Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1383.

Familiär nicht nur mit polnischen Familiennamen

Der Ostmitteleuropaforscher Johannes Hoffman wird 80

Wer in den fünfziger Jahren die Aufstellungen von Fußballmannschaften im Ruhrgebiet studierte, war immer wieder erstaunt darüber, dass manche der dort aufgeführten Spieler polnische Nachnamen hatten. So gab es in der deutschen Nationalmannschaft, die am 4. Juli 1954 drei Tore gegen Ungarn schoss, einen Anton Turek. Und nach dem Sieg rückten zwei neue Spieler in die Nationalmannschaft auf: der Düsseldorfer Erich Juskowiak und der Wuppertaler Horst Szymaniak. Das alles konnte man sich vage damit erklären, dass mit der Aufteilung Polens zwischen Russland, Österreich-Ungarn und Preußen im 18. Jahrhundert polnische Gebiete von erheblichem Umfang ins Königreich Preußen eingegliedert worden waren und damit 1871 auch ins Deutsche Kaiserreich, deren Bewohner dann ins Ruhrgebiet einwanderten, wo es Arbeit gab.

Wer genauer informiert sein will, der greift zu den beiden umfangreichen Bänden (458 und 500 Seiten) eines „Lexikons der Familiennamen polnischer Herkunft im Ruhrgebiet“, das 2006 und 2010 bei der Forschungsstelle Ostmitteleuropa an der Universität Dortmund erschienen ist. Herausgeber sind Kazimierz Rymut, Direktor des Instituts für polnische Sprache in Krakau, und Johannes Hoffmann, Leider der Dortmunder Arbeitsstelle Ostmitteleuropa, der am 9. August seinen 80. Geburtstag feiern konnte. Beide Wissenschaftler haben 30 000 Familiennamen mit polnischen Wurzeln ermittelt, der erste Band wird eingeleitet mit einem Abriss der Geschichte polnischer Einwanderer ins Ruhrgebiet von 1870 bis 1945.

Dass Johannes Hoffmann Schlesier ist, war bei dieser Themenwahl ganz sicher von Bedeutung. Er wurde 1937 in der oberschlesischen Stadt Bad Ziegenhals geboren. Die Familie floh, als die Front 1945 näher rückte, und kehrte nach Einstellung der Kampfhandlungen nach Schlesien zurück. Eine Woche vor Ostern 1946 aber wurden die Hoffmanns aus Bad Ziegenhals vertrieben und fanden ein neues Zuhause im Münsterland. In Dortmund besuchte Johannes Hoffmann von 1949 an das Staatliche Humanistische Gymnasium und bestand dort Ostern 1958 das Abitur. Danach ging er zur Bundeswehr und leistete seinen Wehrdienst ab, ehe er Geschichte, Latein, Geografie, Philosophie und Pädagogik studierte, zunächst in Freiburg/Breisgau, dann an der Freien Universität Berlin und in Münster.

Bis 1972 hat er als Studienrat und Oberstudienrat unterrichtet. Dann aber übernahm er 1973 als wissenschaftlicher Leiter die Forschungsstelle Ostmitteleuropa an der Universität Dortmund, die 1952, damals unter dem Namen Ostdeutsche Forschungsstelle, gegründet worden war. Dort konnte er eine breitgefächerte Tätigkeit entfalten und, zuletzt als Akademischer Oberrat, bis zum Eintritt in den Ruhestand 2002 eine Reihe wissenschaftlicher Projekte begründen und befördern. Zugleich beteiligte er sich als Mitglied des Kuratoriums der Stiftung Deutsche Kultur im östlichen Europa – OKR an deren Publikationen.

Da er auch die polnische Sprache beherrscht, was bei seinem Fachgebiet unabdingbar ist, sind ihm Forschungsergebnisse zugänglich, die anderen verschlossen sind. Allein die Anzahl der wissenschaftlichen Werke, für die er als Herausgeber verantwortlich war, ist mehr als beachtlich: So sind in den vier Buchreihen nicht weniger als 123 Titel erschienen. Es ist ihm weiterhin gelungen, in Ostmitteleuropa, besonders in Polen, neue Mitarbeiter ausfindig zu machen und sie für die Bearbeitung bestimmter Themen zu gewinnen; das gelang ihm dann auch mit DDR-Historikern wie Manfred Wille in Magdeburg und Wolfgang Meinicke in Ostberlin.

Ein Höhepunkt in der Editionstätigkeit Johannes Hoffmanns war das bis heute einmalige Standardwerk „Der ungeheure Verlust. Flucht und Vertreibung in der deutschsprachigen Belletristik der Nachkriegszeit“ (1988) des deutsch-amerikanischen Germanisten Louis Ferdinand Helbig, das 1996 in der dritten Auflage erschien. Dieses Buch wie auch die vorausgegangene Aufsatzsammlung „Sie hatten alles verloren. Flüchtlinge und Vertriebene in der sowjetischen Besatzungszone Deutschlands“ (1993), herausgegeben von Manfred Wille, Johannes Hoffmann und Wolfgang Meinicke, erschienen im Wiesbadener Harrassowitz-Verlag.

Beim Stöbern im Publikationsverzeichnis der Forschungsstelle findet man auch Bücher, die seltenen Themen gewidmet sind, etwa Hans Pörnbachers „Joseph Freiherr von Eichendorff als Beamter“ (1963). Unter dem Titel „Erlebte Geschichte zwischen Pregel und Rhein“ (1880) hat der Königsberger Journalist Wilhelm Matull seine Lebensgeschichte aufgeschrieben, die Johannes Hoffmann veröffentlicht hat. Kaum jemand weiß noch, dass er auch Verfasser eines Buches über „Ostpreußens Arbeiterbewegung“ (1970) ist. Genannt werden soll auch Ernst-August Brenneisens Autobiografie „Stationen eines Lebens. Ein ostpreußischer Bauer erzählt“ (1992), weil sie Einblicke gibt in eine längst entschwundene Welt.

Um ein derart gewaltiges Buchprogramm zu realisieren, muss man ein großer Anreger sein wie Johannes Hoffmann, der Fachleute anspricht, ihnen Zuspruch und Ratschläge gibt. Es ist ein weiter Weg von der ersten Anregung bis zum fertigen Manuskript und zum gedruckten Buch. Das alles geleistet zu haben über Jahrzehnte, ist das große Verdienst Johannes Hoffmanns.

Jörg Bernhard Bilke (KK)

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