Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
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Ausgaben: Ausgabe 1310.

Literatur und Kunst

Hier ist alles Eisen, was glänzt

Die Sonderschau „Glanz im Schloß“ in Neuwied zeigt Eisenkunstguß aus dem gesamten östlichen Europa

In den Ländern der österreichisch-ungarischen Monarchie und im alten Rußland gab es bedeutende Gießereien, die künstlerischen Feineisenguß produzierten. Als Vorbild dienten die königlich-preußischen Eisengießereien in Gleiwitz, Berlin und Sayn. Eine repräsentative Auswahl von über 100 herausragenden Eisenkunstobjekten aus dem Bestand der Grazer Hanns Schell Collection ist im Rheinischen Eisenkunstguß-Museum im Schloß der Fürstenfamilie Sayn-Wittgenstein bei Bendorf/Neuwied zu sehen.

Erstmals beherbergt Rheinland-Pfalz eine Schau mit seltenen Sammlerstücken aus Eisenfeinguß der bekanntesten Gießereien zwischen Donau und Ural. Sie wurden Standorten in Österreich, Ungarn und Siebenbürgen, in Böhmen und Mähren sowie in Rußland zugeordnet. Die Ausstellung „Glanz im Schloß“ ist übrigens Bestandteil des „Kulturparks Sayn“ im Rahmen der BUGA 2011. Mit dem zweiten Eisenkunstguß-Sammlertreffen vom 23. bis zum 25. September 2011 wird die Präsentation abgeschlossen.

In der Sonderschau sind mehrere Exponate aus der Werkstatt des Wiener Goldschmiedes und Ziseleurs Joseph Glanz (1795– 1866) ausgestellt, so daß sein Name titelgebend eingesetzt wurde. Sein Werk umfaßt neben kleinfigürlichen Objekten wie Schreibund Tintenzeug, Briefbeschwerern und Kerzenständern auch beeindruckende Statuetten. Die „Büste Franz Joseph“, die Statuetten „Kaukasier“ und „Montenegriner“ sowie der „Christuskopf mit Dornenkrone“ sind nur einige seiner Arbeiten. Da Glanz viele seiner Stücke signiert oder markiert hat, ist die Zuordnung der nicht gekennzeichneten Objekte durch den Vergleich der Ornamente, der Farbgebung und der Feinheit des Gusses durchaus möglich. Die Kleingüsse zeichnen sich nämlich durch außergewöhnliche Detailtreue, charakteristische Verzierungen wie überlappende, aus dem Rahmen herausreichende Ranken und teilweise durch „Edelpatina“ aus.

Auch wenn Eisen ein recht ungewöhnliches Material für Schmuckstücke ist, hat sich der künstlerische Feineisenguß während des 19. Jahrhunderts auch in dieser Sparte durchgesetzt. Eine Mustertafel mit filigranen Armbändern und Colliers aus dem Hause Glanz sind der Beweis dafür.

Ein Höhepunkt der Sonderausstellung ist die 80 Zentimeter hohe „Büste der Kaiserin Elisabeth in ungarischer Krönungsrobe von 1867“ aus der Wiener Gießerei Meindl-Breit. Die fein ziselierten Gesichtszüge und die akribisch herausgearbeiteten Details sind nach einem Modell von Victor Tilgner geschaffen worden.

Weitere Ausstellungsstücke aus „schwarzem Gold“, wie Gußeisen genannt wurde, stammen aus der im 18. Jahrhundert von den Fürsten Rákoczi gegründeten Gießerei Munkács (heute Ukraine). Anfang des 19. Jahrhunderts wurde der Standort unter Friedrich Karl Graf Schönborn durch die Kunstgießerei mit Kupolöfen und zwei Modellwerkstätten erweitert. Als erster Bildhauer war Valentin Willaschek „Wilseck“ tätig, der nach Vorbildern aus der Gleiwitzer und der Berliner Gußhütte arbeitete. Später schuf hier auch der Modelleur Andreas Schossel beeindruckende Kleinplastiken, darunter die Statue „Hephaistos“, ein Zündholzbehälter, die Grabplastik „Engel“ und die Schachfigur „Dame“.

Ausstellungsstücke wie „Bergmann mit Grubenhunt“, „Liegender Bergmann“ (Briefbeschwerer) und „Teller mit Hirtenszene“ wurden in ungarischen und siebenbürgischen Gießereien wie Reschitza/Resiczabánya in Siebenbürgen (heute Rumänien) und Rhonic (heute Slowakei) gefertigt. Die Exponate „Wildschwein auf Grassockel“ und „Figurenleuchter auf Grassockel“ sowie „Dakkel“ (Briefbeschwerer) stammen aus der Budapester Gießerei von Abraham Ganz.

Böhmen ist durch die Produktion in Horowitz (Komarau), Neu Joachimsthal und Ransko bekannt geworden. So etwa sind die Statuette „Kaiser Franz Joseph“ und das große Wandbild „Abendmahl“ mit „Komarau“ signiert. Zu den mährischen Eisengießereien gehören jene in Blansko, Friedland, Wölkingsthal und Ludwigsthal. Nahezu unbekannt und demnach sehr selten sind Kunstgüsse aus Witkowitz, dem größten Hüttenwerk der Habsburger Monarchie. Ein Wandschmuck „Eisernes Kreuz“ und ein Aschenbecher tragen die Signatur „Witkowitz“.

Das bekannteste Eisenhüttenwerk in Rußland war das bei Jekaterinburg am Ural gelegene Kasli-Werk. Aus dieser Gießerei kommen Objekte wie die „Trojka im Winter“, die Figurentanzgruppe „Lizgins Reiter“ sowie die Figuren „Kosakenmädchen zu Pferde“ und „Der gefallene Reiter“.

In einer Auflage von 2000 Stück hat der Eigenverlag Hanns Schell Collection anläßlich der Ausstellung den reich illustrierten Band „Eisenkunstguß aus der Östereichisch/ Ungarischen Monarchie“ von Martina Pall herausgebracht.

Wer die Sonderschau „Glanz im Schloß“ besucht, kann seine Eindrücke mit einem Rundgang durch die Dauerpräsentation des Rheinischen Eisenkunstguß-Museums vervollständigen. Hier sind u. a. Exponate wie die filigrane Wendeltreppe, Kunstgußöfen aus der Produktion der Bendorfer Concordia- Hütte und das kleinste Gußobjekt, die „Sayner Fliege“, zu sehen. Lohnend ist auch ein Abstecher zur benachbarten Sayner Hütte.

Dieter Göllner (KK)

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