Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
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Ausgaben: Ausgabe 1382.

Fake News auf Russisch

Um die Opferzahlen des vorigen Jahrhunderts hat es ein Verwirrspiel gegeben, bei welchem selbst oberste Führer nicht mehr durchblickten

Selber sehen, selber denken, selber malen ist Sache des Künstlers, eine oft schmerzliche Berufung, wie man bei diesem „Selbst“ von Hansjürgen Gartner aus der Ausstellung der KünstlerGilde (s. S. 28) erkennt. Doch Selbsterkenntnis ist nicht jedem gegeben, weit verbreitet ist sie schon gar nicht – und immer seltener, je weiter man in Europa nach Osten kommt
Bild: der Maler

Seit 72 Jahren feiert Moskau an jedem 9. Mai „unseren großen Sieg“ – mit rückläufigem Enthusiasmus. 2017 ertönte wieder das offizielle Bramarbasieren russischer Politiker und Militärs: „Wir Russen“ haben die „deutschen Faschisten“ allein besiegt, ganz ohne Beteiligung von „Sowjetvölkern“ oder alliierter „Anti-Hitler-Koalition“. Dabei klang 2017 in den offiziellen „Sieges“-Reden bereits deutlicher Selbstzweifel an: Warum ständig Reminiszenzen an Krieg und „Heldentum“ beschwören, wenn russische Soldaten und Polizisten besser gegen „internationalen Terror“ und „organisierte Kriminalität“ mobil machen sollten?

Der 9. Mai gilt längst als „Feiertag seniler Weißhaarschläfen“, der jungen Menschen kaum noch etwas sagt. Details erkundete das (2016 geschaffene) „Zentrum für Studenten-Soziologie“ von Irina Wolodtschenko: 7232 Jungakademiker aus 30 Regionen hat man befragt und so ein repräsentatives Meinungsbild erhalten. Für 68 Prozent sind die „Siegesfeiern“ lediglich Aufmärsche von „Veteranen voller Orden“, den historischen Bezug kennt man nur aus Lehrbüchern für Geschichte und „Filmen aus der Sowjetzeit“, Effekte für die „patriotische Erziehung“ sieht nur eine Minderheit, 56 Prozent empfinden keinen Stolz auf Land und Volk.

Der „Tag des Sieges“ ist ein arbeitsfreier Feiertag mit vielen Appellen zum „Patriotismus“, dem die russische Realität Hohn spricht: „Heldengräber“ verfallen, „ewige Feuer“ verlöschen, Buchstaben bröckeln von Namenstafeln zum „ewigen Ruhm“, um „Memoriale“ häufen sich leere Wodkaflaschen und gebrauchte Drogenspritzen. Wenn „Veteranen“ freiwillig Ordnung schaffen wollen, werden sie von Bürokraten per „nagonjaj“ (Anschiss) verjagt. Junge Russen denken gar nicht an solche Aktionen, für sie bedeutet Patriotismus laut Umfragen „Streben nach Veränderungen im Lande, die eine Zukunft in Würde garantieren“. Daran wird Putins Russland gehindert durch Rubel-Schwäche, Erdöl-Preisverfall und westliche Sanktionen. Ihre konkreten Klagen haben Jugendliche Putin am 15. Juni über dessen pseudo-plebiszitäre TV-„Direktverbindung“ aufgelistet: Mängel im Gesundheitswesen (81 Prozent), in der Bildung (79 Prozent), in der Wirtschaft, beim Kampf gegen Korruption (77 Prozent), in der Jugendpolitik (66 Prozent) etc.
Ein russischer Patriot ist verpflichtet, „sein Land gegen Angriffe und Beschuldigungen zu verteidigen“. Was immer das heißen mag, gegenwärtig verheißt es viel Mühe bei der „Verteidigung“: Russlands Image leidet darunter, dass 1944/45 in Osteuropa seine Führer als Erpresser, seine Soldaten als Räuber und Vergewaltiger auftraten, wie es schon 1969 der Tito-Biograph Vladimir Dedijer in seinem Weltseller „Izgubljena bitka J. V. Staljina“ (Die verlorene Schlacht J. W. Stalins) bitter beschrieb. Dedijer bezog sich auf Erfahrungen Jugoslawiens, das sich aus eigener Kraft und ohne fremde Hilfe befreit hatte. Im übrigen Osteuropa wurde das erst viel später möglich, z. B. in der Tschechoslowakei, wo man die Rote Armee jahrzehntelang als „Befreier“ feiern musste. Anfang Mai 2017 konterte die Prager Zeitschrift „Týden“ (Woche) das laute russische „Sieges“-Eigenlob mit einer Sondernummer „Verbrechen der Roten Armee in der CSR: Morde, Vergewaltigungen, Entführungen“. Andere Presseorgane äußerten sich ähnlich, und das Fazit der Tschechen war, zum Entsetzen der Russen: „Im Mai 1945 wurde eine Okkupation gegen eine zweite ausgewechselt“.

Gegen auswärtige Kritik und inländische Gleichgültigkeit hilft nur altbackene Propaganda: Putin gründete im September 2016 die „Patriotische Militärbewegung Junge Armee“ (Junarmija), sein Verteidigungsminister Sergej Schojgu ließ in dem Moskauer Vorort Kubinka ein „Modell“ des Berliner Reichstags bauen, das russische Kinder in einem „Sommer-Militärlager“ erstürmen sollen. Und ähnliche „tschepucha“ (Unsinn) mehr, was kaum Wirkung hat. Also ging man 2017 vom Selbstlob zum Selbst-mitleid über: Niemand versteht uns, keiner kennt unsere immensen Opfer im Krieg, und was man sonst so an Geschichtsklitterungen vorbringt.

Selbst russische Historiker wissen und sagen, dass „Stalins Pakt mit Hitler das Tor zum Zweiten Weltkrieg aufstieß“. Hungersnöte in den 1920-er Jahren, politischer Terror in den 1930-ern, Kriegstote in den 1940-ern und erneuter Terror in den frühen 1950-ern waren die blutige Bilanz des Stalinismus. Aber das bestreiten jene, die mit statistischen Tricks die alte Siegeseuphorie aufpolieren wollen. Aktuell tätiger statistischer Taschenspieler ist der frühere Marineoffizier, heute als Historiker sich gerierende Egor E. Schtschekotichin, der im Mai 2017 eigene Archivforschungen präsentierte: „Dort, wo der Stiefel des deutschen Soldaten hintrat, ist jeder dritte Einwohner umgekommen“, was sich zu 31 bis 40 Millionen Kriegstoten summiert.

Niemand bestreitet, dass die Sowjetunion ungeheure Kriegsopfer gebracht hat – wie auch kaum jemand den offiziellen Angaben glaubt. Die sowjetischen Statistiken weisen einfach zu viele Löcher, Lücken und Lügen auf, als dass sie das Ausmaß menschlichen Leids glaubwürdig spiegeln würden. Wie der russische Militärhistoriker Georgi Kumanow 2005 berichtete, hat es um die Opferzahlen ein jahrzehntelanges Verwirrspiel gegeben, bei welchem selbst oberste Führer nicht mehr durchblickten. 1946 beauftragte Stalin die Staatliche Planungskommission mit eingehenden Ermittlungen. Deren „Bilanz“ belief sich auf 16 Millionen, was Stalin überhöht erschien. „Lassen wir es bei 7 Millionen“ befahl er, und mit eben dieser Zahl „operierte“ sein Außenminister V. Molotow im Sommer 1947 bei der Pariser Konferenz der Siegermächte. 1957 begann man mit der Arbeit an einer sechsbändigen Kriegsgeschichte, wofür eine eigene „Brigade“ erneut Opferzahlen ermittelte und auf „über 25 Millionen“ kam. Das gefiel dem damaligen Parteichef Chruschtschow nicht, der anordnete: „Schluss jetzt, schreiben Sie: über 20 Millionen!“ Dabei blieb es bis in die 1980-er Jahre, als eine gemischte Kommission des Verteidigungsministeriums und der Akademie der Wissenschaften 26 Millionen dokumentierte. Im Mai 1990 ließ Gorbatschow zählen und kam auf „fast 27 Millionen“. 2005 verkündete Putin (der 2018 letztmalig zur Präsidentenwahl antreten wird), dass „die Sowjetunion rund 50 Millionen Menschen verloren“ habe.

Niemand bestreitet, dass die Sowjetunion ungeheure Kriegsopfer gebracht hat – wie auch kaum jemand den offiziellen Angaben glaubt. Zu viele Löcher, Lücken und Lügen in den Statistiken.

Wo sind die Beweise dafür? Bis 1989 waren Zahlen zum Gulag strenges Staatsgeheimnis, also war auch das Schicksal der rund 1,1 Millionen aus deutscher Kriegsgefangenschaft heimgekehrten Rotarmisten fraglich, die Stalin alle als „Verräter“ ansah und oft genug umbringen ließ.Der Stalin-Biograph Boris Suvarin hat 1977 den Bevölkerungsverlust des Stalinismus auf 100 Millionen Menschen beziffert. Nur der kleinste Teil waren Kriegstote, weit mehr hingegen „versteckte“ Regimeopfer.

Das wissen und rügen längst auch Demographen wie Anatolij Wischnewskij: „Bis heute ist es guter Ton, an das Heldentum der Kriegsjahre zu erinnern und die Schuld Stalins zu verschweigen, der das Land nicht auf den Krieg vorbereitet hatte, dessen Verteidigungsaktionen anfänglich Stümperei waren und der spätere Siege nur durch ‚verschwenderischen‘ Umgang mit Menschenleben errang.“ Diese „Verschwendung“ blieb den Menschen lange verborgen, weil die „Fälschung demographischer Daten“ in der Sowjetunion Alltag war. Wenn Verluste nicht gleich als „melotsch“ (Kleinkram) abgetan wurden, wie Wischnewskij erläuterte: Von Dezember 1939 bis März 1940 führte Stalin seinen „Winterkrieg“ gegen Finnland, der die Rote Armee mindestens 127 000 Tote und 265 000 Verwundete kostete. Von diesem „Kleinkram“ erfuhr die Öffentlichkeit lange nichts und misstraut seit jeher älteren und neueren Zahlenangaben, was Herolde wie Schtschekotichin mit theatralischen Appellen übertönen wollen: „Unser Volk hat eine grausame Tragödie durchlebt. Und es wäre ein schrecklicher Verrat, wenn wir deren Opfer vergäßen.“

Wolf Oschlies (KK)

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