Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1325.

Es menschelt auch in Gottes Namen

Klerus und Zeitströmungen des 19. Jahrhunderts

Zu seiner 49. Arbeitstagung lud das Institut für ostdeutsche Kirchen- und Kulturgeschichte e. V. Regensburg in diesem Jahr nach Breslau ein. „Zwischen kirchlicher Disziplin und gesellschaftlichen Ansprüchen. Der Seelsorgeklerus in den Auseinandersetzungen mit den Zeitströmungen des 19. Jahrhunderts – am Beispiel preußischer Diözesen“ lautete das Thema. Es ließ in seiner Formulierung schon so manches von Spannungen erahnen, die das Jahrhundert zwischen Aufklärung, Säkularisation, deutscher Revolution 1848, Kulturkampf und Vorabend des Ersten Weltkriegs bestimmten.

Der erste Institutsvorsitzender Msgr. Dr. Paul Mai konnte rund 40 Tagungsteilnehmer begrüßen. Als eine gute Entscheidung erwies sich die Wahl des Priesterseminars Breslau als Tagungshaus, vermittelte es doch als neugotischer Backsteinbau vom Ende des 19. Jahrhunderts viel von der Atmosphäre der Zeit, von der die Rede war. Außerdem war dieses Haus das Zentrum der Priesterausbildung des Bistums Breslau, das unter den damals preußischen Diözesen zu den größten zählte.

Bei dieser deutsch-polnischen Tagung übernahm neben Professor Dr. Rainer Bendel (Tübingen) Professor Dr. Kazimierz Dola (Neisse/Nysa), Kirchenhistoriker und früherer Regens des Priesterseminars in Neisse, als Moderator die Tagungsleitung, ein Zeichen gelungener internationaler wissenschaftlicher Kooperation. Von den elf Referenten stammten fünf aus Polen, sechs aus der Bundesrepublik Deutschland.

Moderator Bendel hob in seiner Einführung hervor, daß der Entwurf eines neuen Priesterbildes im 19. Jahrhundert zwischen Rückzug aus dem öffentlich-sozialen Raum und Engagement in diesem Raum schwankte. In einem Grundsatzvortrag „Klerus und Reform in einem langen 19. Jahrhundert“ unterstrich Bendel, daß Reflexion um abwägendes Mitgehen mit den Veränderungen der Zeit die Seelsorge nach der Aufklärung zunächst bestimmte, römisch-ultramontanes Denken dann aber eine gewisse Abschottung ab der Jahrhunderthälfte nach sich zog.

Mit der „Priesterbildung bei Simon Sobiech (1749–1832)“ beleuchtete Moderator Dola den konkreten Weg der Priesterausbildung in Schlesien Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Sobiech, seit 1780 Spiritual und seit 1790 bis zu seinem Tod 1832 Rektor des Breslauer Alumnats, verwandte viel Energie darauf, in immer neuen Reformanläufen das seit 1731 in Breslau in einem eigenen Haus bestehende Alumnat nach seinen und der Bischöfe von Breslau Vorstellungen zu reformieren. Wegen staatlicher Einsprüche aufgrund finanzieller Förderung des Alumnats seitens des preußischen Staats kam die Reform erst zehn Jahre nach Sobiechs Tod zustande.

Eine Reihe vergleichender Vorträge zog Parallelen zwischen Schlesien und westdeutschen Gebieten. Professor Dr. Hans-Georg Aschoff (Hannover) schilderte „Priester in der Diaspora des 19. Jahrhunderts“. Als Diaspora bezeichnete Aschoff nach traditionellem Verständnis die Situation katholischer Minderheiten in überwiegend protestantischen Gebieten. Als Fallbeispiele für einfallsreiche, erfolgreiche Diasporapfarrer nannte er Wilhelm Nürnberg in Neurönnebeck (Bistum Hildesheim), Carl Ulitzka in Bernau bei Berlin, Ferdinand Piontek in Köslin und Wilhelm Maxen in Hannover-St. Marien.

Dr. Michael Hirschfeld (Vechta) arbeitete den Typus des sozialen Pfarrers in Schlesien und Westfalen heraus. Als exemplarische Arbeitsfelder wählte er die Mäßigkeitsbewegung, die Gründung von Frauenkongregationen für Krankenpflege und den politischen Einsatz für soziale Gerechtigkeit aus. Im Überblick lasse sich – so Hirschfeld – eine Ost-West-Bewegung des sozialen Gedankenguts von Westfalen nach Schlesien feststellen.

Eine weitere Präzisierung in der angerissenen Richtung bot Andreas Gayda (Haltern am See) mit seinem Vortrag „Priesterbilder im oberschlesischen Industriegebiet zur Zeit des Kulturkampfes“. Bezogen auf die urbanen Zentren Oberschlesiens, charakterisierte er Religion und die Rolle der Priester als vertrauenswürdiger Gegenpol zur vielgestaltigen Entfremdungssituation in der sich entwickelnden Industriegesellschaft. Drei Priesterpersönlichkeiten sah er dafür als exemplarisch an: Josef Schaffranek, Pfarrer der Mariengemeinde in Beuthen von 1839 bis 1874, seinen Nachfolger Norbert Bonczyk, schöngeistiger deutsch-polnischer Literat, und Viktor Schmidt, ab 1868 Kurat, von 1875 bis 1917 Pfarrer der Kattowitzer Marienpfarrei.

Ebenfalls den Fokus auf die Kulturkampfzeit richtete Tobias Körfer (Köln): „Priester im Kulturkampf in oberschlesischen Gemeinden im Vergleich“. Speziell die Akzeptanz der sogenannten „Staatsgeistlichen“ wurde hier aufgrund von Presseberichten untersucht. Als „Staatsgeistliche“ oder „Staatspfarrer“ wurden katholische Priester bezeichnet, die sich nach dem „Gesetz über die Vorbildung und Anstellung der Geistlichen“ vom 11. Mai 1873 durch eine ausdrückliche Erklärung mit der staatlichen Gesetzgebung zur preußischen Kirchenpolitik einverstanden erklärten und dann auch staatlicherseits in Pfarreien eingewiesen wurden.

Das Wirken schlesischer Kulturkampfpriester außerhalb des Bistums Breslau im Bistum Regensburg von 1876 bis 1884 beleuchtete Msgr. Dr. Paul Mai. Da als Folge der Kulturkampfgesetze das Breslauer Alumnat im März 1876 geschlossen wurde und die 21 Priesteramtskandidaten im April 1876 in Prag durch Kardinal Schwarzenberg geweiht wurden, verwehrte die preußische Regierung ihnen eine Anstellung im Bistum Breslau. 18 schlesische Priester waren so in der Seelsorge des Bistums Regensburg tätig, eine willkommene Verstärkung angesichts des damaligen Priestermangels.

Die Konflikte um das Unfehlbarkeitsdogma des Ersten Vatikanischen Konzils im schlesischen Klerus thematisierte Professor Dr. Joachim Köhler (Tübingen) anhand der Beispiele Carl Freiherr von Richthofen (1832–1876) und Carl Jentsch (1833–1916). Während Jentsch nach öffentlicher Ablehnung des Syllabus und Unfehlbarkeitsdogmas bereits 1870 suspendiert und 1875 exkommuniziert wurde, erlebte von Richthofen trotz erkennbarer ablehnender Haltung gegenüber dem Unfehlbarkeitsdogma im Herbst 1872 noch eine Erhebung zum residierenden Domkapitular in Breslau. Die ausdrückliche Ablehnung der Infallibilität im Frühjahr 1873 zog dann aber im Mai seine Exkommunikation nach sich.

Die historische Kritik des Breslauer Professors Joseph Hubert Reinkens am schlesischen Klerus führte Professor Dr. Lydia Bendel-Maidl (München) vor Augen. Abgehandelt wurde von ihr der Konflikt um die Aussagen Reinkens in der Festschrift „Die Universität zu Breslau vor der Vereinigung der Frankfurter Viadrina mit der Leopoldina“ 1861. Als Schmähung wurden die Behauptungen Reinkens empfunden, daß die Bevölkerung Schlesiens im Mittelalter eine Mischung polnischen und deutschen Blutes gewesen sei, daß die Breslauer Domschule in den ersten fünf Jahrhunderten nicht so wirkmächtig gewesen sei, daß eine Universität hätte gegründet werden können, und daß die Jesuiten in der Leopoldina methodisch nicht auf der Höhe der Zeit gelehrt hätten. In der Folge wurde Reinkens als Bestreiter der Unfehlbarkeit des Papstes 1870 suspendiert. Er wurde zum Mitbegründer der altkatholischen Kirche in Deutschland und deren erster Bischof (1871–1890).

Themen zum Ermland und zu Westpreußen steuerten polnische Referenten bei: Professor Dr. Andrzej Kopiczko (Allenstein/Olsztyn) befaßte sich mit „Gottesdiensten und Predigten in der Diözese Ermland im 19. Jahrhundert“. Professor Dr. Wojciech Zawadzki (Elbing/Elblag) dokumentierte „Schicksale der Franziskaner-Patres in Westpreußen in der Zeit der Aufhebung ihrer Klöster“. Der Vortrag über typisch schlesischen „Witz und Humor bei den Priestern im 19. Jahrhundert“ von Prof. Dr. Jan Gorecki (Ruda Slaska) wurde wegen Erkrankung des Referenten verlesen.

Eine qualifizierte Stadtführung von Professor Dr. Jan Harasimowicz durch die gotischen Kirchen Breslaus und die Universität schloß die wissenschaftlich ertragreiche deutsch-polnische Tagung ab. Die Vorträge werden voraussichtlich in einem Band der „Forschungen und Quellen zur Kirchen- und Kulturgeschichte Ostdeutschlands“ erscheinen.

Werner Chrobak (KK)

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