Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1387.

Gleichsam verwunschen, doch hilft kein Wünschen

Die Öffnung Königsbergs vor 25 Jahren – Rückblick und heutige Perspektiven

Steinern ödes Auftrumpfen mitsamt rotdrapiertem Triumphator Wladimir, damals noch Lenin, dokumentierte der OKR anhand amtlicher Kaliningrader Ansichtskarten
Bilder: OKR-Bildband „Königsberg“, siehe Seite 10

Das Königsberger Gebiet, heute Kaliningradskaja Oblast, ist das einzige früher zum Deutschen Reich gehörige Gebiet in Europa, zu dem es keinen freien Zugang gibt. Auch die Öffnung dieses Gebietes vor 25 Jahren nach 43-jähriger hermetischer Abriegelung erlaubt nur den Zugang für Reisende, die zuvor ein Visum erworben haben. Die Kaliningradskaja Oblast ist eine russische Insel mit beschränktem Zugang innerhalb der von Freizügigkeit geprägten Europäischen Union. Sie ist also bis heute ein politischer Anachronismus.

Nach der Eroberung Königsbergs durch die Rote Armee am 9. April 1945 befanden sich noch etwa 110 000 Deutsche in der Stadt. Ihre Zahl nahm durch Willkürmaßnahmen der Besatzer, Krankheit (Typhus, Ruhr, Malaria, Diphtherie), Hunger (Dystrophie), Entkräftung und Freitod 1945 und 1946 rapide ab. Am 4. Juli 1946 wurde die Stadt in Kaliningrad umbenannt. Ende 1947 begann die Evakuierung der überlebenden deutschen Bevölkerung, die zu dieser Zeit noch etwa 20 000 Menschen zählte.

Über 90 000 waren in den zweieinhalb Jahren nach der Eroberung der Stadt auf oft unsäglich grausame Weise zu Tode gekommen. Im Laufe des Jahres 1949 wurden die Deportationsmaßnahmen abgeschlossen. In Kaliningrad befanden sich keine deutschen Bewohner mehr.

Diese Königsberger Tragödie hat Hans Graf von Lehndorff in seinem „Ostpreußischen Tagebuch“ aufgeschrieben und für alle nachfolgenden Generationen wenigstens im Geiste nachvollziehbar gemacht.

Zahlreiche andere Zeitzeugen und spätere Autoren widmeten sich in Büchern und Dokumentationen dem Königsberger Inferno. Erinnert sei an die Bücher von Hugo Linck, Wilhelm Starlinger oder Anneliese Kreutz. Bis in die heutige Zeit beschäftigen sich Autoren mit den schrecklichen Jahren 1944–1948 in Königsberg und Ostpreußen, wie die Bücher von Ruth Kibelka (2001), Nina Merian (2007) und Freya Klier (2014) beweisen.

Doch konnte unter demselben kyrillischen Signet auch das schiere Gegenteil gezeigt werden, die Dom-Ruine, verloren im ungewissen Grün der Pregel-Auen

Nach der Evakuierung Königsbergs war die Stadt über 40 Jahre lang sowjetisches Sperrgebiet. Nachrichten drangen, wenn überhaupt, nur spärlich aus der Kaliningradskaja Oblast. In dieser Zeit versuchten die Sowjets, wie Markus Podehl in seinem Buch „Architektura Kaliningrada“ (2012) gezeigt hat, in mehreren Anläufen, der zerstörten Stadt ein neues Gesicht zu geben, was jedoch zumal im Zentrum bis heute nicht gelungen ist. Vor allem die gegen den Widerstand weiter Bevölkerungskreise erfolgte Zerstörung der Schlossruine 1968, deren Los beinahe auch die Königsberger Dom- und Kathedralkirche von 1333 geteilt hätte, verwüstete das Zentrum vollends. Das später errichtete „Haus der Räte“ neben dem Ruinenfeld des Alten Schlosses war für lange Zeit das Siegeszeichen der Eroberer.

Aufschluss über das Sperrgebiet gaben neben gelegentlichen Presseberichten von Journalisten, denen die Sowjets eine Einreisegenehmigung erteilt hatten, nur zwei Königsberger Fachleute. Peter Wörster vom Herder-Institut in Marburg publizierte bereits seit Ende der 1970-er Jahre Informationen über Verwaltung, Bevölkerung und Wirtschaft sowie über das politische und kulturelle Leben im nördlichen Ostpreußen nach 1945. Wörster veröffentlichte auch wissenschaftlich erarbeitete deutsch-russische und russisch-deutsche Ortsnamen- und Straßennamenverzeichnisse.

Schließlich legte er als Erster eine Denkschrift zu Fragen der Denkmalpflege und Gestaltung des historischen Stadtbildes für Königsberg (Kaliningrad) nach 1945 vor.
Der zweite Pionier war der Königsberger Willy Scharloff, dem es mit Hilfe litauischer Freunde gelungen war, 1980 unerkannt in die Oblast einzureisen und dort zahlreiche Fotos zu machen. Dabei kam ihm seine in der Jugend erworbene Ortskenntnis zu statten. Die Ergebnisse veröffentlichte Willy Scharloff 1982 in dem aufsehenerregenden Bildband „Königsberg – damals und heute. Bilder aus einer verbotenen Stadt“, der zugleich zur Grundlage wurde für hunderte von Lichtbildvorträgen, die Scharloff bundesweit vor tausenden von Landsleuten und anderen Interessierten in den 1980er Jahren hielt. Im Buch und in den Vorträgen stellte er jeweils historische Stadtaufnahmen seinen aktuellen Fotos gegenüber, deren erschütternde Realität starke Emotionen hervorrief.

Demgegenüber versuchte die sowjetische Botschaft in Bonn mit illustrierten Artikeln über Kaliningrad in ihrer Informations- und Propagandaschrift „Sowjetunion heute“ 1987 und 1988 ein positiveres Bild von der Stadt, vierzig Jahre nach der Schließung, zu zeichnen. Schon damals wurde vermutet, dass die Publikation der Artikel auf die bevorstehende Öffnung der Region und der Stadt vorbereiten sollte. Erste Wirtschaftsvertreter und auch die Kuratoren der 1989 gegründeten gemeinnützigen Stiftung Königsberg GmbH konnten schon 1990 nach Kaliningrad reisen.

Der Durchbruch erfolgte schließlich im Frühjahr 1991. Die Sowjetunion öffnete die Oblast für private Besucher, die mit einem Visum – das ist leider bis heute so geblieben – die Region und Kaliningrad besuchen durften, wobei Sperrzonen einer Sondergenehmigung bedurften. Auch das ist bis heute so geblieben, die Zahl der Sperrzonen hat sich inzwischen wieder erhöht.

Die Öffnung verursachte einen wahren Andrang von Menschen, die ihre Heimat wiedersehen wollten. Tausende machten sich auf den Weg, allein oder in Gruppen, ausgerüstet mit historischem Kartenmaterial, und suchten die Spuren ihrer Eltern und Großeltern, ihre Häuser und Gehöfte in der Weite des nördlichen Ostpreußen, das 43 Jahre lang kein Deutscher betreten hatte. Es waren Reisen voller tränenreicher Enttäuschungen, aber auch von erstaunter kleiner Freude, wenn ein Zeugnis aus der Vergangenheit entdeckt, ein Haus, ein Teich, ein Baum wiedererkannt, als Zeichen überlebender Heimat identifiziert werden konnten.

Der Autor selbst war an seinem 50. Geburtstag im Mai 1991 in seiner Heimatstadt und schaute morgens aus dem Hotelfenster direkt auf die gegenüberliegende Front der Universität. Einen ganzen Tag durchstreifte er die Stadt von der nicht mehr existenten Stelle seiner Geburt in der Giesebrechtstraße hinter der Universität, um den Schloßteich, auf den Kneiphof zum Dom und zum Kantgrab, weiter zum Hauptbahnhof, dann über den Steindamm zum Schauspielhaus und zum Tiergarten und wieder zurück über den Hansaring und den Hansaplatz bis zum Hotel „Kaliningrad“. Eine Karte war für diesen Rundgang nicht nötig. Königsberg war fest eingegraben durch Erzählungen und Lektüre, auch wenn natürlich alles anders und vieles überhaupt nicht mehr da war.

Die Anfangsjahre nach der Öffnung waren voller Hoffnung. Zwei Jahre lang bereitete man gemeinsam in deutsch-russischen Arbeitsgruppen das 450-jährige Universitäts-Jubiläum der Albertina vor, das 1994 mit über eintausend Wissenschaftlern aus zahlreichen Ländern in Kaliningrad feierlich begangen werden konnte. Aber dann begannen auch die Schwierigkeiten. Die Hilfssendungen von deutscher Seite nach der russischen Wirtschaftskrise 1998 wurden von amtlicher russischer Seite nicht gern gesehen und behindert. Ein Lungenfacharzt, der sich der Tuberkulose-Prophylaxe in der Oblast, vor allem für Kinder, verschrieben hatte, wurde ausgewiesen, weil er nach Ansicht der Behörden mit dem Hinweis auf Tuberkulose die Russische Föderation verunglimpft hatte.

Die Vorbereitungen für die 750-Jahr-Feier der Stadt im Jahre 2005 fanden, trotz intensiver Bemühungen der Königsberger in den Jahren 2003 und 2004, nicht mehr statt. Das offizielle Russland beging Anfang Juli 2005 das Jubiläum mit höchsten deutschen und französischen staatlichen Repräsentanten; auch Polen und Litauen waren nicht geladen. Die Königsberger und Kaliningrader Bürger feierten Anfang August 2005 ohne Presse und behördliche Repräsentanz mit gut besuchten Veranstaltungen, Ausstellungen, Gottesdiensten und Konzerten im Dom, im Evangelischen Gemeindezentrum, in zahlreichen Museen und in der Kirche zur Heiligen Familie (Konzerthalle).

Man kann nicht sagen, dass sich das deutsch-russische Verhältnis in Königsberg/Kaliningrad nach der positiven Anfangsphase in der ersten Hälfte der 1990-er Jahre normalisiert hätte. Die Schikanen bei der Einfuhr von humanitären Hilfssendungen oder des Ausstellungsgutes für die erste Kant-Ausstellung nach dem Krieg im Jahre 2009, die Schließung des Deutsch-Russischen Hauses Ende 2016 unter abenteuerlichen Vorhaltungen und das wachsende Misstrauen der Russisch-Orthodoxen Kirche gegen alles Deutsche unter Verwendung des absurden Vorwurfs der „Regermanisierung“ sind keine guten Voraussetzungen für eine ersprießliche und freundschaftliche Zusammenarbeit. Allerdings ist sie auf der Arbeitsebene mit vielen russischen Freunden und kulturellen Einrichtungen in Kaliningrad seit mehr als zwei Jahrzehnten gang und gäbe.

Auch die jüngsten Behinderungen in Kaliningrad bei der Vorstellung russischer Übersetzungen von Werken des Dichters Ernst Wiechert oder der in Tilsit von russischer Seite erhobene Faschismus-Vorwurf, ausgerechnet anlässlich einer Ausstellung zum 100. Geburtstag des Dichters Johannes Bobrowski, zeigen, dass es ganz offensichtlich mit der Öffnung der Region 1991 noch nicht getan war. Es bedarf noch einer langen Zeit der Gewöhnung, zahlreicher vertrauensbildender Maßnahmen und einer langmütigen Geduld.

Es besteht eine gewisse Hoffnung, dass der für April 2018 geplante Internationale Kongress in Kaliningrad zur Stammzellenforschung, an dem die Stiftung Königsberg maßgeblich beteiligt ist, zur wechselseitigen Vertrauensbildung beiträgt. Dem Kongress liegt die historische Tatsache zugrunde, dass 1868 der Königsberger Pathologe Ernst Christian Neumann (1834–1918) die Blutbildung im Knochenmark entdeckte.

Ein anderes zentrales Ereignis steht mit dem 300. Geburtstag des Königsberger Weltweisen Immanuel Kant im Jahre 2024 bevor. Auch hier zeigen sich in bilateralen Gesprächen die russischen Partner sehr interessiert. Mehrfach wurde das Thema bereits auf höchster Ebene in Kaliningrad erörtert. Im Deutschen Bundestag in Berlin wird in einer interdisziplinären Arbeitsgruppe bereits seit dem Beginn der Kant-Dekade 2014–2024 an der Vorbereitung des Ereignisses gearbeitet. Die Kant-Dekade wurde am 13. Oktober 2014 in der Parlamentarischen Gesellschaft in Berlin mit einem Festvortrag von Bundestagspräsident Norbert Lammert eröffnet. Seitdem hängt in der Bibliothek des Gebäudes ein Kant-Bildnis als Leihgabe der Stiftung Königsberg.

Es liegt in beiderseitigem Interesse, die besondere Lage der Kaliningradskaja Oblast als Insel innerhalb der Europäischen Union, 600 km von Moskau entfernt, in ihrem Brückenpotential für politische, wirtschaftliche und kulturelle Zusammenarbeit zwischen der Russischen Föderation und Deutschland zu nutzen. Vor allem für die Russische Föderation kann das nur Vorteile bringen.

Die Königsberger und ihre russischen und deutschen Freunde haben in den vergangenen 25 Jahren gezeigt, dass sie in jeder Hinsicht bereit und in der Lage sind, an einer eigenen russisch-deutschen Identität der Kaliningradskaja Oblast mitzuwirken, ohne revanchistische Absichten oder Gedanken an eine „Regermanisierung“, auch wenn Königsberg für sie und ihre Nachkommen selbstverständlich und natürlich immer Heimat bleiben wird.

Klaus Weigelt (KK)

«

»