Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1387.

Geben war ihr die liebste Gabe

Ein letzter Text von Roswitha Wisniewski

Übertroffen wurde ihre Gelehrsamkeit nur von ihrer Güte: Roswitha Wisniewski
Bild: privat

Es war das übliche Prozedere: Wenn die Vizepräsidentin unserer Stiftung und geschätzte Autorin Professor Dr. Roswitha Wisniewski etwas schreiben wollte oder geschrieben hatte, fragte sie freundlich an, ob Interesse an dem Thema bestehe – was sie hätte voraussetzen können – und nach der gewünschten Länge – die sie ebenfalls bestens abschätzen konnte. Aber in einem Leben für Wissenschaft und Politik, zumal Kulturpolitik, wie es Klaus Weigelt vor einem Jahr zur ihrem 90. Geburtstag angemessen gefeiert hat (KK 1372 vom 25. September 2016), hat sie nicht nur Fleiß und Akribie, Bildung und Tüchtigkeit geübt, sondern stets freundliche Rücksicht. Auch jetzt, Ende November, kam ihr Text erst nach der telefonischen Anfrage, und der Post folgte sogar eine Nachfrage: Er sei ja viel zu lang, wie man ihn denn am besten kürzen könne. Dabei hatte schon die Lektüre gezeigt, dass es sich hier um weit mehr als eine Buchbesprechung handelt: Von dem Buch ausgehend hat Roswitha Wisniewski ihr Bekenntnis zu Pommern ausformuliert. Und wie wir am 3. Dezember erfahren mussten, gleichsam ihr Vermächtnis. Wir legen es hier vor und werden es in Ehren halten. ____________________________________________________________________

Um es vorab zu sagen: Das Buch beschränkt sich keineswegs auf die Beschreibung oder Analyse von Bauwerken in Hinterpommern, wie man dem Untertitel nach vermuten könnte, es bietet vielmehr in vielen beispielhaften Aspekten und in persönlichen Einzelbetrachtungen eine auf das östliche Hinterpommern bezogene kurze Kulturgeschichte bis 1945.

Am Anfang steht ein knapper historischer Überblick, den Ausführungen in späteren Kapiteln ergänzen. Wie bekannt, setzte nach der Abwanderung germanischer Stämme aus dem Raum südlich der Ostsee (zwischen 500 und 700 n. Chr.) die Einwanderung von Slawen ein. Durch die Christianisierung und den Zuzug von, teilweise angeworbenen, Siedlern aus dem westlichen Europa erfolgte jedoch ab dem 12. Jahrhundert eine starke Umwandlung. Das erinnert an Helmold von Bosaus Feststellung in seiner Chronik vom Ende des 12. Jahrhunderts: ,,Das ganze Gebiet der Slawen … wie es sich zwischen Ostsee und Elbe … bis nach Schwerin erstreckt, … ist nun durch Gottes Gnade vollständig verwandelt worden gleichsam in ein einziges Siedlungsland der Sachsen; da werden Städte und Dörfer angelegt, da vervielfältigt sich die Zahl der Kirchen und der Diener Christi.“ Im östlichen Hinterpommern aber bildete sich in der Gegend von Stolp, Bütow und Lauenburg eine ,,heidnische lnsel“ heraus. Die wendische Sprache blieb hier jahrhundertelang im Gebrauch, so dass bis etwa 1885 in den Kirchen Predigten auch in kaschubischer Sprache gehalten wurden.
Das kulturelle und politische Werden Hinterpommerns begann unter der Herrschaft der slawischen Greifen-Dynastie. Erhebliche Veränderungen ergaben sich infolge des Dreißigjährigen Krieges, dann durch die Eingliederung in den preußischen Staat, durch die nationalsozialistische Machtübernahme und nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs durch die Zuordnung Hinterpommerns zum polnischen Staat.

Hinweise auf die Christianisierung und die Reformation im östlichen Raum Hinterpommerns werden im Zusammenhang mit der Kirche von Budow geboten. Ein eigenes Kapitel ist der Darstellung der Erweckungsbewegung gewidmet. Altlutheraner und Pietisten spielten im Raum um Greifenberg, Schlawe und Stolp eine bedeutende Rolle. Sie hielten an der reinen Lehre Luthers fest und lehnten die von den preußischen Königen Wilhelm III. und Wilhelm IV. geförderte unierte Kirche mit dem Zusammenschluss von lutherischen und reformierten Gläubigen ab. Im Mittelpunkt dieser Bewegung stand in Pommern die Familie von Thadden, deren Herrenhaus sich in Trieglaff in der Nähe von Kolberg befindet. Ein Fanal des in adligen Kreisen in Pommern verbreiteten Widerstandes gegen nationalsozialistische Unterdrückung bildet die Hinrichtung der Elisabeth von Thadden-Wieblingen.

Gedeckte Farben, wer sie aber zu sehen, zu lesen weiß, sieht die Schönheit, die in diesen Ostseeland- und -seeschaften liegt. Beständigkeit im Wandel ist ein Wert, den nur Menschen erhalten und weitergeben, zumal jene aus dieser Landschaft:
Carl Knauf, Dünenzug auf der Nehrung
Bild: Ostpreußisches Landesmuseum, s. S. 30

Ein besonderes Verdienst der Autorin ist es, dass sie die Pflege des geistigen Weiterlebens des deutsch geprägten Hinterpommerns nach der Zuordnung zu Polen in vielen kulturpolitischen Einrichtungen und Vereinen registriert. Neben der Pommerschen Landsmannschaft wird vor allem das Wirken der Europäischen Akademie Külz–Kulice beschrieben. Durch die Begegnung von Deutschen und Polen und durch die Einsatzbereitschaft von Menschen, die hier für das Werden deutsch-polnischer Verbundenheit wirkten, wuchsen das gegenseitige Vertrauen und das lnteresse am europäischen Nachbarn. Besondere Verdienste erwarben sich hierbei Lisaweta von Zitzewitz (ehemals Stolp) und llona Zwierz (jetzt ansässig in Slupsk).
Als typische Lebensräume der hinterpommerschen Bevölkerung stellt Elsbeth Vahlefeld als repräsentative Stadt Stolp vor. Deren Kern bildet die Altstadt mit Giebelhäusern und Kirchen. Entlang der ehemaligen mittelalterlichen Stadtmauer und teilweise auf deren Resten wurden moderne Straßen und Häuser errichtet– so etwa entstand das vom Architekten Bruno Wisniewski ca. 1930 erbaute Haus an der Ringstraße in einer Reihe von alten Häusern, eingefügt in die Stadtmauer. Da diesem und einem benachbarten Haus eine bis in die Gegenwart fortgesetzte Bebauung zu einem Ring neuzeitlicher Bauten, z. B. auch mit Anschluss an das Kaufhaus Zeeck, folgte, wurde der Verlauf der alten Stadtmauer städtebaulich bewahrt.

Eingehend berichtet die Autorin über die technische Modernisierung Stolps und des Umlandes im 19. Jahrhundert. Das geschah vor allem durch den Bau von Eisenbahnlinien, zu denen die Stolper Talbahn gehörte. Wasserleitungen und Stromversorgung, die das Leben auf dem Land erheblich erleichterten, wurden z. B. im Umkreis des Dorfes Muttrin auf Initiative des dortigen Gutsbesitzers Friedrich-Karl Nicolaus Constantin von Zitzewitz eingerichtet. Sie blieben sein Eigentum, doch erhielten die Gutsleute und andere Bewohner das Recht bzw. die Möglichkeit zur Nutzung.

Ein herausragender Lebensraum waren in Hinterpommern auch Schlösser mit umliegenden Wohn- und Wirtschaftsgebäuden, Sitze adliger Familien. Da vielfach Wert auf herrschaftlich gestaltete Wohnsitze gelegt wurde, gibt es in Hinterpommern so manches Schloss und namentlich seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs viele Schloss-Ruinen. Die Autorin berichtet von einer Reise, bei der solche Bauten aufgesucht wurden. Ein Besuch galt dem Schloss in Muttrin. Sehr genau berichtet die Autorin vom überaus freundlichen Empfang durch die inzwischen polnischen Besitzer des Anwesens, das trotz mancher Veränderungen den Besuchern ein Gefühl der Vertrautheit vermittelte. Dazu trug vor allem auch der teilweise noch verwilderte Park bei.

Wichtigsten Lebensraum aber bildeten in Hinterpommern zahlreiche Dörfer. Die Autorin wählt ihren Geburtsort, das Dorf Muttrin, als Beispiel und beschreibt es ausführlich. Muttrin, ein kleines Angerdorf, liegt im Kreis Stolp, südlich von der Stadt an der Straße nach Bütow. Angerdörfer bestehen aus Gehöften und dem Anger, dem Gemeinschaftsplatz, auf dem sich üblicherweise Kirche und Schule sowie Wirtshaus und Schmiede befinden. Oft schließt eine Hecke Anger und Gehöfte gegen die Flur ab, so dass der Anger als nächtlicher Sammelplatz für das Vieh benutzt werden konnte. ln Muttrin liegt das Gut mit dem Schloss und zahlreichen Stallungen und Wirtschaftsgebäuden im östlichen Teil des Dorfes. Dieser Komplex ist mit einer Mauer umgeben. Eine Kastanienallee führt in den Gemeindemittelpunkt. Etwas außerhalb des Dorfes lag der inzwischen verschwundene Friedhof.

Wie für viele hinterpommersche Dörfer ist es auch für Muttrin typisch, dass seine Geschichte mit der eines Adelsgeschlechtes verbunden war. Muttrin war seit Mitte des 14. Jahrhunderts im Besitz der Familie von Zitzewitz, so dass die Geschichte des Ortes zusammen mit der einiger seiner Gutsherren und deren Ehefrauen erzählt werden kann. MehrereVertreter des Muttriner Adelsgeschlechts hatten hohe politische Positionen inne. So war Jacob von Zitzewitz als Kanzler einer der bedeutendsten Staatsmänner des Herzogtums Pommern in der Reformationszeit. Der letzte Gutsherr Muttrins, Friedrich-Karl Wilhelm Ernst Nikolaus von Zitzewitz, erlitt wie alle Hinterpommern 1945 die Vertreibung. Er engagierte sich in der Politik und war auch wegen seiner Kenntnisse in Sachen Landwirtschaft sehr gefragt. Ein besonderes Anliegen war ihm der Kontakt mit den ehemaligen Mitarbeitern des Gutes, die nun in Westdeutschland lebten oder in der alten Heimat zurückgeblieben waren.

Die Autorin wendet sich auch über Muttrin hinausgehend intensiv der gesellschaftlichen Gruppe der Pfarrer, Wissenschaftler, Lehrer, Künstler und Schriftsteller zu. Meist von außerhalb in die Gemeinschaft der Bewohner eines Dorfes oder einer Stadt eingefügt, nahmen sie durch Ausbildung und berufliche Aufgaben eine gewisse Sonderstellung ein. Einige haben sich wissenschaftlichen Ruhm und hohe Anerkennung erworben.

Zu nennen ist vor allem Rudolf Virchow, weltbekannt durch sein medizinisches Wirken und seine Forschungen zur Vorgeschichte. Er wurde in Schivelbein geboren und blieb sein Leben lang dieser hinterpommerschen Stadt verbunden. lhrer Geschichte galten seine frühesten Veröffentlichungen. Aus Labes an der Rega stammte der Altertumswissenschaftler Otto Puchstein, Professor in Freiburg. lhn verehrte der polnische Geschichtslehrer Czelaw Szawiel so sehr, dass er es durchsetzte, dass Puchstein im Jahr 2002 durch einen Gedenkstein geehrt wurde. Der in Stettin geborene Kunsthistoriker Franz Theodor Kugler schrieb eine Pommersche Kunstgeschichte und schuf das zum Volkslied gewordene Gedicht ,,An der Saale hellem Strande / stehen Burgen stolz und kühn …“, das bis zum heutigen Tag in seinem romantischen Glanz lebendig geblieben ist. Pastor Georg Gotthilf Jacob Homann, geboren in Budow, nahe Muttrin, und dort wirkend, widmete sich neben seinen Amtspflichten der wissenschaftlichen Erfassung der pommerschen Pflanzenwelt. Er verfasste das bis heute benutzte und anerkannte dreibändige Werk „Flora von Pommern“ (1828 bis 1835). Zu großen Erfolgen brachte es auch der Hilfsschullehrer und Heilpädagoge Franz Frenzel, der 1900 in Stolp die Leitung einer ,,Klasse für schwachsinnige Kinder“ übernahm, aus der sich eine Hilfsschule entwickelte. Sie bestand bis 1945. Durch seine Veröffentlichungen wurde Frenzel zu einem weithin anerkannten Fachmann auf dem Gebiet der Förderschulen und des Hilfsschulwesens, das sich erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts herausbildete. Zu den Lehrern, die neben ihrem Beruf wichtige wissenschaftliche und kulturelle Beiträge leisteten, gehörte auch Hermann Bohm, Lehrer in Stolp. Er schuf Landkarten, die nicht nur für die Schulkinder von großer Bedeutung waren. Reinhold Schardin, Rektor der Schule in Hebrondamnitz, Kreis Stolp, Honorarprofessor für die von ihm begründete angewandte Physik an der Universität Freiburg, war ein großer Musikliebhaber und ein anerkannter Bienenzüchter.

Auffallend ist, dass seit ersten Aufzeichnungen zur Geschichte Pommerns das Wesen dieses Menschenschlages immer wieder Erwähnung findet.

Allgemein bekannt ist die Anziehungskraft, die die hinterponrmersche Landschaft auf Künstler ausübte und immer noch ausübt. Neben Lyonel Feininger, Max Pechstein und Karl Schmidt-Rottluff weist die Autorin auf mehrere Maler hin, die im hinterpommerschen Ostseeraum den Schwerpunkt ihres Schaffens fanden. Besonders genannt und gewürdigt werden Günter Machemehl, Otto Priebe und Heinrich Eugen von Zitzewitz, dessen Buch „Mit dem Pinsel durch Hinterpommern“ die unverbrüchliche Verbundenheit mit Pommern auch nach 1945 in ergreifender Weise verdeutlicht.

Pommersche Schriftsteller widmeten sich mit Vorliebe der Geschichte des Landes, so Johann Ernst Benike, Benno genannt, der bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts mehrere historische Romane veröffentlichte und auch eine Geschichte der Stadt Stolp schrieb. Auffallend ist, dass seit den ersten Aufzeichnungen zur Geschichte Pommerns das Wesen dieses Menschenschlages immer wieder Erwähnung findet. So erklärt bereits im 16. Jahrhundert der in Stralsund geborene Thomas Kantzow: ,,Sunst aber ists ein auffgericht, trewe, verschwigen Folck, das die Lugen und Schmeichelwort hasset …“. Ahnliche Worte fand bekanntlich Friedrich der Große, und noch das Werk des die deutsche Literatur der Nachkriegszeit prägende Hans Werner Richter, „Deutschland, deine Pommern“, setzt den Akzent der Darstellung auf die Kennzeichnung des pommerschen Menschenschlages.

Elsbeth Vahlefeld gebührt für dieses Buch zur deutschen Kulturgeschichte Hinterpommerns großer Dank. Es vermittelt viel Wissenswertes, das in umfassenderen Werken zur gesamten pommerschen Geschichte, Kultur und Lebensart nicht geboten werden kann. Die charmante Art der Kombination von persönlichem Erzählen und Vermittlung von allgemein Wissenswertem wird dem Leser durch vorzügliche Register erleichtert. Das gilt vor allem für die deutsch-polnische und die polnisch-deutsche Konkordanz der Ortsnamen und das ergänzende Ortsverzeichnis. Das Buch wird zur Erhaltung der geistigen Existenz des deutschen Hinterpommerns gewiss viel beitragen, und es wird die Verbindung von Polen und deutschen Pommern in der europäischen Gemeinschaft festigen.

Roswitha Wisniewski (KK)

Elsbeth Vahlefeld: Hinterpommern. Vergessene Dörfer – Kleine Städte – Große Namen. Elmenhorst/Vorpommern. Edition Pommern 2017, 253 S.

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