Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1377.

Klösterlicher Wagemut

Im Bistum Görlitz wird das Klosters Neuzelle wiederbelebt

Portal des Klosters Neuzelle Bilder: der Autor

1817 wurde das Kloster Neuzelle säkularisiert und das Klosterleben erlosch, doch nach knapp 200 Jahren Abwesenheit kehren nun die Mönche in das ehemalige Zisterzienserkloster  zurück, das heute zum schlesischen Bistum Görlitz gehört. „Ich freue mich, dass Neuzelle nach 199 Jahren wieder Heimat für eine geistliche Gemeinschaft von Zisterziensern sein wird“, sagte der Görlitzer Bischof Wolfgang Ipolt in seiner ersten Reaktion auf die positive Entscheidung der Mönche vom Stift Heiligenkreuz bei Wien, die bei ihrem Konvent am 10. November 2016 entschieden, eine Wiederbesiedlung des Klosters Neuzelle zu wagen. Bischof Ipolt sprach von einem „Zeichen des Aufbruchs für unser Bistum Görlitz und für die ganze Region“.

Er hat die Zisterzienser der österreichischen Abtei Stift Heiligenkreuz im Wienerwald eingeladen, das Kloster neu zu besiedeln. Vier Mönche seien bereits im Sommer 2016 als „Pioniere“ angereist, um eine mögliche Neugründung zu prüfen. So seien anfangs Fragen zu klären gewesen, wo die Mönche leben, beten und Seelsorge anbieten könnten. Das Bistum Görlitz zeigte sich aber von Anfang an sehr zuversichtlich: „Details stehen noch nicht fest, aber Vorfreude und auch Hoffnung dürfen beide Seiten haben“, hieß es nach den ersten Gesprächen mit den angereisten Mönchen. Auch Kontakte zwischen der Kirche und Brandenburgs Kulturministerin Martina Münch (SPD) über die Ansiedlung eines Konvents habe es bereits im Vorfeld gegeben, und sie seien positiv verlaufen, berichtete die „Märkische Oderzeitung“.

Das Kloster Neuzelle aus dem 13. Jahrhundert mit der Stiftskirche St. Marien liegt südlich von Eisenhüttenstadt im östlichen Brandenburg und ist dem Kunsthistoriker und Denkmalpfleger Arne Franke (Berlin) zufolge das nördlichste Beispiel des süddeutschen und böhmischen Barocks in Europa. Mit seinen Gartenanlagen zeichnet es sich, für diese Region untypisch, durch eine prächtige barocke Gestaltung aus. Die in großen Teilen erhaltene barocke Klosteranlage wurde seit 1993 saniert. Der Klostergarten und die Orangerie wurden 2004 wiedereröffnet.

Bekannt ist das Kloster Neuzelle heute vor allem für die Neuzeller Passionsdarstellungen vom Heiligen Grab aus dem 18. Jahrhundert: 1751 bis 1753 schuf der aus Böhmen stammende Künstler Joseph Felix Seifrit im Auftrag von Abt Gabriel ein Ensemble von lebensgroßen, bemalten Holzskulpturen, die in 15 Szenen, verteilt auf fünf Bühnenbilder, die Passion, das Sterben und die Auferstehung Jesu darstellen. Bis zur Säkularisation wurden sie während der Passionszeit in der Klosterkirche aufgestellt, danach waren sie eingelagert. 1997 wurden auf dem Dachboden der Klosterkirche 229 der ursprünglich 242 Teile „wiederentdeckt“ und von 2011 bis 2014 im Brandenburgischen Landesamt für Denkmalpflege in Wünsdorf restauriert. Der theatralisch-dramatisch gestaltete Neuzeller Passionszyklus mit seiner Vielgestalt und der künstlerischen Qualität des Ensembles gilt in Europa als einzigartig, so Landeskonservator Thomas Drachenberg.

Nach der Auflösung des Klosters 1817 wurde die Kirche als katholische Pfarrkirche genutzt. Seit 1946 ist sie Wallfahrtskirche für das Bistum Görlitz und alljährlich Ziel von Bistumswallfahrten mit mehreren Tausend Teilnehmern. Die ebenfalls auf dem Gelände befindliche Pfarrkirche zum Heiligen Kreuz ist seit 1817 evangelisch. 2018 wird das Kloster Neuzelle seinen 750. Geburtstag feiern – mit Zisterziensern als Gastgebern.

Die Klosteranlage ist bei vielen als „Barockwunder Brandenburgs“ bekannt. Doch was bei dieser Pracht fast völlig untergeht, ist die Geschichte von Neuzelle. Am Anfang stand nicht das „Barockwunder“, sondern ein Zisterzienserkloster, das 1268 durch den Markgrafen Heinrich den Erlauchten (aus dem Hause Wettin) gegründet wurde. Die Hussitenkriege, die Reformation und den Dreißigjährigen Krieg überstand das Kloster, wenn auch unter Verlusten. 1817 konnten sich die Zisterzienser nicht mehr in Neuzelle halten. Das Kloster wurde durch König Friedrich Wilhelm III. säkularisiert, und der Besitz ging an die staatlich verwaltete Stiftung Neuzelle über.

Überraschung macht Freude, dem Überraschenden wie dem Überraschten: Pater Markus Gebhard Stark OCist mit der Vorsitzenden des St. Hedwigswerkes Elisabeth Reiß (Rietberg) am Rande der Schlesierwallfahrt in Bochum-Stiepel am 14. September 2016

Neuzelle liegt heute in der tiefsten Diaspora. Hier gibt es knapp drei Katholiken auf einen Quadratkilometer. Die Pfarrei Neuzelle ist die zahlenmmäßig kleinste Pfarrei im Bistum Görlitz – dem kleinsten Bistum Deutschlands. Das ehemalige Kloster Neuzelle hat allerdings in der DDR in den Jahren 1948 bis 1993 eine wichtige Rolle gespielt: Die Anlage beherbergte außer einem DDR-Lehrerinstitut (!) auch noch ein katholisches Priesterseminar. Da bis 1945 alle Priester im damaligen Mitteldeutschland in Seminaren entweder in West- bzw. Süddeutschland oder in Schlesien ausgebildet wurden und die DDR-Behörden den Zuzug von neuen Priestern aus Westdeutschland bzw. der Bundesrepublik verboten, wurde die Gründung von eigenen Seminaren durch die Bistümer auf dem Gebiet der DDR (Berlin, Magdeburg, Dresden–Meißen, Erfurt–Meiningen und Schwerin) notwendig. Diese Priesterseminare bestanden dann in Erfurt, Hysburg bei Magdeburg und in Neuzelle. Mit der deutschen Wiedervereinigung stellten Hysburg und Neuzelle ihre Tätigkeit ein.

Die sensationelle Meldung über die Neuansiedlung der Mönche im Kloster Neuzelle deutete bereits Pater Markus Gebhard Stark OCist am Rande der Schlesierwallfahrt in Bochum-Stiepel an, der nach fünfjähriger Tätigkeit das Ruhrgebiet verließ und seit dem 1. Oktober Provisor von St. Lorenzen am Steinfeld (Erzdiözese Wien) ist. Pater Stark, der aus Bludenz im Westen Österreichs stammt, erklärt auch, warum es kein Zufall ist, dass ausgerechnet die Zisterzienserabtei Stift Heiligenkreuz diese spektakuläre Wiedergründung ermöglicht hat: „Ich habe in Bregenz in der Zisterzienserabtei Wettingen–Mehrerau in verschiedenen Bereichen 20 Jahre gearbeitet. Ich bin danach in die Abtei Stift Heiligenkreuz gewechselt: Dort habe ich meine späte Berufung zum Priesteramt gefunden und  dort auch studiert. Damals waren wir 50 Theologiestudenten im Stift Heiligenkreuz – heute ist diese Hochschule eine Hochschule Päpstlichen Rechtes und hat über 300 Studenten. Früher haben vor allem die Wiener Studenten und Hochschulen auf uns heruntergeschaut – heute schaut man zu Heiligenkreuz hinauf! Heiligenkreuz ist die größte Priesterausbildungsstätte im deutschen Sprachraum geworden. Heiligenkreuz hat auch den meisten Nachwuchs von allen europäischen Klöstern. Zu verdanken ist diese imposante Entwicklung in erster Linie Abt Gregor Henckel-Donnersmarck, der seit 1999 Rektor der Philosophisch-Theologischen Hochschule Heiligenkreuz und seit deren Erhebung zur Päpstlichen Hochschule 2007 deren Großkanzler war.“

Abt Gregor Henckel-Donnersmarck

Gregor Henckel-Donnersmarck OCist wurde 1943 in Breslau als Ulrich Maria Karl Graf Henckel von Donnersmarck geboren. Am 3. März 2007 verlieh Papst Benedikt XVI. Abt Gregor – unter Bezug auf dessen Amt als Großkanzler einer Päpstlichen Hochschule – das Recht, einen violetten Pileolus zu tragen, der Bischöfen und besonderen Prälaten vorbehalten ist.

Abt Gregor Henckel-Donnersmarck hatte in den österreichischen Medien wiederholt vielbeachtete Auftritte, beispielsweise bei seinem Vortrag zum Thema „Islam, Christentum und Relativismus“ auf der Fachtagung „Das Unbehagen mit der Religion“ im Islamischen Zentrum Wien. Elsayed Elshahed von der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich antwortete spontan auf den Vortrag: „Herr Abt, betrachten Sie dieses Haus als Ihr Haus!“ Es war das erste Mal überhaupt, dass ein hoher christlicher Würdenträger einen Vortrag in der Wiener Moschee hielt.

Abt Gregor Henckel-Donnersmarck war übrigens der katholische Geistliche bei der ökumenischen Trauung des Chefs des Hauses Preußen, Georg Friedrich (evangelisch),  mit Sophie Prinzessin von Isenburg (katholisch) 2011 in der Friedenskirche in Potsdam. Dabei verlas er auch ein Grußschreiben von Papst Benedilt XVI. Die Hochzeit fand seinerzeit in den neuen Bundesländern ein großes Interesse und wurde sogar vom RBB-Fernsehen direkt übertragen.

Johannes Rasim (KK)

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