Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1266.

In memoriam Dagmar von Mutius

Ihre Ausstrahlung bestand in Hilfsbereitschaft und Bescheidenheit, ihr Werk besteht

In den Morgenstunden des 5. November ist in ihrem Hause in Heidelberg-Schlierbach die Schriftstellerin Dagmar von Mutius entschlafen. Sie war eine wunderbare Frau.

Am 17. Oktober 1919 war sie im heutigen Oslo (damals Kristiania) geboren worden, wo ihr Vater als deutscher Gesandter in Norwegen wirkte. Von diesem hochgebildeten Mann, der später auch deutscher Botschafter in Bukarest war, aber leider schon 1934 gestorben ist, hat sie eine wesentliche Prägung erfahren. Die dadurch angelegte Haltung wurde weiter gefestigt durch ihre Mutter, eine geborene von Bethmann, mit der sie immer verbunden blieb.

Ihre Heimat im engeren Sinne war Schloß Gellenau bei Bad Kudowa in der Grafschaft Glatz. Dieses Gut der Familie von Mutius war ihr besonders ans Herz gewachsen. In Landwirtschaft ausgebildet, widmete sie sich seit 1942 der Verwaltung des Gutes und diente dem heimatlichen Boden nach der Besetzung durch Russen und Polen als Landarbeiterin bis 1946.

Durch die Vertreibung aus Schlesien kam sie schließlich ins Alte Land in der Nähe von Hamburg, wo sie wiederum auf dem Lande arbeitete, in einem Zentrum des Obst- und Gemüsebaus.In Heidelberg war sie dann als Buchhändlerin tätig, wo sie ihre Kunden durch ihre ausgebreitete literarische Kenntnis und ihr menschliches Einfühlungsvermögen in einer Weise beraten konnte, wie man sie heute kaum noch im Buchhandel antrifft.

Den Kern ihres Wirkens jedoch bildete die allmähliche Abfassung bedeutender epischer Werke. Schon in den 60er Jahren publizierte sie bei Vandenhoeck & Ruprecht in Göttingen. Ihre Geschichten (z. B. „Versteck ohne Anschlag“) fanden beim Publikum große Anerkennung. Ihr Werk „Wetterleuchten“, das ihr Leben im Krieg und in der Nachkriegszeit zum Gegenstand hat, zeigt ihre Sprachkunst in Behutsamkeit und Klarheit auf dem Höhepunkt. Auf diesem Niveau folgten „Draußen der Nachtwind“ und „Begegnungen am Rande der Tage – Einladung in ein altes Haus“.

Diese Meisterin der Sprache war in ihrer ganz auf die Zuwendung zum Nächsten angelegten Persönlichkeit stets eine Helferin für andere Schriftsteller, die mit dem Verlust der Heimat auch einen großen Teil ihres Publikums verloren hatten. Als geschäftsführendes Mitglied der Jury für den Eichendorff-Literaturpreis des Wangener Kreises und als langjährige Vorsitzende dieser Vereinigung von Schriftstellern und bildenden Künstlern aus dem historischen deutschen Osten hat sie ihren Kollegen die verdiente Anerkennung zu verschaffen gewußt. Wer unter ihrer Leitung aus seinen Schriften lesen konnte, war zumindest um einige Schritte der öffentlichen Wirkung näher gekommen.

Auch zu den Menschen, die nach dem Krieg mit ihr zusammen auf Gut Gellenau arbeiteten, nahm sie nach der Vertreibung, stets auf Hilfe bedacht, Verbindung auf, sobald dies möglich war. So leistete sie als Mensch ebenso wie als Schriftstellerin und Vorsitzende des Wangener Kreises schon früh einen Beitrag zur Versöhnung von Deutschen und Polen, die als Völker das büßen mußten, was ihre Herrscher in ihrem Wahn angerichtet hatten. Zu ihrer großen Freude ist kurz vor ihrem Tode ihr Werk „Draußen der Nachtwind“ in polnischer Übersetzung erschienen.

Ihre Haltung in allen schweren Wirrnissen des Lebens war bewundernswert. Geprägt durch evangelisches Christentum und durch humanistische Bildung bestand ihre Ausstrahlung in Hilfsbereitschaft und Bescheidenheit. Man kann auf verschiedene Art Vorbild für andere Menschen sein. Dagmar von Mutius war es in einer Weise, die ebenso anrührend wie unvergeßlich ist.

Eberhard G. Schulz (KK)

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