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Ausgaben: Ausgabe 1383.

„Europa erlesen“

Lojze Wieser zum 30-jährigen Jubiläum seines Verlags

Lojze Wieser: Im dreißigsten Jahr – Weitere Anmerkungen eines Grenzverlegers. Wieser Verlag, Klagenfurt 2017, 404 Seiten, 14,95 Euro

„Barabbas war ein Verleger“, hat Lord Byron einst gestichelt. 1964 prangte das Diktum im Titel der deutschen Ausgabe von Wiliam Jovanovichs bissigen Ausführungen über moderne Verleger und ihre Autoren. Dort sah ich es und zitierte es oft im Umgang mit Verlegern. Bis ich 1994 auf der Frankfurter Buchmesse Lojze Wieser kennenlernte, den Ausnahme-Verleger aus Klagenfurt, wo er 1954 zur Welt kam, in Celovec, wie er als Kärntner Slowene lieber sagt. 1994 hat es einen Anschlag auf ihn gegeben, worauf ihm Präsident Václav Havel aus Prag Verbundenheit und Solidarität bekundete. Ich machte damals mit Wieser ein Interview für den Deutschlandfunk (DLF), das er jetzt in seine Auto-, Verlags- und Werkbiographie „Im dreißigsten Jahr“ aufnahm.

1987 gegründet, hat der Wieser Verlag mit seinen ästhetisch und inhaltlich ansprechenden Büchern („für billig gemachte Bücher sind wir zu arm“) eine respektable Leistungsbilanz erarbeitet: Knapp 1000 Bücher mit einer Gesamtauflage von 1,3 Millionen Exemplaren ediert, 22 000 Rezensionen bekommen, 1700 Lesungen und Pressekonferenzen veranstaltet, Präsenz auf 45 Buchmessen etc. Die Bilanz kann beeindrucken, weniger der Ertrag, denn leider „hat jedes von uns verlegte Buch im Schnitt um 800 Euro zu wenig eingebracht“. Schlimmer noch: Boshafte Attacken von Marcel Reich-Ranicki und Hellmuth Karasek im Literarischen Quartett verursachten einen „Schaden von einer Million Schilling“ und brachten den Verlag „an den Rand des Bankrotts“. Im 24. Verlagsjahr musste Wieser Insolvenz anmelden, hatte zum Glück aber Freunde und Förderer an seiner Seite, die ihm mit einer Auffanggesellschaft, Buchpatenschaften und anderen Mitteln aus einer bedrohlichen Lage halfen.

Lojze Wieser, ehemaliger „Marketingchef einer Versicherungsgesellschaft“, nennt schon auf den ersten Seiten, was ihn letztlich motiviert: „Leidenschaft des Büchermachens“, „Stolz auf Erreichtes“ und „Neugier“ auf Kommendes. Mehr oder minder dürfte das auf jeden Verleger zutreffen, aber Wieser ist mit seiner Spezialisierung auf Osteuropa – „Kennzeichen osteuropäischer Literatur ist, dass sie nicht bekannt ist“ – von vielseitigstem „Schlag“. Er gibt auf Foren oder vor Messe-Mikrofonen kundig über Literaturen und Kulturen Auskunft, bezirzt Standbesucher mit slowenischem Prsut (Schinken), Käse und Wein, empfiehlt sich zudem mit der kulinarischen TV-Sendung „Der Geschmack Europas“ als multipler Moderator. Und er ist in seinem verlegerischen Metier von beneidenswertem Einfallsreichtum.

In Europa existieren „gut 400 Sprachen und Kulturen“, von denen die osteuropäischen auf der „dunklen Kehrseite“ liegen. Vor 100 Jahren sprach in Kärnten jeder Dritte Slowenisch, heute ist es jeder 45. Buchumschläge mit „unaussprechlichen“ diakritischen Zeichen finden nur schwer zu Lesern. 2016 veröffentlichte der Wieser Verlag die Dissertation von Ivo Andric über bosnische Kultur zur Zeit der Türkenherrschaft, 1924 in Graz verfasst, und fragte dann auf Buchmessen nach dem Autor: Acht von zehn Besuchern kannten den Nobelpreisträger von 1961 nicht. Was dem weltbekannten Serben widerfuhr, dürfte dem Sorben Lorenc, dem Kroaten Krleža, dem Tschechen Gruša, dem Albaner Podrimja u. a. erst recht passieren, wären sie bei Wieser nicht gut aufgehoben.

Arrogant oder ignorant mögen andere sein, Wieser wagt mehrbändige Ausgaben der Werke angeblich Unbekannter, weil ihm Kultur die „Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln“ ist. Mittel findet er immer neue, z. B. Reihen, die bereits Kultstatus genießen: ab 1998 die „Wieser Enzyklopädie des Europäischen Ostens“, später „Wieser Taschenbuch“, „Gehört Gelesen“ u. a. Allen voran aber steht seit 1997 „Europa erlesen“ (bis Februar 2017 200 Bände, 10 000 Texte von über 3000 Autoren aus 50 Sprachen), welches Verleger-Kollege Siegfried Unseld als „Mutter aller Reisebücher“ lobte.

Reisebücher? Ich genieße sie als literarische Mini-Enzyklopädien, seit ich 2002 daran beteiligt war, mit der Einführung in 500 Seiten „Terra Bosna“, die 150 Koautoren füllten, von mittelalterlichen Tagebuchautoren bis zum Bremer Hans Koschnik, 1994 bis 1996 EU-Verwalter von Mostar.

Wieser, der laut Eigenaussage alles, was er hatte, in die Bekanntmachung der unbekannten Literatur „geschmissen“ hat, sieht seine Zukunft gelassen, die des Buchwesens besorgt: „Das, was wir durchmachten, ist für uns Vergangenheit, kann aber schon bald Zukunft für die Branche sein. Der Gebrauchswert der Literatur ist in seine letzte Phase eingetreten.“

Wolf Oschlies (KK)

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