Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1380.

Flinkes Eisen

Das reiche Spektrum schlesischer Schienenverbindungen entfaltet sich im berschlesischen Landesmuseum Ratingen

Auch viel herb stählerne Schönheit schuf einst die Kraft, die die Welt bewegte
Bilder: der Autor

Wer im Foyer des Museums einen Erwachsenen- oder Kinder-„Fahrschein“ zur Besichtigung der Ausstellung löst, begibt sich auf eine informative und spannende „Fahrt“ durch die ereignisreiche Geschichte der Eisenbahn in Schlesien.
Anhand einer Fülle von Exponaten, Dokumenten, Kursbüchern, Landkarten, Archivfotografien, Uniformen, Modelleisenbahnen sowie von aktuellen Panoramabildern und lebendigen Videosequenzen von Landschaften und Bahnhöfen in Polen und Tschechien wird ein Bogen aus der Vergangenheit bis in die Gegenwart gespannt. An einigen Stationen können interessierte Besucher mittels Audioguide weiterführende Informationen rund um die Exponate erhalten. Die Eindrücke aus verschiedenen Epochen lassen sich zu einem umfangreichen Gesamtbild verbinden, wobei deutlich wird, welch umwälzenden wirtschaftlichen und sozialen Vorteile die Eisenbahn für die ganze Gesellschaft mit sich gebracht hat.

Zwar wurde die erste schlesische Eisenbahnstrecke von Breslau nach Ohlau 1842 – sprich: vor 175 Jahren – feierlich eröffnet, doch gab es bereits 1802 eine Pferdeeisenbahn von der Königsgrube zur Königshütte in Oberschlesien. Es lagen auch Pläne vor, die Bahnanbindung voranzutreiben, doch die Ausführung wurde verzögert. Erst in den Jahren nach der ersten deutschen Eisenbahnverbindung von Fürth nach Nürnberg, gebaut 1835, brach das Eisenbahnzeitalter auch in Preußen an. 1938 begann der Dampfzugverkehr zwischen Berlin und Potsdam. Am 21. Mai 1842 nahmen an der historischen Eröffnungsfahrt der Oberschlesischen Eisenbahn-Gesellschaft in Breslau 200 Fahrgäste teil.

Die Wucht der Industrialisierung, hier wird sie so ins Bild gesetzt, dass Furcht und Hoffnung heute noch spürbar werden – zumal sie ja immer noch aktuell sind

In der Ausstellung wird mit viel Hintergrundinformation auf den schrittweisen Ausbau des oberschlesischen Eisenbahnnetzes verwiesen und dessen Geschichte mit Bildern und Dokumenten illustriert. Allerdings haben nicht nur die schlesischen Machthaber die Vorteile der Eisenbahn erkannt, sondern auch andere Unternehmer und Landbesitzer.

So etwa war die durchgehende Verbindung zwischen Berlin und Wien bereits 1848 möglich, weil auf der österreichisch-schlesischen Seite ebenfalls ein Industrierevier durch die Kaiser-Ferdinand-Nordbahn (KFNB) die Anbindung an die Hauptstadt suchte. In kurzer Zeit wurden mehrere Bahngesellschaften gegründet, die den Bau der Eisenbahnstrecken organisierten und diese auch betrieben. So etwa wurden die Rechte-Oder-Ufer-Eisenbahn, die Niederschlesisch-Märkische Eisenbahn und die Breslau-Freiburger Eisenbahn ins Leben gerufen.

Dr. Stephan Kaiser, Direktor des OSLM und Kurator der Ausstellung, erklärt, dass das Eisenbahnnetz Schlesiens zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu den dichtesten und modernsten in Deutschland gehörte. Eine typisch schlesische Errungenschaft sei das dichte Schmalspurnetz für den Güterverkehr zwischen den Hütten und Gruben. Das Spektrum von Schlesiens Bahnwelten erstrecke sich – so Dr. Kaiser – von der Bahnidylle über die Tristesse nicht mehr genutzter Bahnzeugnisse bis hin zu Nostalgiefahrten mit der Hotzenplotzbahn.

In einem der Ausstellungsbereiche steht die Streckenkunde im Fokus, die neben schlesischen Landschaften auch historische und gegenwärtige Facetten der Bahn veranschaulicht. Zu den Besonderheiten gehören die frühe Elektrifizierung der Schlesischen Gebirgsbahn als gesamtdeutsche Versuchsstrecke sowie die beeindruckend schnelle Verbindung zwischen Berlin und Wien. Mit Bildern und Objekten werden zahlreiche bahntypische Zeugnisse in Szene gesetzt. Zu sehen sind u. a. Wassertürme und Wasserkräne, Lokschuppen und Drehscheiben, Signale und Telegrafenleitungen, Stellwerke und Kilometersteine. Zahlreiche Motive hat Stephan Kaiser auf seinen Dokumentations-Reisen nach Schlesien mit eigener Kamera eingefangen.

Da die Eisenbahn übrigens auch aus der Sicht des Bahnarbeiters und des Fahrgastes sowie unter den Aspekten der Stadtentwicklung, der Betriebsabläufe, der Betriebstechnik und der Technikgeschichte betrachtet wird, sind auch Blickfang-Exponate wie etwa der signierte Bronzeguss „Hüttenarbeiter mit Speichenrad“ von Ernst Seger und verschiedene Uniformen ausgestellt. Zu sehen sind ein Gala-Uniformrock der Königlich Preußischen Staatseisenbahnen um 1890, ein Uniformrock der Königlich Preußischen Staatseisenbahnen für einen zum Zugführer geprüften Schaffner, um 1910, sowie eine Uniformjoppe der Deutschen Reichbahn-Gesellschaft mit roter Dienstmütze für einen Eisenbahninspektor, um 1925. Nicht zu übersehen sind die zahlreichen Fotografien von Bahnhöfen, darunter ein Bild des Breslauer Hauptbahnhofs (Wrocław Główny). Das Gebäude wurde von 1855 bis 1857 für die Oberschlesische Eisenbahn und die Breslau-Posen-Glogauer Eisenbahn erbaut und von 2010 bis 2014 grundlegend saniert und modernisiert.

Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Typenkunde der Loks und Waggons aus verschiedenen Epochen. Gezeigt werden u. a. Modelle im Maßstab 1:87 von drei zeittypischen Regionalzügen mit dazu gehörenden Fotoreproduktionen. Es handelt sich um Personenzüge mit vielen Türen, die von 1900 bis 1950 eingesetzt wurden, um einen Nebenbahnzug mit Tenderlock pr. T 9, der von 1890 bis 1930 fuhr, sowie um eine Ganzstahlkonstruktion aus den 1930-er Jahren. Nicht zu übersehen ist das Modell im Maßstab 1:5 „Güterzuglok G 4 Essen 625“, das 1899 in der Eisenbahn-Hauptwerkstätte Breslau gefertigt wurde. Dazu passen die Modelle im Maßstab 1:87, die einen „Güterzug mit Schlepptenderdampflokomotive G10/BR 57“ und einen „Personenzug mit Tenderlok“ darstellen. Das in die Ausstellung integrierte Eisenbahnabteil aus Tschechien verlockt so manchen Besucher zu einer imaginären Bahnreise.

Zu den „Schlesischen Bahnwelten“ sind eine Begleitschrift sowie zwei kommentierte Streckenkarten der beiden schlesischen Reichsbahndirektionen Breslau und Oppeln aus der Mitte der 1930er Jahre erschienen.

D. G. (KK)

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