnenden als Präsidenten des Kirchentages der Gemeinschaft evangelischer Schlesier Pfarrer Werner Huch und Oberkirchenrat Dr. Gottfried Klapper. Wie oft haben wir am Ende dieser Gespräche in den siebziger und achtziger Jahren eine gemeinsame Resolution als Beitrag zur Meinungsbildung erarbeitet! Es stimmt freilich traurig, daß von den genannten Persönlichkeiten nur noch der sich hier Erinnernde am Leben ist.

Die Arbeit beider Gemeinschaften ist jedoch nach wie vor nicht nur eine Aufgabe der Seelsorge, sondern in zunehmendem Maße auch der Mitwirkung an dem großen Ziel der Verständigung und freundschaftlichen Zusammenarbeit zwischen allen Völkern in der Mitte Europas – mit Mut, Demut und Langmut, wie es der um Wahrheit und Verständigung gleichermaßen bemühte Erzbischof Prof. Dr. Alfons Nossol in Oppeln auszudrücken pflegt. Es ist daher zu wünschen, daß der Heilige Stuhl nach dem Ende der Amtszeit des Apostolischen Protonotars Winfried König wieder einen Apostolischen Visitator für die Priester und Gläubigen aus der ehemaligen Erzdiözese Breslau ernennt.

Eberhard G. Schulz (KK)

«

»