Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1242.

Kein Feld so weit wie das pommersche

Die Europäische Akademie Külz/Kulice und der Verein zur Förderung der deutsch-polnischen Zusammenarbeit e. V. hatten zu einem viertägigen Seminar zum Thema „Mit Theodor Fontane in Pommern und seine Rezeption in Polen“ nach Külz in Polen eingeladen. Es nahmen 50 Deutsche und Polen teil, überwiegend Mitglieder von Fontane-Kreisen aus Schleswig-Holstein, Hamburg, Berlin, Zeuthen (Brandenburg) und Nordrhein-Westfalen sowie Mitglieder der Deutsch-Ägyptischen Gesellschaft Bonn–Kairo e.V. und des Vereins zur Förderung der deutsch-polnischen Zusammenarbeit e. V. Im Seminar wurden die Verbindungen Theodor Fontanes (1819–1898) zu Pommern, seine Rezeption in Ägypten sowie sein Polenbild vor dem Hintergrund der deutsch-polnischen Geschichte erörtert.

Neben Vorträgen wurden aufschlußreiche Exkursionen nach Marienfließ/Marianowo, Pansin/Pêzino, Stargard/Stargard Szczeciñski, Swinemünde/Swinoujscie, Trieglaff/Trzyglów und Ribbekardt/Rybokarty angeboten, gut vorbereitet und organisiert von der Akademieleiterin Lisaweta von Zitzewitz und ihrer Mitarbeiterin Marta Mozdzonek.

Mit Fontanes Fragment „Sidonie von Borcke“ befaßten sich Elsbeth Vahlefeld aus Dorsten und Dr. Anna Maria Stuby von der Universität Hannover. Elsbeth Vahlefeld referierte über „Herkunft und Leben der Sidonia von Borcke“, während Dr. Anna Maria Stuby mit beeindruckendem Bildmaterial Sidonia von Borcke als „Femme fatale“ in der Malerei der Präraffaeliten präsentierte.

Mit dem Fontaneschen Fragment „Storch von Adebar“ und den hinterpommerschen Pietisten beschäftigte sich Elsbeth Vahlefeld. In diesem Fragment kritisiert Fontane die negativen Auswirkungen des „pietistischen Conservatismus“. Als Vorbilder für Protagonisten dienten ihm neben dem Ehepaar Bernhard von Lepel und Hedwig von Lepel-Wieck auch Adolf von Thadden aus Trieglaff, Mitglieder der Familien von Below, die im Kreis Stolp ansässig waren, und Angehörige der Familie Senfft von Pilsach, hier vor allem Ernst Senfft von Pilsach (1795–1882), der von 1852 bis 1866 Oberpräsident der Provinz Pommern und zudem als „Scheunenprediger“ und „Riesler“ bekannt war.

In seinem Referat „Effi Briest und das hinterpommersche Kessin, ein Ort der Fremde“, zeigte Peter Schaefer vom Fontane-Archiv Potsdam Beweggründe auf, die Fontane veranlaßt haben könnten, den fiktiven Ort Kessin an die hinterpommersche Küste zu legen. Für die Beschreibung Kessins und seiner Umgebung hat Fontane sich an Swinemünde, die Insel Usedom und die dortige pommersche Küste gehalten. Einige in dem Roman beschriebene Häuser und Straßen lassen sich eindeutig Swinemünde zuordnen.

Ihrem Anspruch, Mittler zwischen Völkern verschiedener Kulturen und Nationen zu sein, wurde die Europäische Akademie Külz–Kulice in besonderem Maße mit den Vorträgen zu Fontanes weltweiter Rezeption und zu seinem Polenbild gerecht. Prof. Dr. Charlotte Pawlowitsch-Hussein, Bonn, referierte über „Theodor Fontanes Rezeption in Ägypten“, wobei sie speziell auf Aspekte bei der Aneignung deutscher Literatur in einem fremdkulturellen Bereich einging. Die Referentin, die längere Zeit am Institut für Germanistik der Philosophischen Fakultät der Cairo University gelehrt hat, betonte, daß dort Studenten der Germanistik Werke Fontanes im Originaltext lesen; ihr besonderes Interesse gilt „Effi Briest“ und „Schach von Wuthenow“. In ihrem Vortrag stellte sie dem friderizianisch-preußischen Ehrbegriff aus „Schach von Wuthenow“ den Ehrbegriff der alten patriarchalischen Gesellschaftsordnung Ägyptens gegenüber, wie er in dem Roman „Die Sünde“ des ägyptischen Schriftstellers Yussuf Idris dargestellt wird.

Dr. Jan Pacholski. wissenschaftlicher Mitarbeiter am Germanistischen Institut der Universität Breslau und Leiter der polnischen Fontane-Sektion, referierte über Fontanes Polenbild in „Wanderungen durch die Mark Brandenburg!“ und in den „Kriegsbüchern“. Letztere erlebten erst in den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts eine Renaissance. Sie sind auch heute noch aktuell, weil in ihnen immer wieder die große Toleranz Fontanes, auch gegenüber der gegnerischen Seite, erkennbar wird.

Prof. Dr. Roswitha Wisniewski aus Heidelberg widmete sich „Fontanes Polenlyrik im Kontext der deutschen Begeisterung für den polnischen Aufstand 1830/1831“. Infolge des Aufstandes und des heldenhaften Kampfes der Polen gegen die Russen erfaßte die Deutschen eine Poleneuphorie. Es wurden Polenvereine gegründet, und beim Hambacher Fest 1832 wurde neben der schwarz-rot-goldenen Fahne auch die polnische Fahne von den begeisterten Studenten vorangetragen. Fontane verfaßte in den Jahren 1840/41 mehrere Gedichte, die diesen Freiheitskampf der Polen zum Inhalt haben. Prof. Wisniewski erläuterte Motive und Diktion einiger dieser Gedichte. Rafal Biskup und Martyna Rogulska, die beide an der Universität Breslau Germanistik studieren, erläuterten anschließend die Einstellung der Polen zu dieser Art „Polenpoesie“ und zu der Insurrektion mit Beispielen aus zeitgenössischer polnischer Dichtung und Prosa.

Die an der Pommerschen Pädagogischen Akademie (PAP) Slupsk/Stolp als wissenschaftliche Mitarbeiterin tätige Dr. Barbara Widawska untersuchte die preußisch-polnischen Familienbeziehungen in dem historischen Roman „Vor dem Sturm“. Fontane stellt die preußische Familie von Vitzewitz und die polnische Familie von Ladalinski gegenüber und beschreibt an ihnen das Verhältnis der beiden Nationen zueinander. Trotz gewisser Einschränkungen hat Fontane sowohl das Preußische als auch das Polnische gelobt, aber auch kritisiert. Bei Gesprächen in „Vor dem Sturm“ wird deutlich, welche Voreingenommenheit und Vorurteile zwischen Preußen und Polen bestehen. Der Roman wurde nach seinem Erscheinen im Posenschen viel gelesen. Auch heute noch regt er Leser dazu an, mehr denn je über das deutsch-polnische Verhältnis nachzudenken.

Die aus Intoleranz und mangelnder Bereitschaft, sich mit Menschen auseinanderzusetzen, entstehenden Probleme und menschlichen Leiden haben sich im großen und ganzen seit Fontanes Zeiten nicht verändert. Insofern war gerade die Europäische Akademie in Külz-Kulice der passende Ort, um über die Aspekte der „weltweiten Rezeption“ Fontanes informiert zu werden und von hier aus in Pommern, dem heutigen Pomorze, die Stätten aufzusuchen, die für das Schaffen des Schriftstellers bedeutsam gewesen sind.

Elsbeth Vahlefeld (KK)

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