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Ausgaben: Ausgabe 1328.

Literatur und Kunst

Tenor geworden, Kantor geblieben

Ausstellung im Haus der Heimat Stuttgart über Joseph Schmidt aus Czernowitz, einen der ersten Medienstars, Kind und Opfer seiner Zeit

Unter den berühmtesten Tenören des 20. Jahrhunderts nimmt der Sänger Joseph Schmidt eine Sonderstellung ein. 1904 geboren, durchlebte er in einer Zeitspanne von nur acht Jahren unvorstellbare Triumphe – dank dem damals jungen Massenmedium Rundfunk. Schmidts Debüt in Berlin 1929 war ebenso ungewöhnlich wie sein kometenhafter Aufstieg zur Weltelite.

„Joseph Schmidt schaut uns jetzt bestimmt lächelnd über die Schulter“, scherzte Alfred Fassbind, Leiter des Joseph-Schmidt- Archivs im schweizerischen Oberdürnten, bei der Eröffnung der Ausstellung, die das Archiv mit dem Stuttgarter Haus der Heimat zeigt. „Nur die Autogramme von Maria Callas, Enrico Caruso und Joseph Schmidt sind auf Auktionen so teuer, 1000 Euro und mehr“, erklärte er. Für einige seltene, über 80 Jahre alte Muster- und Direktschnittplatten würden Sammler auch den Preis eines Einfamilienhauses bezahlen. Einen der Gründe dafür sieht Fassbind in der Verfemung und Verfolgung Schmidts in den 1930er Jahren. Die Nationalsozialisten entfernten und vernichteten in großem Umfang Aufnahmen jüdischer Künstler aus den Beständen und Archiven der deutschen Sender. Nur in seltenen Fällen sind diese speziellen, originalen Aufnahmeplatten erhalten geblieben.

Die Ausstellung blickt zunächst auf Herkunft und religiöse Heimat des Sängers – das „jüdische Czernowitz“. Orthodoxe und chassidische, liberale und zionistische Juden prägten an der Wende zum 20. Jahrhundert das Bild der Stadt mit. Joseph Schmidt lernte alle diese Strömungen kennen. Vater Wolf Schmidt war strenggläubiger Chassid, der kleine Joseph gehörte seit der Übersiedlung der Familie von seinem Geburtsort Davideny nach Czernowitz 1914 einer zionistischen Jugendorganisation an. Später, während des Studiums in Berlin, kam er in Kontakt mit der dortigen liberalen Reformgemeinde.

Entdeckt wurde das musikalische und gesangliche Talent des jungen Joseph Schmidt in der Synagoge. Josef Towstein, Komponist und Leiter des Chores des Israelitischen Tempels in Czernowitz, förderte die Gesangsausbildung des Jungen. Zehn Jahre später, aus dem „singenden Wunderkind aus Davideny“ war bereits ein gefragter Sänger geworden, wurde Schmidt zum ersten Kantor – Vorbeter in der Synagoge – ernannt. Die Ausstellung zeigt erstmals in Deutschland einige Faksimiles von Bittschriften Schmidts an den Vorstand der Kultusgemeinde. Das Staatliche Gebietsarchiv Tschernivcy in der Ukraine hat sie für die Ausstellung zur Verfügung gestellt.

1925 ging Schmidt zu seinem Onkel Leo Engel nach Berlin. Freunde und Förderer ermöglichten ihm ein Studium an der Hochschule für Musik und Gesang bei Professor Hermann Weißenborn, der in späteren Jahren auch Dietrich Fischer- Dieskau zum erfolgreichen Sänger ausbildete. Auf Empfehlung des Direktors der Musikhochschule durfte Schmidt Anfang Februar 1929 beim Rundfunk vorsingen.

Der Leiter der Opernabteilung des Berliner Senders „Funkstunde“, der niederländische Opernsänger Cornelis Bronsgeest, suchte ständig nach neuen Talenten. Schmidt, der mit seiner kleinen Gestalt (nur 1,54 Meter Körpergröße) für die Opernbühne ungeeignet schien, konnte sich mit einer ausdrucksvollen Stimme für den Rundfunk empfehlen. Gleich bei seinem Rundfunkdebüt am 18. April 1929 sang er mit der Rolle des Vasco da Gama in Meyerbeers Oper „Die Afrikanerin“ eine der heikelsten Partien, die es in der Opernliteratur für Tenöre gibt. Sein Auftritt war ein Riesenerfolg. Körbeweise ging Fanpost beim Sender ein. Von nun an war „der kleine Mann mit der großen Stimme“ jeden Monat, bis 1933 in insgesamt 42 großen Funkopernproduktionen, über den Berliner Sender zu hören.

Im Herbst 1929 brachte die junge Plattenfirma Ultraphon die ersten Schallplatten mit der Stimme Schmidts heraus: Arien aus Opern und Operetten. Schmidts Platten verkauften sich mit ungeahntem Erfolg und machten den Tenor zum meistgehörten Sänger Anfang der 1930er Jahre. Sein auf Schelllackplatten gepresstes Repertoire listet 209 Aufnahmen auf, darunter allein 41 Opern und 15 Operetten.

Die Carl Lindström AG, damals größte Plattenfirma Europas mit Stammsitz in Berlin, engagierte im Sommer 1929 Joseph Schmidt und andere talentierte junge Sänger für Aufnahmen der gesamten musikalischen Liturgie der jüdischen Reformgemeinde auf über 100 Schallplatten. Damit sollten jüdischen Kultusgemeinden, Altenheimen und Krankenhäusern, die sich aus finanziellen Gründen keinen Kantor leisten konnten, erstklassige musikalische Darbietungen für Gottesdienste zur Verfügung gestellt werden. Die von Schmidt besungenen Schallplatten, darunter auch in hebräischer und aramäischer Sprache, gehören zu den schönsten der Sammlung, die nur noch lückenhaft erhalten ist.

„Die Begeisterung des Publikums hatte fast schon Züge einer Massenhysterie“, berichtete Alfred Fassbind. Aber schon 1933 stellten Kritiker immer öfter die Frage, in welches Fach sie den gefeierten Tenor stecken sollten: War er ein ernst zu nehmender Opernsänger, ein Gesangskünstler oder ein auf Breitenwirkung bedachter singender Filmstar? Joseph Schmidt war sich dieser Gratwanderung immer bewusst. Sein Publikum indes stellte sich diese Fragen nicht. Es jubelte ihm in Breslau, Danzig, Czernowitz und Riga zu, er trat beim Südfunk Stuttgart und an der Königlich Flämischen Oper in Antwerpen auf. Er gastierte zu Wohltätigkeits- und Rundfunkkonzerten in Deutschland, England, den Niederlanden, Belgien, Frankreich, Polen, der Schweiz, Finnland, Österreich, Rumänien, Bulgarien und der Tschechoslowakei. Im Frühjahr 1934 reiste er für mehrere Wochen nach Palästina, wo er ein halbes Dutzend ausverkaufte Konzerte vor jüdischen Landarbeitern gab. In der Wiener „Stimme“ schilderte der Tenor seine besonderen Eindrücke von dieser Reise: „Ein unvergessliches Erlebnis … Das war kein Konzert mehr. Eins waren ich und das Publikum, vorwiegend Arbeiter in ihren schmucken Arbeitskitteln, direkt von der Arbeit kommend … Ich sang hier aus purer Lust am Singen und zugleich mit dem Bewusstsein der Zugehörigkeit zu dieser Gemeinschaft, und im Gefühle, als ob ich mit ihnen eben von der Feldarbeit heimgekehrt wäre …“

Am 9. Mai 1933 umjubelten im einst größten Kino Deutschlands, im Berliner Ufa-Palast, 2200 Zuschauer die Uraufführung des Joseph- Schmidt-Films „Ein Lied geht um die Welt“. Der 29jährige Joseph Schmidt hatte den Höhepunkt seiner Karriere in Deutschland erreicht – aber auch den Wendepunkt. Wenige Monate zuvor waren die Nationalsozialisten an die Macht gekommen. Dem Juden Joseph Schmidt war bereits im Februar 1933 der Zutritt zum Rundfunkhaus verboten worden. Sein erfolgreicher Film durfte noch einige Zeit gezeigt werden und wurde dann verboten. Ab 1936 war auch der Verkauf seiner Schallplatten, wie vieler anderer „Judenplatten“, in Deutschland untersagt.

Joseph Schmidt emigrierte Ende 1933 nach Wien, feierte dort Triumphe wie schon zuvor in Berlin. In der Donaumetropole standen ihm alle Türen offen. Er drehte hier weitere erfolgreiche Musikfilme, die jedoch dem deutschen Publikum nie gezeigt wurden.

Gerade von einer Konzerttournee an der Ostküste der USA nach Wien zurückgekehrt, konnte sich Schmidt wenige Tage vor dem „Anschluss“ Österreichs an Hitler- Deutschland im März 1938 nach Brüssel absetzen. Mit dem Ziel, Europa zu verlassen, reiste er wie viele andere Flüchtlinge 1941 nach Südfrankreich. Er scheiterte mehrere Male bei dem Versuch, auf legalem Weg in die USA auszureisen. Als gebrochener Mann rechnete er täglich damit, von der Gestapo abgeholt und nach dem Osten deportiert zu werden. Nur eine Flucht in die Schweiz konnte ihn noch vor dem Verderben retten. Doch die Schweizer Behörden verfügten im August 1942 eine totale Grenzsperre für Flüchtlinge. Am 7. Oktober 1942 gelang ihm bei Genf der illegale Grenzübertritt. Völlig erschöpft wurde er in Zürich, wo er zwei Jahre zuvor noch Konzerte gesungen hatte, aufgegriffen. Die Schweizer Behörden erteilten dem Sänger, der sich mittellos und illegal im Land aufhielt, Auftrittsverbot und wiesen ihn in das Internierungslager Girenbad ein. Die polizeilichen Vernehmungsprotokolle waren sieben Jahrzehnte unter Verschluss. Jetzt werden sie erstmals in der Stuttgarter Ausstellung der Öffentlichkeit präsentiert.

Joseph Schmidt erkrankte im Lager und wurde mit einer Halsentzündung in das Kantonsspital Zürich eingeliefert. Obwohl der Sänger die Ärzte über schmerzhaftes Klemmen in der Brustgegend informierte, wurde er nach zehn Tagen unbehandelt und mit einer fatalen Fehldiagnose als lagerfähig entlassen. Zwei Tage später, am 16. November 1942, starb Schmidt an Herzversagen.

Die Stuttgarter Ausstellung zeigt rund 100 sorgsam ausgewählte Briefe, Fotos, Konzertprogramme, Filmplakate und Filmausschnitte, seltene Rundfunk- und Schallplattenaufnahmen und Exponate aus dem persönlichen Besitz Schmidts. Zum Beispiel zwei Seidenschals, die der Sänger 1932 als Anerkennung für besonders hohen Plattenumsatz von seiner Plattenfirma Parlophon bekam; seinen zerschlissenen Toilettenkoffer, der zu seinen wenigen Habseligkeiten im Lager Girenbad zählte; einen goldenen Crayon (Drehbleistift), ein Geschenk der Stadt Czernowitz für Schmidts Benefizkonzert zugunsten eines Kinderspitalbaues.

Die Ausstellung ist bis zum 7. März 2013 in Stuttgart zu sehen.

Carsten Eichenberger (KK)

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