Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
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Ausgaben: Ausgabe 1254.

Ein Denkmal sollte nicht erfunden werden

Die Ruine in Lubowitz ist die des Herzoglich Ratiborschen Schlosses, nicht die von Eichendorffs Geburtshaus

 

Das Eichendorff-Schloß in Lubowitz bestand in seiner Eigenart, trotz laufender Anpas­sungen an die Bedürfnisse seiner Besitzer, die darin auch wohnten, von 1786 bis 1858/ 1862, als es der Herzog Viktor von Ratibor für die nunmehr darin wohnenden Pächter völlig umgestalten ließ. Das Herzoglich Ratiborsche Schloß in Lubowitz konnte daher nicht weiterhin als Geburtshaus von Joseph Freiherr von Eichendorff bezeichnet wer­den, doch zu Recht als Bau über seiner Geburtsstätte.

Seltsamerweise sind heute von jenen Teilen des Eichendorff-Schlosses, die mehr oder minder im Ratiborschen Neubau erhalten blieben, so gut wie keine mehr vorhanden, sondern nur noch jene, die der Herzog umgestalten ließ, so vor allem der total veränderte, also nicht bloß aufgestockte Nebenbau. Da vom ursprünglichen Schloß weder Grund- noch Aufrisse und auch keine einzige Ansicht aus der Zeit seines Bestehens überdauerten, ist jeder, der auch nur annähernd seine tatsächliche Anlage und Gestaltung erfassen will, auf die erhaltenen amtlichen Beschreibungen angewiesen, welche viele Details in den historisch-kritisch gesicherten Aufzeichnungen Joseph Freiherr von Eichendorffs und seines „Herzens­bruders“ Wilhelm bestätigen und ergänzen.

Die gesamte Schloß-Anlage des Baus von Adolf Freiherr von Eichendorff umfaßte nach den erhaltenen Taxations-Akten der Jahre 1801, 1817 und 1821 zwei reine Wohnhäuser und, in eigenen Bauten, die „Kuchel“ und das Waschhaus, allesamt massiv gemauert. Nur das herrschaftliche Wohnhaus war zweigeschossig ausgeführt; der Dichter bezeich­nete es deshalb als „hohes Haus“. Es gewährte vom Obergeschoß aus einen freien Rund­blick nach allen Richtungen. Im Nebenhaus, das mit dem Herrenhaus baulich verbunden war, wohnten die Gutsverwalter. Während die Lage des Haupt- und Nebenhauses sich aus den heute noch erhaltenen Ruinen bestimmen läßt, so jene der von den Eichendorff-Brüdern öfter zitierten „Kuchel“ und des Waschhauses einigermaßen aus den to­pographischen Aufnahmen des Jahres 1825. Die amtlichen Quellen zusammen mit den Kataster-Plänen ermöglichen die Erstellung eines Lageplans, der eindeutig zeigt, wie weitgefächert die Baulichkeiten auf dem Grundstück auseinanderlagen.

Die unverwechselbare Eigenart des Eichendorff-Schlosses bestand in der strikten Tren­nung der Wohngebäude von den Bewirtschaftungshäusern, dem Kü­chengebäude, Kuchel genannt, und dem Waschhaus. Die Ursache für die Trennung ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit in der hohen Brandgefahr zu sehen. Dennoch notierte der junge Dichter unter dem 2. Dezember 1800: „Ist Feuer hier im Schloß gewesen“. Dagegen erfaßte der Großbrand zu Lubowitz im Jahre 1825 nicht den Schloßkomplex, äscherte jedoch die Gutsgebäude ein.

Damit drängt sich die Frage nach der Wasserversorgung insbesondere mit Trinkwasser auf, zumal der feinkiesige Untergrund den Bau von Brunnen ungemein erschwerte. So­gar das weit günstiger gelegene Pfarrhaus erhielt erst 1818 einen eigenen Brunnen; bis dahin karrte man das Wasser von der Oder herauf. Günstigere Bodenverhältnisse für den Brunnenbau im Schloßbereich boten der Küchen- und Obstgarten. Selbstverständlich fehlten alle Voraussetzungen für die Anlage von Springbrunnen.

Im Schloßhof existierte übrigens nur ein einziger Eingang in den Wohnkomplex, jener in der Mitte der Hauptfront. Die schriftlichen Quellen beantworten viele naheliegende Fragen nicht, etwa nach der Existenz einer Auffahrtsrampe für die Kutschen oder nach dem Platz der vom Dichter erwähnten Schloßuhr. Sollte die Uhr, wie viele vermuten, den Dachfirst türmchenartig verziert haben, um beidseitig sichtbar zu sein? An den Schloßbauten in der näheren Umgebung mangelt es nicht an Beispielen.

Aus der Fülle von weiteren Fragen, die unbeantwortet bleiben, seien hier nur zwei gewählt, da sie für das gesamte Leben im Schloß eine besondere, wenn nicht außer­ordentliche Rolle spielten: In welchem Raum zelebrierten die Schloßkapläne, deren letz­ter in dieser Funktion, Lorenz Winkler, dem Hofmeister der Brüder von Eichendorff, Bernhard Heinke, nachfolgte? Oder wie wirkte sich baulich die Unterbringung zweier Haushalte zu Eichendorffs Zeit aus? Denn die Großmutter von Kloch hatte nicht nur einen eigenen Koch, Ignatz Sonntag, einen eigenen (protestantischen) „Leib-Lakai“, den Glockengießer Daniel Nickel, eine eigene Wirtschafterin, Nannette d’Agners, und nach deren Heirat Franziska Müller, sondern noch weitere eigene Bediente, die alle nicht zufällig aus Niederschlesien kamen und die überdies, wie die Großmutter, im Alltag unverkennbar im deutschen Dialekt verkehrten, weil ihnen sowohl der polnische als auch der mährische Soziolekt Schwierigkeiten bereitete.

Schon vor dem Umbau unter Herzog Viktor in den Jahren 1858–1862 fanden laufend Veränderungen an den Schloßgebäuden statt, so daß die Angaben über den Zeitpunkt der ersten Verlegung der oder einer Küche in den Wohnkomplex stark differieren. Die im 20. Jahrhundert gebräuchlichen Bezeichnungen „alte Küche“ für den größten Raum im neuen, nun ebenfalls zweigeschossigen Nebenhaus und „neue Küche“ für das ein­stige große Zimmer, das an das Seitengebäude angrenzte, verraten so gut wie nichts über ihr Alter. Nur die Unterbringung der Waschküche im Nebenflügel läßt sich eindeutig auf den Umbau zurückführen. Im Erdgeschoß des Herrenhauses blieben in der westli­chen Hälfte der nicht unterkellerte Festsaal, das Zimmer der Hausherrin, in dem Joseph von Eichendorff geboren wurde, das Tafelzimmer und die „Geßlersche Stube“ ziemlich unverändert erhalten. Die östliche Hälfte erfuhr einschneidende Veränderungen, auch im Obergeschoß mit dem neuen Übergang zum Obergeschoß des Nebenhauses. Das erhielt erst zu dieser Zeit einen eigenen Eingang vom Schloßhof aus und damit ein von Grund auf neues Treppenhaus. Ein weiterer Eingang aus dem Schloßhof folgte, wie die Fotos deutlich zeigen, erst um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert.

Die heute noch stehenden Mauerreste, das ist das unbestreitbare Ergebnis des Studiums der amtlichen Quellen, sind Reste nicht des Eichendorff-Schlosses, sondern des Herzoglich Ratibor­schen Schlosses. Wer anderes behauptet, bezeugt seine völlige Unkenntnis der histori­schen Fakten oder täuscht vorsätzlich.

Für die Brüder Wilhelm und Joseph von Eichendorff war der Erlebnisraum Lubowitz das Paradies ihrer Kindheit, die mit dem 18. Jahrhundert endete, und später die Stätte ihrer „Jubelperioden“, der Ferien- und Urlaubszeiten als Gymnasiasten und Stu­denten, von der sie Abschied nahmen, als sie im Herbst 1810 nach Wien aufbrachen. Von diesem in ihren Schriften viel beschworenen heimatlichen Bereich verabschiedeten sie sich endgültig im Herbst 1817 mit dem gemeinsamen Urlaub zur dringlichen Rege­lung der Erbschaftsfragen.

Das Schloß in Lubowitz, das die Brüder zu den schlichten Landschlössern zählten, bildete keineswegs den Mittelpunkt ihres Erlebens und ihrer Erinnerungen, das war vielmehr, wie sie immer wieder schriftlich festhielten, der „Hasengarten“ mit seinem bewaldeten Hang und seinen zwei Erhebungen, dem abfallenden Hang des Obstgartens daneben, dem Haselgesträuch (Vogelstellen!) in der Tiefe und schließlich dem Teich, einem alten Oderarm, mit seiner Insel. Dazu gehörte auch der Blick vom Abhang über das Odertal auf die jenseitigen Wälder, auf die Höhenrücken am ferneren Ufer und die in der Weite blauenden Beskiden.

Das Urbild eines Schlosses sahen die Brüder eindeutig im mächtigen Burgschloß Tost mit seinen verschiedenen und zahlreichen Brunnen, den Rokokogärten mit ihren vielen Laubgängen, den wildreichen Tiergärten und den tiefen, jagdreichen Wäldern in der Nähe. Hier, an einem der Springbrunnen, begegnete dem achtjährigen Knaben erstmals auch die Muse. „Das ist das Schloß“, schrieb der Dichter, „von dem ich so oft gesungen, wo die Elfen tanzen auf dem Waldesrasen, die Rehe im Mondenscheine grasen. Nun ist’s verbrannt, es existiert nurmehr in Liedern und Träumen“. So führt konsequenter­weise auch das Gedicht „Denkst Du des Schlosses noch auf stiller Höh’“, das Joseph an seinen Bruder richtete, auf einer Handschrift den Titel „Heimat, Schloß Tost“. Der nicht bestreitbare Sachverhalt schützt das Gedicht freilich nicht vor dem bewußten Mißbrauch für die Ruine des Ratiborschen Schlosses in Lubowitz. Denn dieses Schloß der Herzöge von Ratibor, nicht das von Eichendorff beschworene, bildet die Grundlage für die derzeitigen Pläne zu einer, wie das Modell überdeutlich zeigt, schlecht kaschierten Rekonstruktion eines Schlosses auf und mit den Ruinen in Lubowitz.

Jede sachgemäße, sämtlichen Quellen verpflichtete historische Untersuchung beweist das Fehlen der einwandfreien Grundlagen für eine Rekonstruktion des Schlosses von Adolf Freiherr von Eichendorff. Darum gilt: Weder das Schloß Tost des 18. Jahrhun­derts noch das wirkliche Eichendorff-Schloß, das schon die erste Hälfte des 19. Jahrhun­derts nicht überdauerte, können je wiedererstehen. Der Abschied von individuellen oder kollektiven Wunschträumen (Fiktionen) oder gar bewußten Trugbildern (Phantas­magorien) mag schwer fallen: Er ist und bleibt als Forderung für jeden verantwortlich Denkenden unabdingbar.

Franz Heiduk (KK)

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