Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1390.

„Es fiel ein Reif in der Frühlingsnacht“

Die Blütenträume um Königsberg wollen kaum mehr reifen

„Der Bann schien gebrochen.“ Als der Dom in stolzer Herrlichkeit wiedererstand, war sogar der Himmel über Königsberg blauer und die Wolken duftiger. Aber auch darüber muss man schon wieder in der Vergangenheitsform reden
Bild: Archiv

Den aufschlussreichen, informativen Beitrag von Klaus Weigelt über den Umgang mit der Kulturgeschichte Königsbergs nach der Öffnung des Sperrgebiets Kaliningradskaja Oblast im Jahr 1991, „Gleichsam verwunschen, doch hilft kein Wünschen“ (KK-Ausgabe 1387), habe ich mit großem Interesse zur Kenntnis genommen. Im Rückblick auf ein Vierteljahrhundert zieht der Verfasser Bilanz über Initiativen zur Bewahrung des deutschen Kulturerbes der Stadt und des nördlichen Ostpreußen in Kooperation mit der heute dort lebenden Bevölkerung und den zuständigen lokalen Institutionen. Desgleichen wird deutlich, dass die vom Aufbruch in den 1990er Jahren geweckten Erwartungen einer intensiveren russisch-deutschen Zusammenarbeit in Bezug auf Königsberg sich nicht oder nur zu einem geringen Teil erfüllt haben. Aus eigener Erfahrung will ich hier dem von Klaus Weigelt skizzierten Bild einige Details hinzufügen.

Mit dem Fall des Eisernen Vorhangs zwischen Ost und West um 1990 eröffneten sich neue Chancen für die Pflege und Wahrnehmung eines großen Kapitels deutscher Kultur- und Geistesgeschichte in den früheren deutschen Ostprovinzen und Siedlungsgebieten in Ostmitteleuropa. Der Bann schien gebrochen. Leistungen und Spuren deutscher Geschichte und Kultur konnten durch Kooperation mit den Nachbarn wieder aufgezeigt werden: in Danzig oder Elbing, Breslau oder Stettin, in Allenstein oder Mohrungen, selbstverständlich auch in Prag oder Pressburg.
Königsberg kommt in dieser Reihe und in dieser Zeit des unerwarteten Umbruchs ein besonderer Stellenwert zu, wie dies Klaus Weigelt in seinem Beitrag zu Recht beschreibt. Auch mich als Nicht-Königsberger hat die Stadt am Pregel durch ihren Rang in der deutschen und europäischen Geistesgeschichte und nicht zuletzt durch ihr Schicksal als geschundene und über nahezu ein halbes Jahrhundert weltabgeschiedene Stadt besonders berührt.

Im Februar 1991, wenige Monate nach der Öffnung der im militärischen Sperrgebiet der Sowjets liegenden Stadt Kaliningrad, erreichte das Haus des deutschen Ostens Düsseldorf ein überraschendes Schreiben aus dem Museum für Geschichte und Kunst der Oblast Kaliningrad. Man wolle auch die deutsche oder preußische Geschichte des früheren Königsberg und der gesamten jetzigen Region Kaliningrad den Besuchern des Museums vermitteln, hieß es darin, doch stünden für den Aufbau einer diesbezüglichen Abteilung weder Geschichtsbücher noch Objekte zur Verfügung. Für jede Hilfe sei man dankbar, auch wenn es sich nur um Kopien von relevanten historischen Büchern handeln würde.

Mit einem Bücherpaket und zahlreichen Kopien stadt- und universitätsgeschichtlicher Dokumente ging folgendes Angebot von Düsseldorf an das Kaliningrader Museum: Das Haus des deutschen Ostens schlage vor, in den Räumen des Museums eine Ausstellung mit Werken von Künstlern zu zeigen, die in Königsberg geboren wurden oder an der dortigen Kunstakademie studiert hatten bzw. zur Künstlerkolonie Nidden gehörten.

Die Zusage aus Kaliningrad erfolgte prompt. Umgehend wurden die Eckpunkte der Ausstellung vereinbart und der Termin für Oktober/November 1991 vereinbart. Als Partner in Deutschland konnte das Düsseldorfer Haus nach längerer Überzeugungsarbeit das Ostpreußische Landesmuseum in Lüneburg gewinnen. Der Künstler Reinhardt Schuster und der Kunsthistoriker Jörn Barfod kümmerten sich um die Sammlung der Exponate – wobei ein großer Teil aus der Artothek der Düsseldorfer Stiftung kam – und um die Gestaltung des deutsch-russischen Katalogs. Damit sollten ostpreußische Künstler von Lovis Corinth bis Ullrich Fox den Bewohnern der Stadt, die von deren Vergangenheit nur ein Zerrbild hatten, nähergebracht werden.

Dass es ein Abenteuer werden sollte, ahnten alle Beteiligten. Eine international erfahrene Kunstspedition brachte die Ausstellung mit etwa 180 Werken von achtundsechzig Künstlern über Helsinki und Litauen an den Pregel, wo die Zollabfertigung achtundvierzig Stunden dauerte. Der Flug von Düsseldorf nach Kaliningrad führte uns damals noch über Moskau, Ankunft in Kalinigrad um Mitternacht. Und welch eine Überraschung: Mitarbeiterinnen des Museums erwarteten uns mit Blumen im unwirtlichen Flughafen, auf dem es noch von Militärs wimmelte. Beim Aufbau der Ausstellung – wir hatten zwei Nächte und einen Tag Zeit – halfen eifrig bis zum Schluss etwa zehn Kaliningrader Studenten mit. Die Zeit war eben knapp, die Hängung recht aufwendig, und es fehlte an fast allem, denn der zuständige technische Museumsmitarbeiter hatte Urlaub und den Schlüssel zur Werkstatt mitgenommen.

Einer der hilfreichen Studenten schenkte mir eine Ansichtskartenmappe über Kaliningrad. Er hatte eigenhändig über den russischen Namen der Stadt geschrieben: „Königsberg/i.Pr.“ Zur Eröffnung der ersten Ausstellung ostpreußischer Künstler in der Stadt nach dem Zweiten Weltkrieg kamen um die dreihundert Besucher, darunter viele Jugendliche. Etwa vierzig Musiker des Kaliningrader Philharmonischen Orchesters spielten Mozarts „Kleine Nachtmusik“. Es war die feierlichste Ausstellungseröffnung, die ich in meiner achtzehnjährigen Düsseldorfer Amtszeit erlebt habe, wenn auch bei vergleichbaren Veranstaltungen schon mal Minister oder Botschafter dabei waren. Das Festliche entsprach der Einstellung und Mentalität unserer Gastgeber. Als Partner aus Deutschland sagten wir höflich: Es ist schön, bei Ihnen in Kaliningrad zu sein. Die Museumsdirektorin begrüßte uns aber bei der Ausstellungseröffnung vor dem Publikum mit den Worten: „Willkommen in Königsberg.“

Das Eis war gebrochen. Die bald in Gerhart-Hauptmann-Haus umbenannte Düsseldorfer Stiftung (unsere russischen Partner hatten am Haus des deutschen Ostens keinen Anstoß genommen) konnte mit allen relevanten Kulturinstitutionen in Kaliningrad/Königsberg in den folgenden Jahren auf historische Spurensuche gehen, vor Ort.

Leuchtende Botschaft, im übertragenen wie im eigentlichen Sinn: Ernst Mollenhauer, Nehrungssonne.Mit einer Ausstellung sollten ostpreußische Künstler von Lovis Corinth bis Ullrich Fox den Bewohnern der Stadt, die von deren Vergangenheit nur ein Zerrbild hatten, nähergebracht werden
Bild: Gerhart-Hauptmann-Haus Düsseldorf

Es gab ersprießliche Kontakte mit der Städtischen Kunstgalerie und deren unvoreingenommener Direktorin Vera Kocebenkova, mit dem Deutsch-russischen Haus und dessen wechselnden Direktoren, mit dem für den Wiederaufbau des Königsberger Doms zuständigen Igor Odinzow, der zur Eröffnung der Foto-Ausstellung „Wiederaufbau des Königsberger Doms“ Ende der neunziger Jahre nach Düsseldorf kam, mit dem Institut für Germanistik der Universität Kaliningrad, die sich den Namen des Philosophen Immanuel Kant gegeben hat. Hier ist an die vielbeachtete Wiedererrichtung des Kant-Denkmals vor der Universität zu erinnern, an die Verehrung für den großen Philosophen, die auf einfache Weise darin zum Ausdruck kommt, dass Frischvermählte sich vor seinem Grabmal am Dom fotografieren lassen und dass dort laufend Blumensträuße niedergelegt werden. Mit dem Namen des Philosophen von Weltgeltung ist die Vitalität der kulturgeschichtlichen Tradition und ihrer Wahrnehmung über historische Katastrophen hinweg verbunden.

Das Gerhart-Hauptmann-Haus konnte mit der Jubiläumsausstellung „Die Albertina. Universität in Königsberg 1544–1994“, in Zusammenarbeit mit dem Museum Stadt Königsberg in Duisburg, dem Kulturzentrum Ostpreußen in Ellingen und dem Geschichtsmuseum Kaliningrad, die heutigen Bewohner des ehemaligen Königsberg und auch die Öffentlichkeit in deutschen Städten auf die geistesgeschichtliche Strahlkraft der Stadt Immanuel Kants aufmerksam machen. Es folgten Ausstellungen des mit der Niddener Künstlerkolonie und der Kunstakademie Königsberg so eng verbundenen Künstlers Ernst Mollenhauer in Zusammenarbeit mit der einsatzfreudigen Tochter des Malers, Maja Ehlermann-Mollenhauer, dann deutsch-russische Kulturtage mit Beiträgen zur Kunst, Literatur und Architektur sowie zu den damals aktuellen Bemühungen, die noch vorhandenen Baudenkmäler der Region aufzuspüren und darüber ein Verzeichnis zu erstellen. Der Schriftsteller Arno Surminski las aus seinem Roman „Sommer vierundvierzig oder: Wie lange fährt man von Deutschland nach Ostpreußen?“ über den Untergang Königsbergs im überfüllten Hörsaal des Germanistik-Instituts der Kaliningrader Universität, Professor Oskar Gottlieb Blarr spielte an der (noch) improvisierten Orgel im wiedererrichteten Dom Werke ostpreußischer Komponisten vor begeistertem russischem Publikum.

Große Verehrung wird der dort geborenen Käthe Kollwitz entgegengebracht, deren Werke vom Düsseldorfer Haus in Kooperation mit dem Kollwitz-Museum Köln 2000 in der Kaliningrader Kunstgalerie ausgestellt werden konnten. Dies wäre ohne dezidiertes Interesse der schon in Kaliningrad geborenen Generation russischer und zahlreicher andersnationaler Einwohner nicht denkbar gewesen. Dass die Stiftung Gerhart-Hauptmann-Haus. Deutsch-osteuropäisches Forum dazu beigetragen hat, Königsberg aus der Versenkung ins öffentliche Bewusstsein zu rücken, ist für mich eine besondere Genugtuung.

Gewiss hätte die Wiederentdeckung Königsbergs – der Spuren deutscher Geschichte jenseits des durch Krieg und danach durch gezielte Zerstörung verunstalteten Stadtbildes – nicht stattfinden können ohne die dauerhafte Verbundenheit der früheren Einwohner Königsbergs mit ihrer traditionsreichen Heimatstadt. Sie haben sich über ihre Stadtgemeinschaft und vielfach ganz persönlich und selbstlos für die Menschen, die dort nicht selten unter der Armutsgrenze leben müssen, eingesetzt und menschliche Kontakte geknüpft. Ein kleines, aber sprechendes Erlebnis:

Die „Rheinische Post“ hat es fertiggebracht, im Herbst 1993 einen Tagesflug von Düsseldorf nach Königsberg/Kaliningrad zu veranstalten. Abflug aus Düsseldorf etwa sieben Uhr und Rückflug am selben Tag mit Ankunft nach zweiundzwanzig Uhr. Auf dem Rückflug des fast ausschließlich mit Königsbergern besetzten Flugzeugs saß ich neben einem etwa sechzigjährigen Mann, der ständig mit einer Tüte hantierte. Auf meine Frage, ob ich ihm helfen könne, erzählte er sein Erlebnis:

Er war nach Königsberg geflogen, um sein Elternhaus zu suchen. Er fand es auch, wurde von den jetzigen Bewohnern freundlich ins Haus gebeten und bewirtet. Man verstand sich trotz der sprachlichen Schwierigkeiten. Sein Vater war Schmied gewesen und das Häuschen der Werkstatt war auch noch erhalten. Es kam ihm aber jetzt viel kleiner vor als in seiner Erinnerung. Als er sich anschickte zu gehen, bat ihn sein Gastgeber zu warten. Dann brachte er ihm diese Tüte mit den Äpfeln. Sie waren von dem Baum, den noch sein Vater gepflanzt hatte. Jetzt bringe er die Äpfel seiner Familie.

Danach saßen wir wortlos nebeneinander bis zur Landung in Düsseldorf.

Walter Engel (KK)

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