Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1283.

Ein herrlicher Flecken – von der Geschichte befleckt

Daß sich tschechische Schriftsteller der jungen und mittleren Generation ganz bewußt mit bislang ausgesparten Themen der eigenen Geschichte beschäftigen, hat sich längst herumgesprochen. Brüche mit Tabus der kommunistischen, aber auch national-chauvinistischen Geschichtsschreibung werden dabei nicht gescheut.

Radka Denemarkovás Roman „Ein herrlicher Flecken Erde" bildet ohne Zweifel einen vorläufigen Höhepunkt dieser Entwicklung. Dem Selbstbetrug eines geschönten Eigenbildes, das sich in vierzig Jahren sozialistischer Herrschaft in der CSSR verselbständigt und Generationen geprägt hat, wird hier ein Spiegel vorgehalten. Daraus starrt das Schicksal von Gita, die als Jüdin von den Nazis verfolgt und später von Tschechen als Deutsche vertrieben wird.

Mit großem dramaturgischem Geschick schneidet Radka Denemarková zwei Erlebnisebenen ineinander: die unmittelbare Nachkriegszeit, als die sechzehnjährige Gita Lauschmannová aus dem Konzentrationslager, das sie als einzige ihrer Familie überlebt hat, in ihr Dorf zurückkommt, mit der Rückkehr von Gita als Großmutter nach sechzig Jahren. Es kommt zu einem Wiedersehen der Figuren nach Jahrzehnten, und dieses offenbart den Irrtum der Vorstellung, man könne Geschehnisse verschweigen und Unrecht vergessen machen.

Eine geschundene Kreatur, noch ein halbes Kind, soeben dem Orkus entronnen, möchte zurück in die wohlbehütete Kindheit. Oder wenigstens in ihr eigenes warmes Bett. Aber in der elterlichen Wohnung finden sich fremde Leute, die ihr alles andere als wohlgesonnen sind. Ein erneutes Martyrium schließt sich an, dem die junge Gita nur durch die Hilfe jener unbekannten schwangeren Frau, die inzwischen mit ihrem Mann in der ehemaligen Lauschmann-Villa wohnt, entkommen kann.

Im Jahr 2005 erfährt Gita Lauschmannová in Prag, daß ihre Eltern rehabilitiert worden sind. Nach sechzig Jahren kommt sie in ihr Dorf zurück und sieht sich besinnungslosem Haß ausgesetzt. Als Faschistin und Kollaborateurin wird sie bezeichnet, als eine alte Deutsche, die das Dorf und seine Familien ins Unglück stürzen möchte. Auch jene Frau, die Gita einst geholfen hat, lebt noch. Ihr Sohn Daniel fädelt zunächst für die Dorfbewohner eine Strategie gegen Gita Lauschmannová ein, um deren Ansprüche auf Rückgabe ihres Eigentums zu hintertreiben. Bald erkennt er das furchtbare Unrecht, das dieser Frau angetan wird, ja er ahnt, daß praktiziertes Unrecht gnadenlos die eigene Moral zerstört.

Denemarkovás Beobachtungsgabe entgeht nichts, und ihre Sprachbegabung läßt den Leser nicht zuletzt dank einer hervorragenden Übersetzerleistung von Eva Profousová daran teilnehmen. Denemarkovás Sprache wartet mit starken Bildern auf, wenn etwa die Mutter „ihrem Sohn ihr mit Tränen gepökeltes Taschentuch zuwirft" oder ein Erzählvorgang, heimlich und unter Bedrohung im Versteck, plastisch illustriert wird: „Durch ihre geweiteten Pupillen saugt die Frau meine Geschichte auf, stopft sie sich in die Tränensäcke unter ihren Augen."

Radka Denemarková hat einen Roman von ausgezeichneter Fabulierlust und zugleich Prägnanz vorgelegt. Von bedrängender Aktualität ist die Schilderung dumpfer Gemeinheit und ihrer entmenschlichenden Wirkung. Daß sich der junge Denis und die betagte Gita zuletzt doch recht gut verstehen, sogar Gemeinsames unternehmen, läßt auf ein Happy-End hoffen. Aber der Leser weiß mehr und Denis auch, weil er genau hingehört hat, als ihm Gita ihre Strategie anvertraute, mit der Niedertracht anderer auszukommen: „Die Klappe halten. Wissen Sie überhaupt, wieviel Kraft und Selbstverleugnung mich meine Freundlichkeit kostet?"

Volker Strebel (KK)

Radka Denemarková: Ein herrlicher Flecken Erde. Aus dem Tschechischen von Eva Profousová. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2009. 294 S., 19,95 Euro

«

»