Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1362.

Es war noch nie so

… dass es nicht irgendwie gewesen wäre. Die Europäische Akademie Külz–Kulice besteht trotz gebrochener Vereinbarungen ungebrochen

Als die Stettiner Universität im Jahr 2012 die mit der Stiftung Europäische Akademie Külz–Kulice geschlossene Vereinbarung zur Nutzung des Tagungsgebäudes in Külz–Kulice kündigte und der Leiterin Lisaweta von Zitzewitz auf unwürdige Art den Stuhl vor die Tür setzte, unkte manch einer: „Das ist das Ende von Külz!“ Nun, die Pessimisten haben sich geirrt. Obwohl die Europäische Akademie derzeit keinen festen Standort hat, ist sie nach wie vor aktiv und setzt ihre im Jahr 1995 begonnene Verständigungsarbeit zwischen Deutschen und Polen trotz organisatorischer Schwierigkeiten erfolgreich fort. Es finden weiterhin deutsch-polnische Begegnungen statt, und im Rahmen der von der Akademie begründeten Publikationsreihen: „Zeszyty Kulickie/Külzer Hefte“ und „Schlösser und Gärten in der Wojewodschaft Westpommern“ sind in der letzten Zeit weitere Hefte unter redaktioneller Leitung von Lisaweta von Zitzewitz erschienen.S3--Titelseite-Der-Erste-Weltkrieg

Das 10. Külzer Heft, „Familie Wisniewski aus Stolp. Biographische Skizzen“, stellt drei Persönlichkeiten vor, die in der Stadt Stolp verwurzelt sind. Es sind Mitglieder der Familie von Bruno Wisniewski, der 1923 mit seiner Frau Edith Wisniewski, geborene Berndt, nach Stolp zog. Hier wurden 1926 ihre Tochter Roswitha und 1930 ihr Sohn Edgar geboren. Das Heft zeichnet auf 158 Seiten die Schaffensperioden von Bruno, Roswitha und Edgar Wisniewski nach. Ihre Leistungen, Wirkungen und Nachwirkungen werden aus unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchtet und gewürdigt. Wie immer hat Lisaweta von Zitzewitz für das Heft kenntnisreiche Autoren gefunden, deren Reigen sie selbst mit dem Vorwort eröffnet. Ihr Blick richtet sich vornehmlich auf Roswitha Wisniewski und auf persönliche gemeinsame Erlebnisse. Roswitha Wisniewski selbst gestattet einen kurzen Einblick in das Leben ihrer gutbürgerlichen Familie in Stolp in der Zeit von 1923 bis 1945. Sie schildert das Leben ihres Vaters, des Architekten Bruno Wisniewski, und weist auf Bauten hin, die er in Stolp und Kosemühl hinterlassen hat. Die Bauten werden nicht nur mit Worten, sondern auch mit Fotos, meist aus der Vorkriegszeit, vorgestellt. Hinzu kommen architekturgeschichtliche Bemerkungen zu diesen Bauten von Valeska von Rosen-Wisniewski. Die beiden vorgenannten Beiträge sind sowohl in deutscher als auch in polnischer Fassung zu lesen.

Roswitha Wisniewskis facettenreiches Leben wird in sechs Beiträgen beleuchtet. Elsbeth Vahlefeld bringt uns in zwei Beiträgen Roswitha Wisniewski näher, zum einen wird ihre besondere Verbundenheit zu Stolp und Słupsk, zum anderen ihr Verdienst als Autorin des Buches „Geschichte der deutschen Literatur Pommerns“ gewürdigt. Charlotte Pawlowitsch-Hussein schildert die Karriere Roswitha Wisniewskis als Germanistin und Hochschulprofessorin. Hier sei erwähnt, dass sie als erste Frau auf einen Lehrstuhl der Philosophischen Fakultät in Heidelberg berufen wurde. Auf ihre parlamentarische Laufbahn und ihre politischen Ziele geht ihre Weggenossin in der CDU, Dorothee Wilms, ein. Beide waren zur selben Zeit (1976–1994) Bundestagsabgeordnete. Auf das nachhaltige Wirken von Roswitha Wisniewski am Departement für Germanistik an der Cairo University in den Jahren 1965–1967 geht Franz-Joachim Jagow ein. Dort hat sie entscheidend zum Aufbau dieser Fakultät beigetragen. Henning von Köller erinnert an ihr segensreiches Engagement in schwierigen Zeiten für den Külzer Förderverein und damit auch an ihr Wirken für die Europäische Akademie Külz–Kulice.

Edgar Wisniewski, der an der TU Berlin Architektur studierte und Vorlesungen bei seinem späteren Partner Hans Scharoun im Fach Städtebau hörte, wird uns von Lisaweta von Zitzewitz unter dem Titel „Ein Leben für das Berliner Kulturforum“ nähergebracht. Edgar Wisniewski hat die Staatsbibliothek entworfen und nach dem Tod von Hans Scharoun den Kammermusiksaal nach dessen Ideenskizze verwirklicht. Als seine Lebensaufgabe hat er die Weiterentwicklung des Kulturforums im Sinne von Scharoun angesehen, leider ist das Problem der Bebauung des Kulturforums bis heute nicht gelöst. Edgar Wisniewski starb 2007 in Berlin.

Über die Geschehnisse des Ersten Weltkriegs im Westen gibt es umfassende Dokumentationen. Anders sieht es dagegen in Hinblick auf die Auseinandersetzungen während dieses Krieges im Osten und die damit zusammenhängenden Auswirkungen auf die Beziehungen der kriegsteilnehmenden Staaten aus. Zum einen sind dazu bisher nur wenige aussagefähige Quellen erforscht worden, zum anderen wird der Erste Weltkrieg durch den Zweiten Weltkrieg mit seinen gravierenden Veränderungen im Osten Europas überlagert.

Die Dokumentation „Der Erste Weltkrieg unter dem Gesichtspunkt der deutsch-polnischen Beziehungen. Beiträge einer Tagung in Trieglaff und Külz, 13.–15. September 2012“ (Heft 11) gibt Referate der Tagung der Europäischen Akademie Külz–Kulice wieder, in denen deutsche und polnische Wissenschaftler verschiedene Aspekte und Facetten rund um den Ersten Weltkrieg untersuchen.

Rudolf von Thadden befasst sich mit der Frage, wie der Erste Weltkrieg in Polen und im Westen, zum Beispiel in der unmittelbar an Polen grenzenden Provinz Pommern, wahrgenommen wurde. Roman Tomaszewski, Słupsk/Stolp, kommt in seinem umfassenden und mit geschichtlichen Fakten gestützten Vortrag „Polen zwischen Russland und Deutschland zur Zeit des Ersten Weltkriegs“ zum Ergebnis, dass das geteilte Polen auf die Kriegssituation besser eingestellt war als Russland und Deutschland und dass in Polen starke gesellschaftliche Kräfte den Prozess der neuen Staatenbildung Polens begünstigten. Gangolf Hübinger und Werner Benecke, beide Europa-Universität Viadrina, Frankfurt an der Oder, befassen sich mit Vorstellungen des Deutschen Reiches hinsichtlich der Behandlung Polens während des Ersten Weltkriegs. Hübinger stellt die „Mitteleuropa-Konzeption“ dar, die wegen des Kriegsverlaufs nicht verwirklicht wurde. Benecke geht auf die „Vergessene Okkupation“, die deutsche Besatzung im östlichen Teil Polens in den Jahren 1915–1918, ein. Mit der Besatzungspolitik des Deutschen Reiches in den Gebieten Litauens, Weißrusslands, Lettlands und Estlands im Ersten und im Vergleich dazu im Zweiten Weltkrieg beschäftigt sich Jörg Hackmann, Universität Szczecin/Stettin. „Selbstmord oder Rückkehr. Europa in den Jahren 1914–2014“, dieser Thematik widmet sich schließlich Jan M. Piskorski, ebenfalls Universität Szczecin/Stettin. Obwohl Europa, vor allem die EU, heute mehr denn je auf der Kippe steht, erinnert Piskorski daran, dass sich die Idee eines vereinten Europas trotz schrecklicher Ereignisse der vergangenen hundert Jahre bisher behaupten konnte. S5--Titelseite-Mosty-Speck

In der Publikationsreihe „Schlösser und Gärten der Wojewodschaft Westpommern“, die von der Stiftung Europäische Akademie Külz–Kulice in Zusammenarbeit mit dem Freundeskreis Schlösser und Gärten der Mark herausgegeben wird, sind bereits sechs Hefte erschienen. Verantwortliche Redakteurin ist Lisaweta von Zitzewitz. Die wissenschaftliche Redaktion hat Sibylle Badstübner-Gröger übernommen. Das neueste Schlösserheft Nr. 7, „Mosty/Speck“, widmet sich der fast vergessenen kleinen Ortschaft Speck, die zur Gemeinde Gollnow in Hinterpommern gehört. Autor dieser Darstellung in deutscher und polnischer Sprache ist Józef Kazaniecki, der aus Krzecin/Kranzin stammt und seit 2010 in der Stadt- und Gemeindeverwaltung Goleniów/Gollnow für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist.

Speck gehörte über Jahrhunderte den Familien von Flemming und von Petersdorff, bis schließlich die Familie von Flügge, aus dem Hamburger Umland stammend, Mitte des 19. Jahrhunderts Eigentümer des Gutes wurde. Angehörige dieser Familie lebten dort bis 1945. Umfassend wird die Baugeschichte des Herrenhauses beginnend mit dem Jahre 1302 bis in die heutige Zeit mit den vielfachen An- und Umbauten dargestellt. Heute befindet sich der stattliche Bau in Privatbesitz. Er soll nach Instandsetzungen für Ausstellungen und Begegnungen genutzt werden. Zum Anwesen gehören ein Wirtschaftshof und ein Gutspark mit altem Baumbestand. Wirtschaftshof und Park werden in der Dokumentation umfassend beschrieben, das gilt auch für die Kirche, die sich mitten im Dorf befindet. Sie stammt aus dem 15. Jahrhundert, wurde mehrfach umgebaut und weist mehrere Ausstattungsgegenstände aus deutscher Zeit auf. Erhalten ist eine Kirchenglocke, die bereits von Hugo Lemcke 1910 in „Die Bau- und Kunstdenkmäler des Regierungsbezirks Stettin“, Band 2, erwähnt wird.

Zur Dokumentation gehören zahlreiche Fotos vom Herrenhaus, von den Wirtschaftsgebäuden und der Kirche aus der Zeit vor 1945, ergänzt durch aktuelle Aufnahmen. Beigefügt ist außerdem ein umfangreiches Literaturverzeichnis mit Hinweisen auf einschlägiges deutsches und polnisches Schriftgut.

Die Herausgabe wurde finanziell gefördert von der Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit, der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien und dem Verein zur Förderung der deutsch-polnischen Zusammenarbeit e. V. Die Hefte können bestellt werden bei: Lisaweta von Zitzewitz, akademiakulice@pro.onet.pl.

Hannelore Schardin-Liedtke/
Elsbeth Vahlefeld (KK)

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